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Als das Einkaufszentrum brannte: Der russische Raketenangriff auf das Amstor in Krementschuk

Am 27. Juni 2022 traf eine russische Rakete das geöffnete Amstor in Krementschuk. 21 Zivilisten starben. Die UN widerlegt Moskaus Geschichte vom geschlossenen Einkaufszentrum.

Ukrainische Rettungskräfte arbeiten nachts mit einem Kran an der zerstörten Außenwand des Einkaufszentrums Amstor in Krementschuk

Stand: 27. September 2026

Am Nachmittag des 27. Juni 2022 traf eine russische Rakete das
geöffnete Einkaufszentrum Amstor im ukrainischen Krementschuk. 21
Zivilisten wurden getötet, Dutzende verletzt. Moskau behauptete
anschließend, das Gebäude sei außer Betrieb gewesen und lediglich durch
explodierende Munition in einer benachbarten Fabrik in Brand geraten.
Eine Untersuchung der Vereinten Nationen widerlegt diese Darstellung:
Das Einkaufszentrum wurde direkt getroffen. Die UN-Kommission bewertete
den Angriff als unterschiedslos und stellte fest, dass die russischen
Streitkräfte mögliche Schutzvorkehrungen unterließen. Der Fall zeigt,
wie aus einer militärischen Fehlentscheidung ein mutmaßliches
Kriegsverbrechen werden kann – und wie Desinformation unmittelbar danach
versucht, die Verantwortung zu verwischen.

Die letzten
Kunden eines gewöhnlichen Arbeitstages

Wjatscheslaw Jakymenko war 23 Jahre alt und arbeitete in einem
Elektronikgeschäft im Amstor. Der Montag hatte unspektakulär begonnen.
Menschen kauften Haushaltsgeräte, Computer und Dinge für den Alltag.
Zwei ukrainische Soldaten kamen in das Geschäft, um einen Laptop
abzuholen. Jakymenko scherzte mit ihnen darüber, dass sie ausgerechnet
das Computerspiel „World of Tanks“ installieren lassen wollten. Kurz
darauf verließen die beiden das Einkaufszentrum.

Es blieb eine beiläufige Begegnung, an die Jakymenko sich später
gerade deshalb erinnerte: Sie war normal. Ein kurzer Witz zwischen
Verkäufer und Kunden, während wenige hundert Kilometer weiter Krieg
herrschte.

Gegen 15.50 Uhr heulten in Krementschuk die Luftschutzsirenen. Einige
Kunden und Beschäftigte verließen das Einkaufszentrum und gingen in
einen Schutzraum auf der anderen Straßenseite. Andere waren noch auf dem
Weg hinaus oder blieben in den Geschäften. Wie viele Menschen sich im
Moment des Einschlags genau im Gebäude befanden, lässt sich nicht
zuverlässig rekonstruieren. Ukrainische Stellen sprachen zunächst von
mehr als 1.000 Menschen im Einkaufszentrum und auf dem Gelände. Sicher
ist: Das Amstor war geöffnet, es waren Kunden und Beschäftigte anwesend,
und der russischen Behauptung von einem stillgelegten Gebäude
widersprechen Zeugenaussagen, Videoaufnahmen, Kassenbelege und die
späteren Untersuchungen.

Dann schlug die Rakete ein.

Jakymenko verlor das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kam, lag er
unter Trümmern, Kabeln und Teilen seines Arbeitsplatzes. Um ihn herum
brannten Geräte. Dichter schwarzer Rauch nahm ihm die Sicht und die
Luft. Zunächst konnte er weder Arme noch Beine spüren. Trotzdem gelang
es ihm, sich zu befreien.

In der Dunkelheit hörte er Menschen rufen. Er fand seinen schwer
verletzten Kollegen Andrij Krassjuk und versuchte, ihn durch Rauch,
Feuer und herabgestürzte Bauteile ins Freie zu bringen. Krassjuk blutete
stark und konnte kaum laufen. Jakymenko zog ihn schließlich über den
Boden bis in die Nähe des Ausgangs. Beide erreichten die Außenluft.
Krassjuk wurde in ein Krankenhaus gebracht, starb jedoch später an
seinen Verletzungen.

