Eine Hitzewelle kann stattfinden, ohne dass jemand schwitzt. Im Sommer 2026 lagen die Oberflächentemperaturen europäischer Meere regional mehrere Grad über dem langjährigen Mittel. Im westlichen Mittelmeer, in der Biskaya und in Gewässern rund um Irland wurden außergewöhnliche marine Hitzewellen registriert. Eine aktuelle Analyse der Forschungsinitiative World Weather Attribution kommt zu dem Ergebnis, dass der menschengemachte Klimawandel einen großen Teil der zusätzlichen Wärme erklärt.
Die Studie ist zum Zeitpunkt dieser Veröffentlichung noch nicht peer-reviewed. Das ist eine wichtige Einschränkung. Gleichzeitig nutzt sie Methoden, die in der Attributionsforschung seit Jahren etabliert sind. Was genau wird dabei gerechnet?
Was ist überhaupt eine marine Hitzewelle?
Forschende vergleichen die aktuelle Meerestemperatur nicht mit einem festen Wohlfühlwert, sondern mit der statistischen Verteilung für Ort und Jahreszeit. Wenn die Temperatur über einen bestimmten Zeitraum außergewöhnlich hoch bleibt, spricht man von einer marinen Hitzewelle. Ein Meer kann also im Winter eine Hitzewelle erleben, obwohl das Wasser für Menschen kalt wäre.
Solche Ereignisse sind ökologisch relevant. Viele Organismen tolerieren nur begrenzte Temperaturbereiche. Korallen, Seegras, Muscheln oder Fische können geschädigt werden; Arten wandern in kühlere Regionen, Sauerstoffgehalt und Nahrungsnetze verändern sich.
Die Gegenwelt im Computer
Attributionsforschung stellt eine kontrafaktische Frage: Wie wahrscheinlich wäre ein Ereignis in einer Welt ohne den zusätzlichen menschengemachten Treibhauseffekt gewesen? Dafür kombinieren Forschende Beobachtungsdaten mit Klimamodellen.
Vereinfacht werden zwei große Gruppen von Simulationen verglichen. Die erste bildet die heutige Welt mit den tatsächlich gestiegenen Treibhausgaskonzentrationen ab. Die zweite simuliert ein Klima, in dem der menschliche Erwärmungsbeitrag herausgerechnet wird. Dann untersucht man, wie häufig ein Ereignis der beobachteten Stärke in beiden Welten vorkommt.
Wenn eine bestimmte Meerestemperatur in der heutigen Welt beispielsweise alle zehn Jahre, in der kontrafaktischen Welt aber nur alle hundert Jahre vorkäme, wäre das Ereignis durch den Klimawandel ungefähr zehnmal wahrscheinlicher geworden. Zusätzlich lässt sich abschätzen, um wie viele Grad der Klimawandel die Intensität erhöht hat.
Warum das keine Tatort-DNA ist
Attribution bedeutet nicht, dass jedes einzelne warme Wassermolekül dem CO₂-Ausstoß einer bestimmten Fabrik zugeordnet wird. Wetter und Ozeane entstehen aus vielen Faktoren: Strömungen, Wind, Sonneneinstrahlung, Luftdruckmuster und natürliche Schwankungen. Der Klimawandel verschiebt die statistische Ausgangslage, auf der diese Faktoren wirken.
Deshalb sprechen seriöse Studien in Wahrscheinlichkeiten und Unsicherheitsbereichen. Je nach Region und Datenlage sind Aussagen unterschiedlich robust. Auch Modellfehler und die Wahl des Referenzzeitraums beeinflussen Ergebnisse.
Warum warme Meere auch das Wetter an Land beeinflussen
Das Meer speichert enorme Energiemengen. Wärmeres Wasser erhöht die Verdunstung und kann die Atmosphäre mit zusätzlicher Feuchtigkeit versorgen. Das garantiert kein bestimmtes Starkregenereignis, kann aber Bedingungen für intensive Niederschläge verändern. Gleichzeitig leiden Küstenökosysteme und Fischerei direkt unter länger anhaltender Wärme.
Die neue Analyse zu 2026 ist deshalb mehr als eine weitere Temperaturmeldung. Sie zeigt, wie Klimawissenschaft versucht, von der allgemeinen Aussage „die Erde erwärmt sich“ zur konkreteren Frage zu kommen: Wie hat die Erwärmung dieses bestimmte Extrem verändert?
Die Antwort ist selten ein schlichtes Ja oder Nein. Wissenschaftlich interessanter ist die Größenordnung – und die Unsicherheit, die offen mitgeliefert wird.