Zum Inhalt springen
KIVOZ · Nachrichten auf Faktenbasis
Aktuell
Wirtschaft

Europas KI-Lücke: Warum zwei Prozent Umsatz mehr aussagen als ein Mangel an Start-ups

Führende Ökonomen warnen vor Europas Rückstand bei künstlicher Intelligenz. Europäische Modellentwickler erzielen zusammen weniger als zwei Prozent des Umsatzes zweier großer US-Konkurrenten. Das Problem reicht von Kapital bis Rechenleistung.

Europa hat gute KI-Forschung, leistungsfähige Industrieunternehmen und mit ASML einen Schlüsselakteur der globalen Halbleiter-Lieferkette. Trotzdem wächst die Sorge, dass der Kontinent beim wirtschaftlichen Aufbau künstlicher Intelligenz dauerhaft hinter den USA und China zurückfällt.

Eine am Sonntag vorgestellte Strategie führender Ökonomen formuliert die Lücke drastisch: Europäische Entwickler großer KI-Modelle erwirtschaften zusammen weniger als zwei Prozent des Umsatzes von nur zwei US-amerikanischen Konkurrenten, sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. Nobelpreisträger Philippe Aghion fordert, die EU müsse ihre Anstrengungen vervielfachen.

Das Problem ist nicht nur das Modell

Bei KI konzentriert sich die öffentliche Debatte oft auf Chatbots. Wirtschaftlich entscheidend ist aber ein ganzer Stack: Chips, Rechenzentren, Strom, Cloud-Infrastruktur, Daten, Modelle, Fachkräfte und Anwendungen in Unternehmen. Europa ist in einzelnen Schichten stark und in anderen schwach.

ASML ist ein Beispiel für europäische technologische Macht. Ohne die niederländischen Lithografieanlagen lässt sich modernste Chipproduktion kaum skalieren. Gleichzeitig findet ein großer Teil der eigentlichen Chipfertigung in Asien statt, während die größten Cloud- und Modellanbieter aus den USA kommen. Europas Abhängigkeit ist deshalb keine simple technologische Rückständigkeit, sondern eine asymmetrische Wertschöpfungskette.

Kapital und Skalierung

Große Basismodelle benötigen enorme Investitionen in Rechenleistung. US-Konzerne können diese Ausgaben aus bestehenden Cloud-, Werbe- und Softwaregeschäften finanzieren. Europäische Start-ups müssen häufiger externes Kapital aufnehmen und stoßen beim Wachstum auf einen fragmentierteren Kapitalmarkt.

Das heißt nicht, dass Europa zwingend einen eigenen Klon jedes amerikanischen Modells bauen muss. Eine sinnvolle Strategie kann auch auf spezialisierte Modelle, industrielle Anwendungen, sichere Infrastruktur und offene Standards setzen. Gerade Europas Maschinenbau, Chemie, Pharmaindustrie und Automatisierung bieten Daten und Anwendungswissen, das sich nicht einfach durch einen großen Chatbot ersetzen lässt.

Regulierung ist nur ein Teil der Debatte

Unternehmen kritisieren häufig den europäischen AI Act und andere Regeln als Belastung. Regulierung kann Kosten erzeugen. Sie erklärt den Rückstand aber nicht allein. Die amerikanische Dominanz entstand auch durch tiefere Kapitalmärkte, große Cloudplattformen, frühere Investitionen und Zugang zu Rechenzentren. Wer ausschließlich Bürokratie verantwortlich macht, übersieht diese strukturellen Faktoren.

Umgekehrt wäre es naiv, Regulierung als Wettbewerbsvorteil an sich zu verkaufen. Vertrauen kann ein Marktwert sein – aber nur, wenn europäische Unternehmen gleichzeitig leistungsfähige Produkte anbieten.

Was die Ökonomen vorschlagen

Die Strategie fordert unter anderem sichere Lieferketten, eine stärkere Nutzung europäischer Schlüsseltechnologien und Institutionen, die auf KI-gestützte Cyberangriffe und andere Krisen vorbereitet sind. Dahinter steht ein wirtschaftspolitischer Gedanke: Europa muss nicht in jeder Stufe autark sein, sollte aber bei kritischen Abhängigkeiten echte Alternativen besitzen.

Die entscheidende Kennzahl wird deshalb nicht sein, wie viele „europäische ChatGPTs“ angekündigt werden. Wichtiger ist, ob europäische Unternehmen KI produktiv einsetzen, ob Start-ups hier skalieren können, ob genügend Rechenleistung verfügbar ist und ob Wertschöpfung im Kontinent bleibt. Die Zwei-Prozent-Zahl ist ein Warnsignal – aber noch kein Schicksal.

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Stand: 15.09.2026. Die Zwei-Prozent-Angabe stammt aus der vorgestellten Ökonomenstrategie und beschreibt Umsatzrelationen europäischer Modellentwickler zu zwei US-Konkurrenten, nicht Europas gesamte KI-Wertschöpfung.