Eine Woche vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt findet ein erheblicher Teil des Wahlkampfs nicht mehr auf Marktplätzen oder in Fernsehduellen statt, sondern auf Smartphones. Die AfD und ihr Spitzenkandidat Ulrich Siegmund setzen dabei stark auf kurze Videos, persönliche Inszenierung und ein Umfeld rechter Influencer. Deutsche Welle hat in einer aktuellen Reportage untersucht, warum diese Formate gerade bei jungen Menschen Resonanz finden.
Der Befund ist politisch relevant, sollte aber nicht vorschnell als einfache Manipulationsgeschichte erzählt werden. Junge Wählerinnen und Wähler sind keine passive Zielgruppe, die durch einen Algorithmus automatisch zu einer Partei geschoben wird. In Interviews spielen auch Enttäuschung über etablierte Parteien, Zukunftssorgen, Migration, Identitätsfragen und der Wunsch nach politischer Veränderung eine Rolle. Social Media verstärkt und strukturiert diese Motive – es erzeugt sie nicht aus dem Nichts.
Die AfD kommuniziert dort, wo Aufmerksamkeit entsteht
Die Stärke kurzer Plattformformate liegt in ihrer niedrigen Zugangsschwelle. Ein politisches Video muss nicht zwanzig Minuten lang sein und keine komplexe Programmatik erklären. Es kann eine Emotion, einen Konflikt oder eine Person in wenigen Sekunden transportieren. Siegmunds Wahlkampf passt gut in diese Logik: Er inszeniert Nähe, ostdeutsche Alltagskultur und Optimismus, während programmatisch deutlich radikalere Positionen häufig weniger sichtbar im Hintergrund bleiben.
Das ist kein exklusives AfD-Phänomen. Auch andere Parteien und Politiker arbeiten mit Reels, TikTok und personalisierten Formaten. Der Unterschied liegt eher darin, wie früh und konsequent Teile der politischen Rechten ein eigenes digitales Ökosystem aufgebaut haben. Influencer müssen dabei nicht formal Teil einer Partei sein. Gerade die Mischung aus parteipolitischen Accounts, sympathisierenden Medienakteuren, Meme-Seiten und scheinbar unpolitischem Lifestyle kann politische Botschaften normalisieren.
Algorithmus ist nicht gleich Gehirnwäsche
Plattformalgorithmen optimieren auf Aufmerksamkeit und Interaktion. Zuspitzung, Konflikt und starke Identitätssignale haben deshalb strukturelle Vorteile. Daraus folgt aber nicht, dass eine bestimmte Partei automatisch bevorzugt wird oder dass Nutzer keine eigene Entscheidung treffen. Wer bereits Interesse an einem politischen Thema zeigt, bekommt häufig mehr ähnliche Inhalte. So können sich Wahrnehmungsräume verengen.
Für Journalismus ist deshalb eine doppelte Vorsicht nötig. Es wäre falsch, AfD-Erfolge ausschließlich auf Social Media zu reduzieren. Ebenso falsch wäre es, digitale Reichweite als bloß oberflächliches Begleitphänomen abzutun. Politische Kommunikation verändert sich real, wenn immer mehr Erstkontakte mit Kandidaten nicht über Zeitung, Radio oder Wahlkampfstand, sondern über personalisierte Feeds stattfinden.
Die schwierige Frage der Transparenz
Besonders relevant wird die Trennung zwischen journalistischem Inhalt, privater Meinungsäußerung, parteinaher Kommunikation und bezahlter Werbung. Nutzer sollten erkennen können, ob sie einen offiziellen Parteikanal, einen unabhängigen Kommentator oder eine finanzierte Kampagne sehen. Plattformregeln und europäische Transparenzvorgaben können dabei helfen, lösen das Problem aber nicht vollständig.
Hinzu kommt eine demokratische Asymmetrie: Ein Wahlprogramm lässt sich archivieren, zitieren und systematisch vergleichen. Ein Feed ist individuell, flüchtig und abhängig vom bisherigen Nutzungsverhalten. Zwei Menschen können denselben Wahlkampf erleben und digital fast keine gemeinsamen politischen Botschaften sehen.
Was demokratische Konkurrenz daraus lernen kann
Die Antwort auf erfolgreichen rechten Online-Wahlkampf kann kaum darin bestehen, junge Nutzer für ihre Mediennutzung zu tadeln. Parteien, die auf diesen Plattformen kaum vorkommen oder dort ausschließlich klassische Pressemitteilungen in Hochkantvideos verwandeln, überlassen politische Aufmerksamkeit anderen.
Gleichzeitig wäre es ein Fehler, die AfD einfach stilistisch zu kopieren. Demokratischer Wettbewerb braucht verständliche Kommunikation, aber auch überprüfbare Aussagen. Die Herausforderung besteht darin, Komplexität so zu reduzieren, dass sie zugänglich wird, ohne sie in falsche Gewissheiten zu verwandeln.
Der Wahlabend am 6. September wird zeigen, wie junge Menschen tatsächlich abstimmen. Aus heutigen Social-Media-Reichweiten lässt sich das nicht seriös vorhersagen. Sicher ist nur: Wer politische Meinungsbildung verstehen will, kann den Feed nicht länger als Nebenschauplatz behandeln.