In vielen deutschen Wahlkämpfen dominiert derzeit Migration. In Berlin schiebt sich ein anderes Thema nach vorn: die Wohnung. Nach einer aktuellen Reuters-Recherche haben sich die Angebotsmieten in der Hauptstadt seit 2014 nahezu verdoppelt. Bis 2040 werden rund 211.000 zusätzliche Wohnungen benötigt. Das ist mehr als eine abstrakte Statistik. Für Haushalte mit mittleren und niedrigen Einkommen entscheidet der Wohnungsmarkt zunehmend darüber, ob sie in ihrem Kiez bleiben können.
Eine wachsende Stadt trifft auf langsamen Neubau
Berlin ist seit Jahren gewachsen. Die Stadt zog Beschäftigte der Techbranche, Studierende, internationale Fachkräfte und Schutzsuchende an. Gleichzeitig blieb der Wohnungsbau hinter dem zusätzlichen Bedarf zurück. Genau diese Kombination treibt Preise: mehr Nachfrage trifft auf ein Angebot, das sich nur langsam erweitern lässt.
Wohnungen sind kein gewöhnliches Gut. Ein Bäcker kann bei hoher Nachfrage relativ schnell mehr Brötchen backen. Neue Wohnungen benötigen Grundstücke, Planung, Genehmigungen, Finanzierung, Baukapazitäten und oft Jahre bis zur Fertigstellung. Deshalb können selbst sinnvolle Neubauprogramme eine akute Knappheit nicht sofort beseitigen.
Die Parteien bieten unterschiedliche Diagnosen
Die Linke setzt stark auf Mietregulierung, sozialen Wohnungsbau und Einschränkungen für Ferienwohnungen. CDU, FDP und AfD befürworten unter anderem eine begrenzte Bebauung des Tempelhofer Feldes. SPD und Grüne wollen die große Freifläche grundsätzlich erhalten. Die AfD verknüpft die Wohnungsfrage zudem stärker mit Zuwanderung.
Keine dieser Perspektiven erklärt die Krise allein. Bevölkerungswachstum erhöht selbstverständlich die Nachfrage. Das gilt für Zuwanderung ebenso wie für innerdeutsche Umzüge oder kleinere Haushaltsgrößen. Entscheidend ist aber, ob eine wachsende Stadt ihr Angebot entsprechend erweitert. Eine Migrationsdebatte ersetzt deshalb keine Boden-, Bau- und Infrastrukturpolitik.
Tempelhof als Symbol
Kaum ein Ort verdichtet den Konflikt so sichtbar wie das Tempelhofer Feld. Das ehemalige Flughafengelände ist heute eine riesige innerstädtische Freifläche. Befürworter einer Randbebauung sehen dort eine seltene Chance für zusätzlichen Wohnraum. Gegner verweisen auf Klima, Erholung, Biodiversität und das Ergebnis des Volksentscheids von 2014, der eine Bebauung stoppte.
Auch hier lohnt der Blick auf Größenordnungen. Selbst mehrere Tausend Wohnungen auf dem Feld würden den bis 2040 prognostizierten Bedarf von 211.000 Einheiten nur teilweise decken. Tempelhof ist daher zugleich reale Flächenreserve und politisches Symbol. Die Wohnungskrise wird dort weder allein gelöst noch allein verursacht.
Mieterschutz und Neubau sind keine Gegensätze
In der Debatte werden zwei Instrumente häufig gegeneinander gestellt. Mietregulierung kann verhindern, dass bestehende Mieter kurzfristig verdrängt werden. Sie schafft aber keine neue Wohnung. Neubau vergrößert das Angebot, wirkt aber langsam und kann bei hohen Bau- und Grundstückskosten zunächst teuer sein. Sozialer Wohnungsbau wiederum schafft gezielt bezahlbare Wohnungen, benötigt jedoch langfristige öffentliche Finanzierung und ausreichend lange Bindungen.
Eine belastbare Strategie muss deshalb mehrere Ebenen verbinden: schnelleres Planen und Genehmigen, Nachverdichtung dort, wo Infrastruktur sie verträgt, neue Quartiere, Schutz bestehender bezahlbarer Bestände und ein öffentlicher Wohnungssektor, der nicht ausschließlich Renditezielen folgt.
Die soziale Folge der Knappheit
Steigende Mieten verändern eine Stadt lange bevor Menschen obdachlos werden. Beschäftigte ziehen weiter hinaus und pendeln länger. Kulturorte verlieren Räume. Familien bleiben in zu kleinen Wohnungen. Unternehmen finden schwerer Personal, wenn Beschäftigte in der Nähe keinen bezahlbaren Wohnraum finden. Die Wohnungsfrage wird damit zur Verkehrs-, Klima-, Wirtschafts- und Sozialfrage zugleich.
Der Berliner Wahlkampf zeigt deshalb etwas, das auch andere wachsende Städte betrifft: Wohnungspolitik ist nicht mehr nur ein Ressortthema. Wo Wohnen knapp wird, entscheidet es über die Zusammensetzung ganzer Stadtteile – und irgendwann auch über Wahlen.
Quellen
Redaktioneller Hinweis: Recherche- und Aktualisierungsstand: 18.09.2026, 08:37 Uhr MESZ. Die Zahl von 211.000 Wohnungen ist eine Bedarfsprojektion bis 2040 und keine bereits bestehende amtliche Fehlbestandszahl.