Diese von Reportern des Reckoning Project dokumentierte Geschichte
beschreibt keine abstrakte „Beschädigung ziviler Infrastruktur“. Sie
beschreibt, was eine schwere Rakete in einem Gebäude voller Menschen
anrichtet.

Zwei Einschläge im
Zentrum von Krementschuk

Krementschuk liegt in der zentralukrainischen Region Poltawa am
Dnipro. Die Stadt befand sich am 27. Juni 2022 nach Feststellung der
unabhängigen UN-Untersuchungskommission rund 180 Kilometer von der Front
entfernt. Sie ist ein bedeutender Industriestandort; unter anderem
liegen dort eine große Ölraffinerie und mehrere Maschinenbauunternehmen.
Die Raffinerie war bereits zuvor von Russland angegriffen worden.

Das Amstor stand im Zentrum der Stadt unmittelbar neben dem
Industriekomplex der Straßenmaschinenfabrik Kredmasch. Zwischen dem
Grundstück des Einkaufszentrums und dem Werksgelände lag an einigen
Stellen nur eine Mauer. Diese Nähe wurde später zum Kern der russischen
Rechtfertigung – sie erklärt aber nicht das tatsächliche
Schadensbild.

Am Nachmittag näherten sich zwei Raketen. Aufnahmen verschiedener
Überwachungskameras zeigen ihre Flugbahnen und die aufsteigenden
Rauchwolken. Die erste Rakete traf gegen 15.52 Uhr den nordöstlichen
Teil des Einkaufszentrums. Eine zweite schlug wenige Minuten später auf
dem Gelände der Fabrik ein, etwa 500 Meter vom ersten Einschlag
entfernt.

Der erste Treffer zerstörte große Teile des Amstor. Ein Feuer
breitete sich auf mehr als 10.000 Quadratmetern aus. Dach, Wände und
Inneneinrichtung stürzten ein oder verbrannten. Autos auf dem Parkplatz
wurden beschädigt. Die zweite Explosion hinterließ auf dem Fabrikgelände
einen etwa 16 Meter breiten und fünf Meter tiefen Krater und zerstörte
beziehungsweise beschädigte mehrere Gebäude.

Die beiden getrennten Einschlagsorte sind entscheidend. Das
Einkaufszentrum fing nicht durch eine Kettenreaktion aus der Fabrik
Feuer. Es wurde von einer eigenen Rakete direkt getroffen.

21 Tote – und
eine Zahl, die nicht alles erfasst

Die UN-Kommission dokumentierte 21 getötete Zivilisten: elf Frauen
und zehn Männer. Dutzende Menschen wurden verletzt. Ukrainische
Rettungs- und Gesundheitsbehörden meldeten in den ersten Tagen 59
Menschen, die medizinische Hilfe benötigten; 25 von ihnen wurden
stationär aufgenommen. Die Zahlen schwankten während der
Bergungsarbeiten, weil Leichen teilweise so stark verbrannt waren, dass
eine visuelle Identifizierung nicht möglich war, und Angehörige zunächst
Vermisstenanzeigen aufgaben.

Rund 440 Einsatzkräfte, darunter Feuerwehrleute, medizinisches
Personal, Polizisten und Psychologen, beteiligten sich zeitweise an den
Arbeiten. Schwere Maschinen hoben zerstörte Bauteile an.
Suchmannschaften durchkämmten die verkohlten Reste der Geschäfte.
Angehörige telefonierten Krankenhäuser und Leichenschauhäuser ab, weil
sie nicht wussten, ob vermisste Familienmitglieder verletzt, tot oder
noch unter den Trümmern waren.

Human Rights Watch sprach unmittelbar danach mit Verletzten,
Beschäftigten, Ärzten, Augenzeugen und örtlichen Behörden. Ein Mann
berichtete, er sei unter einer Betonplatte aufgewacht und habe seine
ebenfalls verschüttete Frau schreien gehört. Andere beschrieben
Schädelverletzungen, Knochenbrüche, Verbrennungen und Schnittwunden.
Eine Druckwelle schleuderte Menschen durch Räume oder gegen Gegenstände.
Der Rauch brennender Kunststoffe machte das Atmen selbst außerhalb des
Gebäudes schwer.

