Glosse. Immobilienmakler kennen das Problem: Eine Wohnung wird erst interessant, wenn der Vormieter ausgezogen ist. Sachsen-Anhalt arbeitet seit Jahrzehnten daran, dieses Prinzip auf eine Fläche von gut 20.000 Quadratkilometern zu übertragen. Das Projekt ist ehrgeizig, die Laufzeit großzügig bemessen – und die Übergabe könnte, wenn man alle Regeln seriöser Demografie missachtet, ungefähr im Jahr 2142 erfolgen.
Bis dahin bittet die Landesverwaltung um Geduld. Noch leben dort nach dem Bevölkerungsstand Ende 2025 exakt 2.120.252 Menschen. Das sind deutlich zu viele für eine ordnungsgemäße Neuvermietung des Gesamtobjekts. Allerdings ist Sachsen-Anhalt auf einem guten Weg: 1950 waren es auf dem Gebiet des heutigen Landes noch 3.607.586 Einwohner, 1990 immerhin 2.873.957. Man könnte sagen: Die Entrümpelung läuft.
2040: Nur noch 1,83 Millionen störende Vormieter
Das Statistische Landesamt hat allerdings nur bis 2040 gerechnet und kommt dort auf 1.828.040 Einwohner. Gegenüber dem Basisjahr 2022 wären das 15 Prozent weniger. Das Amt nennt dies eine „Regionalisierte Bevölkerungsprognose“. Für eine Glosse ist das natürlich viel zu vorsichtig. Hier brauchen wir eine Zahl, bei der man schon einmal den Umzugswagen reservieren kann.
Zwischen 2022 und 2040 verschwinden der amtlichen Vorausberechnung zufolge rechnerisch rund 322.000 Einwohner aus der Landesbilanz. Das entspricht im Durchschnitt knapp 17.900 Menschen pro Jahr. Wer nun den klassischen Fehler begeht, eine solche Entwicklung einfach als Gerade bis zur Nulllinie zu verlängern, landet erstaunlich präzise im Jahr 2142.
Und damit hätten wir ihn: den vorläufigen Wiederbesiedlungstermin.
Reservierungen ab 2143 möglich
Interessenten sollten trotzdem nicht zu früh anreisen. Im Jahr 2100 wären nach dieser vollkommen unseriösen Methode noch ungefähr 750.000 Sachsen-Anhalter übrig. Das reicht immer noch für erhebliche Probleme bei einer flächendeckenden Neuaufteilung der Grundstücke. Auch könnte es Beschwerden geben, wenn man einfach einen Tiny-House-Park auf dem Marktplatz von Quedlinburg errichtet, während dort noch jemand wohnt.
Für 2143 könnte man hingegen vorsichtig ein Onlineportal einrichten: Sachsen-Anhalt – jetzt freie Parzelle sichern. Zur Auswahl stünden dann vermutlich die Kategorien „Harz mit Restberg“, „Altmark, sehr viel Aussicht“ und „Magdeburg, zentral gelegen zwischen Berlin und dem nächsten bewohnten Gebiet“.
Die kommunale Verwaltung ließe sich vereinfachen. Landkreise könnten zusammengelegt werden, bis am Ende nur noch zwei übrig bleiben: „Nord“ und „auch Nord“. Die letzte Buslinie verkehrt dienstags, aber nur bei Voranmeldung bis zum vorherigen Donnerstag. Das Bürgeramt wäre gleichzeitig Feuerwehr, Sparkassenfiliale und Landesregierung.
Das eigentliche Problem ist nicht die Zahl, sondern die Altersstruktur
Leider verdirbt die amtliche Statistik auch diese schöne Endzeitvision mit Details. Sachsen-Anhalt verliert nicht einfach gleichmäßig Menschen. Bis 2040 soll die Zahl der unter 20-Jährigen von rund 359.400 auf 281.100 fallen. Die Gruppe der 20- bis 66-Jährigen schrumpft von etwa 1,25 Millionen auf knapp 986.000. Nur die Gruppe der Menschen ab 67 Jahren wächst zunächst: von rund 535.500 auf 561.100.
Das bedeutet: Bevor das Land leer wird, wird es vor allem älter. Der praktische Effekt ist unangenehmer als jede satirische Geisterlandkarte. Weniger Menschen im Erwerbsalter müssen mehr Infrastruktur, Pflege, Verwaltung und Versorgung tragen – und das auf einer Fläche, die nicht mitschrumpft.
383.300 Menschen fehlen schon auf dem natürlichen Konto
Der wichtigste Treiber ist dabei ziemlich unspektakulär und lässt sich schlecht mit einem Wahlplakat bekämpfen: Es sterben deutlich mehr Menschen, als geboren werden. Für den Prognosezeitraum 2023 bis 2040 rechnet das Landesamt mit rund 225.600 Geburten und 608.900 Sterbefällen. Das ergibt ein Geburtendefizit von 383.300 Menschen.
