Urteil: verkürzt/irreführend. Der frühere Ministerpräsident Sachsen-Anhalts, Reiner Haseloff, hat in einer aktuellen Debatte die AfD als „Westpartei“ bezeichnet. Gemeint ist damit vor allem: Die Partei sei nicht aus einer spezifisch ostdeutschen politischen Tradition entstanden, und wichtige Führungspersonen hätten westdeutsche Biografien. Diese Beobachtung ist historisch relevant. Als Aussage über die heutige regionale Verankerung der AfD führt sie jedoch in die Irre.
Was für Haseloffs These spricht
Die AfD wurde 2013 nicht als ostdeutsche Regionalpartei gegründet. Ihre frühen wirtschaftsliberalen und eurokritischen Führungskreise waren bundesweit organisiert, zahlreiche prominente Akteure stammen aus Westdeutschland. Auch heute ist die AfD bundesweit erfolgreich: Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt sie 20,8 Prozent der Zweitstimmen und damit mehr als doppelt so viel wie 2021.
Haseloffs Formulierung erfüllt damit eine argumentative Funktion: Sie widerspricht der bequemen Erzählung, Rechtspopulismus sei ein ausschließlich ostdeutsches Problem. Das ist berechtigt. Die AfD hat Wähler, Mitglieder und Mandate in allen Teilen Deutschlands.
Was die Formel ausblendet
Die Wahlergebnisse sind trotzdem regional sehr ungleich verteilt. In mehreren ostdeutschen Ländern erreicht die AfD deutlich höhere Anteile als im Bundesdurchschnitt. Wer sie schlicht „Westpartei“ nennt, kann deshalb den Eindruck erzeugen, diese regionale Konzentration sei unwichtig oder nur ein mediales Klischee.
Für eine seriöse Erklärung müssen mindestens drei Ebenen auseinandergehalten werden: die Herkunft und Biografien der Parteieliten, die organisatorische Entwicklung der Partei und die Geografie ihrer Wählerschaft. Diese Ebenen sind nicht identisch. Eine Partei kann von westdeutschen Akteuren mitgeprägt worden sein und zugleich ihre stärksten Wahlergebnisse im Osten erzielen.
Warum die Unterscheidung politisch wichtig ist
Wenn die AfD ausschließlich als ostdeutsches Phänomen beschrieben wird, geraten bundesweite Ursachen aus dem Blick: Migration, Vertrauen in Institutionen, soziale Medien, Kulturkonflikte und die Schwäche traditioneller Parteibindungen. Wenn man umgekehrt ihre ostdeutsche Stärke relativiert, übersieht man regionale Transformationsgeschichte, Demografie, Abwanderung und unterschiedliche politische Milieus.
Haseloffs Satz ist daher als Provokation gegen ein Ost-Klischee verständlich, aber als empirische Kurzbeschreibung ungeeignet. Treffender wäre: Die AfD ist eine bundesweite Partei mit westdeutschen Gründungs- und Führungsgeschichten, deren heutige Wahlerfolge regional stark konzentriert sind.
Fazit
Die Aussage enthält einen wahren Kern, verengt aber eine komplexe Realität auf ein Etikett. KIVOZ bewertet sie deshalb als verkürzt/irreführend – nicht weil die westdeutschen Wurzeln falsch wären, sondern weil Herkunft einer Partei und geografische Stärke ihrer Wählerschaft zwei verschiedene Dinge sind.
