Ausgangsbehauptung: Kremlsprecher Dmitri Peskow erklärte am 21. September, der jüngste Wahlerfolg der AfD sei zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass Deutschland kein billiges russisches Gas mehr kaufe und stattdessen teurere Energie aus anderen Ländern, vor allem den USA, beziehe.
Urteil: verkürzt/irreführend.
Der Satz verbindet zwei reale Entwicklungen: Deutschland verlor nach 2022 große Mengen günstigen russischen Pipelinegases, und die AfD erzielte 2026 außergewöhnlich hohe Wahlergebnisse in mehreren ostdeutschen Ländern. Nicht belegt ist der behauptete direkte Kausalzusammenhang in der Stärke, in der der Kreml ihn formuliert.
Was an der Behauptung stimmt
Deutschlands Industrie litt in den vergangenen Jahren unter höheren Energiepreisen. Besonders gasintensive Branchen mussten Kosten senken, Produktion verlagern oder Investitionen neu bewerten. Auch Haushalte spürten die Energiekrise. Energie- und Wirtschaftspolitik sind daher plausible Motive politischer Unzufriedenheit.
Richtig ist ebenfalls, dass russisches Pipelinegas vor dem Angriff auf die Ukraine häufig günstiger war als kurzfristig beschafftes LNG. Das erklärt einen Teil des wirtschaftlichen Schocks nach 2022.
Was die Behauptung auslässt
Wahlentscheidungen haben selten eine einzelne Ursache. Bei den jüngsten Landtagswahlen spielten zugleich Migration, Unzufriedenheit mit der Bundesregierung, regionale Identität, Vertrauen in Institutionen, Kandidaten, Protestmotive und die Schwäche konkurrierender Parteien eine Rolle. Wer aus einem Wahlergebnis eine einzige ökonomische Ursache herausliest, müsste dies mit belastbaren Wählerwanderungs- und Motivdaten belegen.
Hinzu kommt ein zweiter Auslassungseffekt: Der Kreml beschreibt das Ende russischer Gaslieferungen, ohne Russlands eigenen Anteil an der europäischen Energiekrise angemessen zu berücksichtigen. Russland reduzierte Lieferungen bereits vor der vollständigen Unterbrechung; die politische Abhängigkeit von einem autoritär regierten Lieferstaat wurde nach der Vollinvasion der Ukraine selbst zum Sicherheitsrisiko.
Warum die Erzählung für Moskau nützlich ist
Die Aussage passt zu einem strategischen russischen Narrativ: Sanktionen und Abkehr von russischer Energie schadeten vor allem Europa selbst, während eine Rückkehr zu wirtschaftlicher Zusammenarbeit Wohlstand wiederherstellen könne. Dieses Narrativ enthält einen wahren Kern – Entkopplung verursacht Kosten –, blendet aber den Grund der Entkopplung aus: Russlands Angriffskrieg und die daraus entstandene sicherheitspolitische Neubewertung.
Reuters berichtete zudem, dass AfD-Führungspersonen und Putins Wirtschaftsunterhändler Kirill Dmitriew Gespräche über mögliche künftige Gaslieferungen vorbereiten. Beide Seiten kommentierten die konkreten Pläne zunächst nicht. Das macht die Kreml-Aussage politisch besonders relevant, beweist aber weder russische Steuerung der AfD noch, dass Energiepolitik das Wahlverhalten dominiert.
Fazit
Hohe Energiepreise haben Deutschlands Wirtschaft belastet und können politische Unzufriedenheit verstärken. Daraus folgt jedoch nicht, dass das Ende billigen russischen Gases den AfD-Wahlsieg zu einem großen Teil verursacht hat. Dafür ist die Erklärung zu monokausal und die Beleglage zu dünn. Das angemessene Urteil lautet deshalb: verkürzt/irreführend.
Quellen
- Reuters: Kremlin says AfD's victory due in large part to lack of cheap Russian gas
- Reuters: Putin envoy and AfD prepare talks to get Russian gas back
Redaktioneller Hinweis: Recherche- und Aktualisierungsstand: 27.09.2026, 08:23 Uhr MESZ. Die Kreml-Aussage ist dokumentiert; eine belastbare monokausale Zuordnung des Wahlergebnisses zu Gaspreisen liegt nicht vor.