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BRICS in Neu-Delhi: Wie ein widersprüchlicher Staatenblock trotzdem Macht gewinnt

Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate unterschreiben dieselbe Erklärung, Russland sitzt mit Indien und China am Tisch: BRICS ist kein Bündnis gemeinsamer Werte. Gerade seine Widersprüche erklären aber einen Teil seiner wachsenden Bedeutung.

Wer BRICS wie eine NATO des Globalen Südens betrachtet, versteht den Block falsch. In Neu-Delhi saßen am Wochenende Staaten zusammen, deren Interessen sich teilweise direkt widersprechen. Iran und die Vereinigten Arabischen Emirate stehen im Nahostkonflikt auf unterschiedlichen Seiten. Indien und China sind strategische Rivalen mit ungeklärten Grenzfragen. Russland führt einen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Brasilien und Südafrika versuchen zugleich, Beziehungen zu westlichen Staaten und zu Moskau oder Peking offen zu halten.

Trotzdem verabschiedete die Gruppe eine gemeinsame Erklärung. Das ist kein Beweis tiefer Einheit. Es zeigt vielmehr, worin die eigentliche Stärke von BRICS liegen könnte: nicht in einer gemeinsamen Ideologie, sondern in der Fähigkeit sehr unterschiedlicher Staaten, dort Interessen zu koordinieren, wo sie sich überschneiden.

Ein Block gegen den Westen?

Diese Beschreibung ist verführerisch, aber zu grob. BRICS kritisiert westlich dominierte Institutionen, Sanktionen und die Machtverteilung in IWF und Weltbank. Gleichzeitig sind viele Mitglieder eng mit westlichen Märkten, Kapital und Sicherheitspartnerschaften verbunden. Die Vereinigten Arabischen Emirate sind dafür ein besonders deutliches Beispiel.

Auch Indien will keine chinesisch dominierte Gegenordnung. Neu-Delhi pflegt Beziehungen zu den USA, Europa und Japan und arbeitet gleichzeitig mit Russland und BRICS. Für Indien ist strategische Autonomie wertvoller als Blockdisziplin.

Warum BRICS trotzdem wächst

Viele Schwellen- und Entwicklungsländer empfinden die Stimmrechte und Entscheidungsstrukturen globaler Finanzinstitutionen als nicht mehr passend zur heutigen Wirtschaftsverteilung. BRICS bietet ihnen eine Plattform, diese Kritik gemeinsam zu formulieren.

Hinzu kommen praktische Projekte: Die New Development Bank finanziert Infrastruktur; Finanzminister diskutieren schnellere grenzüberschreitende Zahlungssysteme und lokale Währungen. Das ist weit entfernt von einer gemeinsamen BRICS-Währung, kann aber Transaktionskosten und Abhängigkeiten schrittweise verändern.

Die Neu-Delhi-Erklärung als Minimal-Konsens

Die gemeinsame Erklärung ruft angesichts des Nahostkriegs zu maximaler Zurückhaltung auf, betont Souveränität und Schutz von Zivilisten und kritisiert einseitige Handels- und Finanzmaßnahmen. Dass Iran und die VAE zustimmten, ist diplomatisch bemerkenswert.

Gleichzeitig zeigt der Text die Grenzen des Formats. Je größer die Differenzen, desto allgemeiner muss ein Konsens formuliert werden. Die Erklärung kann deshalb politische Signale setzen, ohne konkrete Konflikte zu lösen.

Russland profitiert von der Bühne

Für Russland besitzt BRICS zusätzlich einen außenpolitischen Wert: Der Gipfel demonstriert, dass Moskau trotz westlicher Sanktionen und des Angriffskriegs gegen die Ukraine international nicht vollständig isoliert ist. Treffen mit großen Schwellenländern liefern Bilder politischer Normalität.

Das bedeutet nicht, dass die anderen Mitglieder Russlands Kriegsziele teilen. Gerade Indien versucht, Beziehungen zu Russland zu nutzen, ohne dessen Annexionen ausdrücklich anzuerkennen. Für die Ukraine ist diese Differenz wichtig: Kritik an westlichen Sanktionen oder Kooperation mit Moskau ist nicht automatisch Zustimmung zum russischen Angriff – kann Russland wirtschaftlich und diplomatisch aber trotzdem helfen.

China will Führung, Indien will Spielraum

China beschreibt BRICS gern als Stimme des Globalen Südens und Instrument einer multipolareren Weltordnung. Indien unterstützt Reformen globaler Institutionen, will aber selbst keine Ordnung, in der Peking die westliche Dominanz lediglich ersetzt.

Diese Spannung wird den Block dauerhaft begleiten. Je größer BRICS wird, desto stärker steigt sein demografisches und wirtschaftliches Gewicht – und desto schwieriger wird gleichzeitig eine gemeinsame Außenpolitik.

Die Dollarfrage wird überschätzt

Immer wieder wird BRICS als Projekt zur unmittelbaren Ablösung des US-Dollars beschrieben. Dafür fehlen derzeit wesentliche Voraussetzungen. Eine dominante Reservewährung braucht tiefe und liquide Kapitalmärkte, Vertrauen in Institutionen, freie oder verlässlich kalkulierbare Kapitalbewegungen und eine enorme Menge sicherer Anlageinstrumente.

Ein interoperables Zahlungssystem oder mehr Handel in lokalen Währungen kann den Dollaranteil in bestimmten Geschäften reduzieren. Das ist aber etwas anderes als eine gemeinsame Währung oder ein kurzfristiger Sturz des Dollars.

Wo die Macht tatsächlich liegt

BRICS muss keine geschlossene Allianz werden, um Einfluss zu gewinnen. Schon koordinierte Stimmen in internationalen Institutionen, gemeinsame Entwicklungsfinanzierung und alternative Zahlungswege können Verhandlungsmacht erhöhen.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht, ob BRICS „geeint“ ist. Das ist der Block offensichtlich nicht. Entscheidend ist, ob seine Mitglieder ihre Unterschiede lange genug verwalten können, um in ausgewählten Bereichen gemeinsam zu handeln.

Neu-Delhi liefert dafür ein interessantes Beispiel: Iran und VAE lösen ihren Konflikt nicht, Russland und andere Mitglieder teilen keine gemeinsame Sicht auf die Ukraine, Indien und China bleiben Rivalen. Trotzdem entsteht ein Forum, das einen immer größeren Teil der Weltbevölkerung und Weltwirtschaft an einen Tisch bringt. Gerade diese Fähigkeit zur Kooperation ohne tiefe politische Gemeinsamkeit macht BRICS relevant – und setzt ihm zugleich enge Grenzen.

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Stand: 13.09.2026. Die Analyse bezieht sich auf die Neu-Delhi-Erklärung und öffentlich dokumentierte Gipfelergebnisse. Konkrete Folgeabkommen und Finanzierungsbeschlüsse können nach dem Gipfel ergänzt werden.