Die 21 Todesopfer sind die verifizierte Bilanz des Angriffs. Nicht in
dieser Zahl enthalten sind die langfristigen Folgen für Überlebende:
Operationen, bleibende körperliche Schäden, posttraumatische Belastungen
und die Erfahrung, einen Arbeitsplatz oder Einkaufsort innerhalb von
Sekunden in einen Tatort verwandelt zu sehen.

Eine
Anti-Schiffs-Rakete über einer Stadt

Die ukrainische Luftwaffe identifizierte die eingesetzten Waffen als
Ch-22-Raketen, international meist Kh-22 geschrieben. Die UN-Kommission
formulierte etwas vorsichtiger: Flugbild, Trümmer und Schadensmuster
entsprachen den Eigenschaften von Kh-22- oder modernisierten
Kh-32-Raketen.

Die Kh-22 wurde in der Sowjetunion für Angriffe auf große
Schiffsverbände entwickelt. Sie wird von Langstreckenbombern gestartet,
fliegt mit hoher Geschwindigkeit und trägt einen sehr großen Sprengkopf.
Der Krater auf dem Fabrikgelände und die Zerstörung des Einkaufszentrums
waren nach der Untersuchung von Human Rights Watch mit Sprengköpfen von
annähernd 1.000 Kilogramm vereinbar.

Eine solche Waffe ist nicht allein wegen ihrer Größe rechtswidrig.
Entscheidend ist, wo, gegen welches Ziel und unter welchen
vorhersehbaren Folgen sie eingesetzt wird. Die
UN-Untersuchungskommission stufte Kh-22 und Kh-32 bei Angriffen auf
Landziele als ungenaue, besonders wirkungsstarke Waffen ein. Die rund
500 Meter voneinander entfernten Einschläge in Krementschuk belegten für
die Kommission gerade diese mangelnde Präzision.

Das Problem war somit absehbar: Selbst wenn russische Planer die
Fabrik treffen wollten, setzten sie eine für diesen Zweck ungenaue
Rakete mit riesigem Sprengkopf in einem dicht bebauten Stadtgebiet ein –
unmittelbar neben einem funktionierenden Einkaufszentrum.

Die UN-Kommission hielt es anhand offener Quellen und
Satellitenbilder für wahrscheinlich, dass das 52. Schwere
Langstreckenbomberregiment vom russischen Militärflugplatz Schajkowka
die Angriffe auf Krementschuk und wenige Tage später auf Serhijiwka
ausführte. Ein strafgerichtliches Urteil gegen einzelne
Besatzungsmitglieder, Einsatzplaner oder Befehlshaber wegen des
Amstor-Angriffs liegt bis zum Redaktionsstand dieses Artikels jedoch
nicht vor.

Moskaus
Geschichte: Waffenlager, Sekundärexplosion und ein geschlossenes
Einkaufszentrum

Das russische Verteidigungsministerium bestritt nicht, in
Krementschuk angegriffen zu haben. Es behauptete jedoch, Ziel seien
Hangars der Straßenmaschinenfabrik gewesen, in denen westliche Waffen
und Munition gelagert worden seien. Deren Explosion habe einen Brand
ausgelöst, der auf ein „nicht betriebenes“ Einkaufszentrum übergegriffen
habe.

Diese Darstellung enthielt drei überprüfbare Behauptungen:

  1. Das Einkaufszentrum sei geschlossen gewesen.
  2. In der Fabrik seien Waffen und Munition gelagert worden.
  3. Der Schaden am Einkaufszentrum sei nur die Folge eines Brandes vom
    Fabrikgelände gewesen.

Keine dieser Behauptungen wurde durch belastbare Belege gestützt.

Beschäftigte, Kunden und Verletzte bestätigten, dass das Amstor
geöffnet war. Zeitnahe Fotos, Videos und Kassenbelege belegten den
laufenden Betrieb. Human Rights Watch sprach mit 15 Personen und prüfte
die Angaben vor Ort. Einige Läden waren nach Beginn der russischen
Großinvasion geschlossen worden, das Einkaufszentrum als Ganzes aber
nicht.

