Ausgangsbehauptung: In der politischen Debatte wird die AfD derzeit als „Westpartei“ bezeichnet – als Hinweis darauf, dass Gründung und wichtige Führungspersonen aus Westdeutschland stammen. Was folgt daraus für die heutige Partei?
Urteil: verkürzt/irreführend. Historisch besitzt die Aussage einen nachvollziehbaren Kern. Als Beschreibung der gegenwärtigen Wählerbasis ist sie unzureichend.
1. Woher kommt die AfD?
Die AfD wurde 2013 als bundesweite Partei gegründet. Ihre frühen Protagonisten kamen keineswegs ausschließlich aus Ostdeutschland; der ursprüngliche Schwerpunkt lag in einer eurokritischen Professoren- und Wirtschaftsliberalismus-Strömung. Auch spätere prominente Funktionäre haben westdeutsche Biografien.
Wer daraus folgert, Rechtsextremismus oder radikaler Nationalismus seien ein spezifisch ostdeutsches Importprodukt, korrigiert damit eine verbreitete, ebenfalls verkürzte Erzählung. Rechtsextreme Parteien, Netzwerke und Gewalttaten existierten und existieren in West wie Ost.
2. Wo ist die AfD heute besonders stark?
Die heutige regionale Verteilung lässt sich mit der Gründungsgeschichte jedoch nicht erklären. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichte die AfD bundesweit 20,8 Prozent. In mehreren ostdeutschen Ländern liegen ihre Ergebnisse und Umfragewerte deutlich über dem Bundesdurchschnitt. In Sachsen-Anhalt wird aktuell sogar über die Möglichkeit einer AfD-geführten Landesregierung diskutiert.
Damit ist die Partei organisatorisch bundesweit, historisch in wichtigen Teilen westdeutsch geprägt und elektoral zugleich besonders stark in Ostdeutschland. Diese drei Aussagen widersprechen sich nicht.
3. Warum ist die Formulierung politisch attraktiv?
„Westpartei“ funktioniert rhetorisch, weil sie eine einfache Schuldzuweisung umkehrt. Statt zu fragen, warum die AfD im Osten so stark ist, verweist sie auf westdeutsche Gründer und Führungspersonal. Das kann helfen, stereotype Erzählungen über Ostdeutsche zu korrigieren. Es kann aber genauso zur Ausweichbewegung werden, wenn konkrete regionale Ursachen nicht mehr untersucht werden.
Forschung diskutiert zahlreiche Faktoren: Erfahrungen der Transformation nach 1990, Abwanderung, demografische Struktur, geringere langfristige Parteibindung, Vertrauen in Institutionen, regionale wirtschaftliche Unterschiede und die politische Mobilisierung gegen Migration. Keine einzelne Variable erklärt die Wahlergebnisse.
4. Was wäre die präzisere Aussage?
Präziser wäre: Die AfD ist keine originär ostdeutsche Partei, erzielt heute aber in Ostdeutschland besonders hohe Wahlergebnisse. Diese Formulierung trennt Entstehung, Personal und Wählerstruktur.
5. Warum Medien solche Kurzformeln vermeiden sollten
Politische Schlagworte können einen Aspekt sichtbar machen, aber sie verschieben schnell die Frage. Bei der AfD ist entscheidend, welche Programme, Kandidaten, Netzwerke und politischen Angebote Wähler überzeugen – und welche gesellschaftlichen Bedingungen ihre Erfolge begünstigen. Die Postleitzahl eines Parteigründers beantwortet das nicht.
Der Mediencheck kommt deshalb zu einem abgestuften Ergebnis: Als historische Provokation ist „Westpartei“ im Kern nachvollziehbar. Als gegenwärtige geografische Charakterisierung ist der Begriff verkürzt und kann irreführen.
