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‚Importärzte‘ im Wahlkampf: Warum Deutschlands Ärztemangel kein Entweder-oder erlaubt

Die AfD fordert mehr einheimische Ärzte, die Bundesärztekammer warnt vor einem Verzicht auf internationale Fachkräfte. Die Zahlen zeigen: Beides muss zusammengedacht werden.

Aktualisierung/Korrektur: Recherche- und Aktualisierungsstand: 28. August 2026, 08:38 Uhr MESZ.

In der deutschen Debatte über den Ärztemangel ist ein Wort zum Wahlkampfbegriff geworden: ‚Importärzte‘. Die AfD in Sachsen-Anhalt wirbt dafür, stärker einheimische Mediziner auszubilden und stellt ausländische Ärzte mit Verweisen auf Sprache, Kultur und Qualifikation infrage. Bundesärztekammer-Präsident Klaus Reinhardt hält dagegen: Deutschland brauche diese Ärzte dringend, gerade in ländlichen Regionen.

Hinter dem politischen Schlagabtausch steckt ein reales Strukturproblem. Deutschland hat zu wenig ärztliches Personal in manchen Regionen und Fachgebieten, während die Bevölkerung altert. Mehr Studienplätze können langfristig helfen. Sie lösen aber nicht die Frage, wer heute Dienste in Kliniken, Reha-Einrichtungen und Praxen übernimmt.

Migration ist im Gesundheitswesen längst Realität

Nach amtlichen Angaben arbeiteten 2024 rund 64.000 Ärzte ohne deutsche Staatsangehörigkeit in Deutschland – mehr als doppelt so viele wie zehn Jahre zuvor. Rechnet man zugewanderte Ärzte hinzu, die inzwischen eingebürgert sind, ist der Anteil noch größer. Diese Zahlen beweisen nicht, dass jede Anwerbestrategie sinnvoll ist. Sie zeigen aber, dass eine kurzfristige Abkehr von internationalem Personal erhebliche Versorgungslücken verursachen könnte.

Qualität ist eine legitime Frage – Herkunft kein Ersatzkriterium

Patienten haben Anspruch darauf, dass Ärzte fachlich qualifiziert sind und sich verständigen können. Bei ausländischen Abschlüssen existieren Anerkennungs- und Prüfverfahren; Sprachkenntnisse werden ebenfalls verlangt. Diese Verfahren können verbessert und vereinheitlicht werden. Pauschale Zweifel allein aufgrund einer ausländischen Herkunft ersetzen jedoch keine Qualitätsprüfung.

Umgekehrt wäre es zu einfach, jede Kritik an internationaler Rekrutierung als fremdenfeindlich abzutun. Wenn Deutschland Ärzte aus Staaten mit eigener Unterversorgung abwirbt, entstehen ethische Fragen. Auch schlechte Sprachkenntnisse können Patientensicherheit beeinträchtigen. Genau deshalb braucht es Standards statt politischer Etiketten.

Mehr Studienplätze wirken erst mit Verzögerung

Ein Medizinstudium dauert Jahre; anschließend folgt die Weiterbildung. Wer heute zusätzliche Studienplätze schafft, erhält nicht morgen zusätzliche Fachärzte. Gleichzeitig ist Ausbildung allein keine Garantie, dass Absolventen in unterversorgte Regionen ziehen. Vergütung, Arbeitsbelastung, Kinderbetreuung und Infrastruktur beeinflussen die Entscheidung.

Eine belastbare Gesundheitspolitik muss daher mehrere Hebel kombinieren: zusätzliche Ausbildung, schnellere aber nicht laxere Anerkennung ausländischer Abschlüsse, verbindliche Sprachstandards, bessere Arbeitsbedingungen und gezielte Anreize für Regionen mit Unterversorgung. Der Begriff ‚Importarzt‘ verdeckt diese Komplexität. Ärzte sind keine Ware.

Für Patienten ist die Nationalität eines Arztes normalerweise zweitrangig. Entscheidend sind Erreichbarkeit, Verständlichkeit, Fachkompetenz und Vertrauen. Gerade dort, wo Praxen keine Nachfolger finden oder Klinikabteilungen Stellen nicht besetzen können, wird Personalmangel selbst zum Versorgungsrisiko.