Auch für das angebliche Waffenlager fand sich kein Nachweis. Human
Rights Watch erhielt Zugang zum Fabrikgelände und zu mehreren Hallen.
Die Ermittler sahen dort Maschinen für die Herstellung von Beton- und
Asphalttechnik, stationäre Anlagen und ältere Metallteile, jedoch keine
Waffen, Munition oder militärischen Fahrzeuge. Die UN-Kommission fand
ebenfalls keine Belege für die russische Behauptung.

Am deutlichsten widerlegt das Schadensbild die Geschichte vom
übergreifenden Feuer. Überwachungsvideos zeigen eine Rakete unmittelbar
vor dem Einschlag beim Einkaufszentrum. Satellitenbilder dokumentieren
zwei getrennte Treffer. Der erste traf den nordöstlichen Bereich des
Amstor, ungefähr 50 Meter von der Grenze des Fabrikgeländes entfernt.
Der zweite schlug rund 500 Meter entfernt in der Fabrik ein. Es gab
daher keine einzige Explosion im Werk, deren Feuer zufällig auf ein
angeblich leeres Einkaufszentrum übersprang.

Die UN-Kommission fasste es unmissverständlich zusammen: Das
Einkaufszentrum und die zivilen Opfer waren die Folge eines direkten
Treffers.

Was, wenn
tatsächlich die Fabrik das Ziel war?

Die Widerlegung der russischen Erzählung beantwortet nicht
automatisch jede Frage nach der Zielauswahl. Öffentlich ist nicht
abschließend geklärt, welchen konkreten Punkt russische Einsatzplaner
treffen wollten. Denkbar ist, dass beide Raketen auf den
Industriekomplex gerichtet waren und eine davon wegen der geringen
Genauigkeit das Einkaufszentrum traf. Ebenfalls denkbar wäre, dass
unterschiedliche Zielpunkte programmiert wurden. Für die Behauptung
eines absichtlich ausgewählten Einkaufszentrums als Ziel liegt
öffentlich kein gerichtsfester Nachweis vor.

Diese Unsicherheit entlastet die Verantwortlichen jedoch nicht.

Ein Industrieunternehmen ist nicht allein deshalb ein militärisches
Ziel, weil es Maschinen herstellt. Nach dem humanitären Völkerrecht muss
ein Objekt aufgrund seiner Art, seines Standorts, seines Zwecks oder
seiner tatsächlichen Nutzung wirksam zu militärischen Handlungen
beitragen; seine Zerstörung muss unter den damaligen Umständen einen
bestimmten militärischen Vorteil versprechen. Die russische Behauptung
eines Waffenlagers blieb unbelegt.

Selbst wenn ein Teil der Fabrik ein legitimes militärisches Ziel
gewesen wäre, hätten die russischen Streitkräfte weiterhin alle
praktisch möglichen Vorsichtsmaßnahmen treffen müssen. Dazu gehören eine
verlässliche Zielprüfung, die Wahl einer geeigneteren Waffe, die
Bewertung der vorhersehbaren Schäden im benachbarten Einkaufszentrum,
gegebenenfalls ein anderer Zeitpunkt sowie der Abbruch eines Angriffs,
wenn der erwartete zivile Schaden außer Verhältnis zum konkreten
militärischen Vorteil steht.

Die Wahl einer ungenauen Anti-Schiffs-Rakete mit einem fast eine
Tonne schweren Sprengkopf in einem Stadtzentrum ist deshalb keine
Nebensache. Sie ist der Kern der rechtlichen Bewertung.

Das Urteil der UN-Kommission

Die unabhängige internationale Untersuchungskommission der Vereinten
Nationen rekonstruierte den Angriff anhand von Videos,
Satellitenbildern, Trümmern, Einschlagsorten, Zeugenaussagen und den
öffentlichen Erklärungen Russlands.