Die erwartete Wanderungsbilanz ist dagegen positiv. Rund 1.059.900 Zuzügen stehen nach der Prognose 1.001.300 Fortzüge gegenüber, also ein Plus von 58.600 Personen. Mit anderen Worten: Menschen ziehen netto nach Sachsen-Anhalt. Nur kommen nicht genug hinzu, um das Geburtendefizit auszugleichen.
Das ist für die politische Debatte eine etwas unbequeme Pointe. Ein Land, das über Jahrzehnte schrumpft und altert, kann Zuwanderung gleichzeitig als gesellschaftliche Herausforderung erleben und demografisch dringend benötigen. Die Mathematik besitzt leider keinen Sinn für Talkshowdramaturgie.
Im Burgenlandkreis könnte die Besichtigung früher beginnen
Regional läuft die Räumung unterschiedlich schnell. Bis 2040 prognostiziert das Statistische Landesamt für den Burgenlandkreis ein Minus von 20,5 Prozent und für Mansfeld-Südharz 20,3 Prozent. Magdeburg kommt mit minus 9,6 Prozent vergleichsweise glimpflich davon. Halle soll 16,1 Prozent verlieren.
Wer also unbedingt früher in die Wiederbesiedlung einsteigen möchte, sollte sich zunächst im Süden umsehen. Dort könnte man in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts bereits einzelne Bushaltestellen zur exklusiven Loftwohnung umbauen. Voraussetzung ist selbstverständlich die Zustimmung des letzten Fahrgastes.
Eine kleine Fußnote ruiniert die ganze Glosse
Nun zur schlechten Nachricht: Sachsen-Anhalt wird 2142 mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht leer sein. Bevölkerungsentwicklungen verlaufen nicht linear. Geburtenraten ändern sich. Menschen ziehen zu und weg. Wirtschaft, Politik, Kriege, Wohnkosten, Hochschulen, Unternehmen und Migration verändern die Entwicklung. Schon die amtliche Prognose bis 2040 ist ausdrücklich ein Wenn-dann-Szenario und keine Kristallkugel.
Wenn man statt eines konstanten absoluten Verlusts beispielsweise einen konstanten prozentualen Rückgang annähme, würde die Bevölkerungszahl mathematisch niemals exakt null erreichen. Sachsen-Anhalt könnte dann zwar irgendwann statistisch auf die Besetzung eines größeren Doppelkopftisches zusammenschrumpfen – aber der letzte Einwohner wäre rechnerisch ausgesprochen hartnäckig.
Der Termin 2142 ist deshalb ungefähr so seriös wie eine Wettervorhersage für das Eröffnungswochenende der ersten Magdeburger Marsfähre.
Die ernsthafte Pointe
Hinter dem Spaß steckt allerdings ein reales Problem. Seit 1950 hat das Gebiet des heutigen Sachsen-Anhalts rund 1,49 Millionen Einwohner verloren. Seit 1990 sind es mehr als 750.000. Gleichzeitig konzentriert sich Bevölkerung stärker auf einige Städte und ihr Umfeld, während viele ländliche Regionen weiter ausdünnen.
Die entscheidende politische Frage lautet deshalb nicht, wann das Land leer ist. Sie lautet, wie man Schulen, Ärzte, Pflege, Nahverkehr, Feuerwehren, Verwaltung, Kultur und digitale Infrastruktur organisiert, wenn immer weniger Menschen auf derselben Fläche leben – und wie man Regionen attraktiv genug macht, dass Menschen bleiben oder neu hinziehen.
Eine echte Wiederbesiedlung müsste also gar nicht bis 2142 warten. Sie könnte sofort beginnen. Man nennt sie heute nur weniger dramatisch: Zuwanderung, Familienpolitik, Hochschulen, Arbeitsplätze, attraktive Städte, funktionierende Dörfer und eine Infrastruktur, die nicht erst dann abgeschaltet wird, wenn der vorletzte Einwohner den Lichtschalter sucht.
Bis dahin empfiehlt KIVOZ allen Interessenten, den Termin 1. Januar 2143 unverbindlich im Kalender zu markieren. Besichtigungen sind dann voraussichtlich zwischen 10 und 12 Uhr. Bitte bringen Sie einen Personalausweis, festes Schuhwerk und vorsichtshalber eine eigene Landesregierung mit.
Methodischer Hinweis: Sämtliche Zahlen bis 2040 stammen aus amtlichen Bevölkerungsständen beziehungsweise der 8. Regionalisierten Bevölkerungsprognose Sachsen-Anhalts. Die Fortschreibung nach 2040 und insbesondere das Jahr 2142 sind ausdrücklich satirische lineare Extrapolationen und keine Prognose.