Ein Grenzübergang zur Republik Moldau, ein Einkaufszentrum in Sumy, Lagerhallen, Häfen am Schwarzen Meer und an der Donau, Energieanlagen und Logistikzentren: Die jüngste russische Angriffswelle gegen die Ukraine wirkt auf den ersten Blick wie eine lange Liste unterschiedlicher Ziele. Strategisch verbindet viele von ihnen jedoch dieselbe Funktion. Sie halten ein Land im Krieg am Laufen.
Russland erzielt an der Front weiterhin Geländegewinne, aber langsam und zu hohen Kosten. Parallel hat Moskau seine Fähigkeit ausgebaut, mit großen Drohnen- und Raketenwellen tief in der Ukraine anzugreifen. Vor dem Winter verschiebt sich damit ein Teil des Krieges auf eine zweite Ebene: die Frage, wie belastbar die ukrainische Wirtschaft, Energieversorgung und Logistik bleiben.
1. Ein Krieg wird nicht nur an der Front versorgt
Eine moderne Armee benötigt Munition, Treibstoff, Ersatzteile, Fahrzeuge, Kommunikation und Personal. Eine moderne Gesellschaft benötigt gleichzeitig Lebensmittel, Medikamente, Strom und Einkommen. Diese Systeme überlappen.
Häfen und Grenzübergänge sind deshalb strategisch wichtig, ohne automatisch militärische Ziele zu sein. Sie ermöglichen Exporte, bringen Devisen ins Land und verbinden die Ukraine mit europäischen Lieferketten. Werden sie beschädigt, entstehen Kosten auch dann, wenn die Frontlinie unverändert bleibt.
Nach russischen Angriffen auf Schwarzmeerhäfen gewann die Donau- und Landroute Richtung Rumänien und Moldau an Bedeutung. Der jüngste tödliche Angriff auf Starokozache zeigt, dass auch diese Ausweichwege verwundbar sind.
2. Redundanz ist die ukrainische Antwort
Die Ukraine reagiert seit 2022 mit Dezentralisierung. Waren werden über mehrere Häfen und Grenzübergänge verteilt, Energieanlagen repariert, Generatoren beschafft, Lager aufgeteilt und Produktionsstätten verlagert.
Redundanz ist teuer, aber militärisch wertvoll. Ein einziges riesiges Lager ist effizienter als zehn kleine – bis es getroffen wird. Zehn verteilte Lager kosten mehr, machen aber einen einzelnen Angriff weniger wirksam. Dasselbe Prinzip gilt für Stromerzeugung, Datenzentren und Transportwege.
3. Russland versucht, die Kosten dieser Anpassung zu erhöhen
Selbst wenn ein Angriff die Versorgung nicht vollständig unterbricht, zwingt er die Ukraine zu Ausweichmaßnahmen. Unternehmen brauchen zusätzliche Lager, Versicherungen werden teurer, Fahrer müssen Umwege fahren, Luftalarme unterbrechen Arbeit, Reparaturteams und Flugabwehr werden gebunden.
Der strategische Effekt entsteht damit nicht nur durch zerstörte Tonnen Getreide oder Megawatt Leistung. Er entsteht durch Reibung. Jede zusätzliche Stunde Transport, jeder Ersatztransformator und jede Patriot-Rakete kostet Ressourcen.
4. Der Winter vergrößert die Hebelwirkung
Deutschland warnt ausdrücklich vor verstärkten russischen Angriffen auf ukrainische Infrastruktur im Winter und liefert zusätzliche Patriot-PAC-2-Abfangraketen aus eigenen Beständen. Kalte Temperaturen machen Stromausfälle gefährlicher, weil Elektrizität nicht nur Beleuchtung, sondern Heizung, Wasserpumpen, Kommunikation und medizinische Versorgung betrifft.
Gleichzeitig ist Flugabwehr ein knappes Gut. Hochwertige Abfangraketen müssen gegen ballistische Raketen, Marschflugkörper und Drohnen priorisiert werden. Russland kann versuchen, Verteidigung durch große gemischte Angriffswellen zu überlasten.
5. Die ökonomische Dimension ist Teil der Kriegsstrategie
Eine Ukraine, die weniger exportiert, verliert Steuereinnahmen und Devisen. Eine Wirtschaft mit häufigen Stromausfällen produziert weniger. Höhere Transport- und Versicherungskosten verteuern Waren. All das erhöht den Finanzierungsbedarf des Staates und damit indirekt auch die Belastung westlicher Unterstützer.
Das erklärt, warum Häfen und Energienetze politisch so wichtig sind. Russland muss die ukrainische Armee nicht vollständig vom Nachschub abschneiden, um Wirkung zu erzielen. Schon eine dauerhafte Verteuerung des wirtschaftlichen Überlebens kann strategischen Druck erzeugen.
6. Das Völkerrecht setzt eine andere Grenze als die Strategie
Strategische Bedeutung macht ein ziviles Objekt nicht automatisch zu einem zulässigen Ziel. Das humanitäre Völkerrecht erlaubt Angriffe auf militärische Ziele. Bei sogenannten Dual-Use-Objekten muss geprüft werden, ob sie einen wirksamen Beitrag zu militärischen Handlungen leisten und ihre Zerstörung einen konkreten militärischen Vorteil bietet. Zusätzlich gelten Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen.
Ein Angriff, dessen Zweck lediglich darin besteht, die Zivilbevölkerung wirtschaftlich zu schädigen oder zu terrorisieren, wird nicht dadurch rechtmäßig, dass wirtschaftlicher Druck strategisch nützlich ist.
7. Auch ukrainische Tiefenschläge folgen einer Logik der Kosten
Die Ukraine greift ihrerseits russische Raffinerien, Gas- und Militärinfrastruktur tief im Hinterland an. Die strategische Idee ähnelt in einem Punkt der russischen: Ressourcen sollen gebunden und die Kosten des Krieges erhöht werden.
Die völkerrechtliche Ausgangslage ist dennoch nicht symmetrisch. Russland führt den Angriffskrieg; die Ukraine verteidigt sich. Das ukrainische Selbstverteidigungsrecht kann Angriffe auf militärische Ziele in Russland einschließen. Die Regeln des humanitären Völkerrechts gelten dabei trotzdem.
Was entscheidet in den nächsten Monaten?
Drei Größen werden besonders wichtig. Erstens die Menge verfügbarer ukrainischer Flugabwehrmunition. Zweitens die Geschwindigkeit, mit der zerstörte Energie- und Logistikinfrastruktur repariert oder ersetzt werden kann. Drittens die Fähigkeit, zentrale Funktionen so weit zu verteilen, dass einzelne Treffer keinen systemischen Ausfall erzeugen.
Der kommende Winter wird deshalb nicht nur ein Test der Front sein. Er wird ein Test von Netzen, Werkstätten, Lagerhäusern, Grenzübergängen und internationalen Lieferketten. In einem Abnutzungskrieg kann die Fähigkeit, nach einem Treffer am nächsten Morgen weiterzuarbeiten, ebenso wichtig werden wie die Fähigkeit, ihn abzufangen.
Quellen
- Reuters – Russian drones kill two at Ukraine-Moldova border crossing
- Reuters – Germany to send more Patriot missiles to Ukraine
- Reuters – Strike on shopping centre in Sumy kills two
Redaktioneller Hinweis: Stand: 10.09.2026. Die Analyse stützt sich auf aktuell dokumentierte Angriffsmuster und öffentlich bekannte Unterstützungsmaßnahmen. Militärische Zielauswahl und Schäden können im laufenden Krieg nicht in jedem Einzelfall unabhängig verifiziert werden.