Ihre Feststellungen lauten in der Sache:

  • Russische Behörden räumten den Angriff in dem Gebiet ein.
  • Das Amstor war ein funktionierendes ziviles Einkaufszentrum.
  • Eine Rakete traf das Gebäude direkt.
  • Für ein Waffen- oder Munitionslager auf dem Fabrikgelände fand die
    Kommission keine Belege.
  • Die eingesetzte Kh-22 beziehungsweise Kh-32 war bei Angriffen auf
    Landziele ungenau und trug einen sehr großen Sprengkopf.
  • Russische Streitkräfte führten einen unterschiedslosen Angriff
    durch.
  • Sie unterließen mögliche Vorsichtsmaßnahmen, insbesondere eine
    ausreichende Überprüfung des Ziels und eine angemessene Wahl der
    Angriffsmittel und -methoden.

Die Kommission wertete dies als Verstöße gegen das humanitäre
Völkerrecht. Ihre Formulierung ist wichtig: Sie behauptete nicht,
bereits die individuelle strafrechtliche Schuld jedes Beteiligten
bewiesen zu haben. Sie stellte aber die staatlich-militärische
Verantwortung für einen rechtswidrigen Angriff fest.

Im Juli 2025 hielt auch die Große Kammer des Europäischen
Gerichtshofs für Menschenrechte Russland für ein Muster weitverbreiteter
und schwerer Menschenrechtsverletzungen im Krieg gegen die Ukraine
verantwortlich. In seiner Darstellung der internationalen Beweislage
führte der Gerichtshof auch den Angriff auf das Einkaufszentrum von
Krementschuk und die Feststellungen der UN-Kommission an. Das ist kein
gesondertes Strafurteil über einzelne Piloten, bestätigt aber, dass der
Fall Teil der international dokumentierten russischen Angriffspraxis
ist.

Ist der Angriff ein
Kriegsverbrechen?

Im journalistischen Sprachgebrauch wird der Amstor-Angriff häufig als
russisches Kriegsverbrechen bezeichnet. Die öffentlich belegte
rechtliche Grundlage dafür ist stark, muss aber präzise formuliert
werden.

Unterschiedslose Angriffe sind verboten. Ebenfalls verboten sind
Angriffe, bei denen damit zu rechnen ist, dass zivile Todesfälle,
Verletzungen oder Schäden in keinem angemessenen Verhältnis zum
erwarteten konkreten und unmittelbaren militärischen Vorteil stehen. Das
Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs erfasst unter
anderem vorsätzliche Angriffe auf Zivilisten und zivile Objekte sowie
bestimmte vorsätzlich unverhältnismäßige Angriffe als
Kriegsverbrechen.

Für eine persönliche Verurteilung reicht die objektive
Rechtswidrigkeit eines Angriffs allein nicht aus. Ermittler müssten
zusätzlich beweisen, wer das Ziel auswählte, welche
Aufklärungsinformationen vorlagen, wer die Waffe bestimmte, wer den
Start befahl und was diese Personen über das Einkaufszentrum und die zu
erwartenden Folgen wussten.

Auf Grundlage der öffentlich zugänglichen Befunde lässt sich deshalb
festhalten:

  • Der Angriff wurde von russischen Streitkräften ausgeführt.
  • Das zivile Einkaufszentrum wurde direkt getroffen.
  • Die UN-Kommission stufte den Angriff als unterschiedslos und damit
    rechtswidrig ein.
  • Russland setzte eine für Landziele ungenaue Waffe mit großer
    Flächenwirkung in einer Stadt ein.
  • Die behauptete militärische Nutzung des benachbarten Werks wurde
    nicht belegt.
  • Es bestehen starke Anhaltspunkte für ein russisches
    Kriegsverbrechen.
  • Eine rechtskräftige internationale Verurteilung individuell
    benannter Verantwortlicher speziell wegen Krementschuk liegt bislang
    nicht vor.

Diese Abstufung ist keine Relativierung. Sie trennt die gut belegte
Tat von der noch ausstehenden strafgerichtlichen Zuweisung persönlicher
Schuld.

Die zweite
Wirkung der Rakete: Zweifel produzieren

Der Angriff endete nicht mit den Löscharbeiten. Fast gleichzeitig
begann die Informationsoperation.

Das Einkaufszentrum sei geschlossen gewesen. Dort habe das
ukrainische Militär Material gelagert. Die Fabrik sei voller westlicher
Munition gewesen. Das Feuer sei nur übergesprungen. Aufnahmen seien
inszeniert. Opferzahlen seien erfunden. Diese Behauptungen wurden in
wechselnden Kombinationen von russischen Staatsmedien, Diplomaten und
kremlnahen Kanälen verbreitet.

Die Versionen mussten nicht miteinander übereinstimmen. Ihr
gemeinsamer Zweck bestand darin, eine einfache, überprüfbare Tatsache –
eine russische Rakete traf ein geöffnetes Einkaufszentrum – in eine
scheinbar undurchdringliche Kontroverse zu verwandeln. Wer genügend
widersprüchliche Erklärungen gleichzeitig anbietet, muss nicht unbedingt
eine davon beweisen. Es genügt, beim Publikum den Eindruck zu erzeugen,
die Wahrheit sei grundsätzlich nicht feststellbar.

Gerade Krementschuk zeigt, warum spätere Untersuchungen wichtiger
sind als das reflexhafte Schema „beide Seiten beschuldigen einander“. Am
Tag des Angriffs war journalistische Vorsicht notwendig. Vier Jahre
später liegen Videos, Satellitenbilder, Vor-Ort-Recherchen und die
Bewertung einer unabhängigen UN-Kommission vor. Die Beweislagen sind
nicht gleichwertig.

Russland hat seine Behauptung eines Waffenlagers nie durch eine
transparente Untersuchung, nachvollziehbare Aufklärungsergebnisse oder
überprüfbare Bilder belegt. Dagegen lässt sich der direkte Treffer des
Einkaufszentrums aus mehreren unabhängigen Quellen rekonstruieren.

Ein Einkaufszentrum als
Erinnerungsort

Für die Menschen in Krementschuk blieb vom Amstor zunächst eine
verkohlte Ruine. Blumen, Kerzen und Fotos erinnerten an die Getöteten.
Familien mussten Tote anhand genetischer Proben identifizieren lassen.
Überlebende kehrten nach Operationen und Rehabilitationsmaßnahmen in
einen Alltag zurück, der mit dem vorherigen wenig gemeinsam hatte.

Einige Beschäftigte des Elektronikmarkts eröffneten Monate später an
einem anderen Ort eine neue Filiale. Das war kein Zeichen dafür, dass
der Angriff überwunden war. Es war der Versuch, dem zerstörten Alltag
wieder eine Form zu geben.

Wjatscheslaw Jakymenko überlebte den Einschlag. Er schaffte es,
seinen Kollegen Andrij Krassjuk aus dem brennenden Gebäude zu ziehen.
Retten konnte er ihn am Ende nicht.

Der Angriff auf das Amstor wird manchmal auf eine technische Frage
reduziert: War die Rakete zu ungenau? Traf sie das falsche Ziel? Hätte
Russland die Fabrik treffen wollen?

Doch das Kriegsvölkerrecht stellt eine andere Frage: Was durfte ein
militärischer Planer vorhersehen – und was tat er, um Zivilisten zu
schützen?

Wer eine schwere Anti-Schiffs-Rakete auf ein Ziel neben einem
geöffneten Einkaufszentrum abfeuert, kann die Menschen im Gebäude nicht
nachträglich aus seiner Verantwortung herausdefinieren. Nicht durch das
Wort „Präzisionswaffe“. Nicht durch die Behauptung eines nie belegten
Waffenlagers. Und nicht durch die Lüge, das Einkaufszentrum sei
geschlossen gewesen.

Am 27. Juni 2022 war das Amstor geöffnet.

Menschen arbeiteten dort. Menschen kauften ein. Menschen warteten auf
das Ende des Luftalarms.

Dann traf die russische Rakete.


Quellen und weiterführende
Dokumente

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Recherche- und Rechtsstand: 27.09.2026. Die unabhängige UN-Kommission dokumentierte 21 getötete Zivilisten und Dutzende Verletzte. Sie stellte fest, dass russische Streitkräfte einen unterschiedslosen Angriff ausführten und mögliche Schutzvorkehrungen unterließen. Ein öffentlich dokumentiertes internationales Strafurteil gegen individuell benannte Verantwortliche speziell wegen dieses Angriffs liegt bislang nicht vor.