Die deutsche Wohnungskrise lässt sich an zwei Zahlen erklären: Rund 27.000 neue Sozialwohnungen entstanden im vergangenen Jahr. Gleichzeitig fielen mehr als 57.000 Wohnungen aus der Sozialbindung. Unter dem Strich schrumpft also genau der Bestand, der Haushalte mit niedrigen Einkommen vor den höchsten Marktmieten schützen soll.
Der Deutsche Mieterbund beziffert den verbliebenen Sozialwohnungsbestand auf etwa 1,03 Millionen Wohnungen – ein Rekordtief. Bis 2030 fordert er mindestens zwei Millionen. Dafür seien jährlich 12,5 Milliarden Euro nötig. Diese Summe ist eine Forderung des Verbandes, keine amtlich festgestellte Mindestinvestition.
Warum Sozialwohnungen verschwinden
Sozialwohnungen sind in Deutschland häufig nicht dauerhaft gebunden. Wer öffentliche Förderung für den Bau erhält, verpflichtet sich für einen bestimmten Zeitraum zu Miet- und Belegungsregeln. Läuft diese Bindung aus, kann die Wohnung schrittweise in den normalen Markt zurückkehren. Deshalb reicht Neubau allein nicht: Wenn mehr Bindungen enden als neue entstehen, sinkt der Bestand trotz Bautätigkeit.
Der Mieterbund fordert daher längere oder dauerhafte Bindungen. Kritiker halten dagegen, dass strengere Auflagen private Investitionen unattraktiver machen könnten. Genau hier liegt der politische Zielkonflikt: Bezahlbarkeit, Investitionsanreize und öffentliche Kosten müssen gleichzeitig betrachtet werden.
Deutschland baut insgesamt zu wenig
Eine Pestel-Studie schätzt die bundesweite Wohnungslücke auf 1,35 Millionen Einheiten. Zwar stiegen die Baugenehmigungen im ersten Halbjahr 2026 kräftig um 15,1 Prozent auf 126.300. Das Ifo-Institut erwartet für das Gesamtjahr dennoch nur etwa 185.000 fertiggestellte Wohnungen – deutlich unter einem häufig genannten Bedarf von mindestens 300.000 jährlich.
Genehmigungen sind eben noch keine fertigen Wohnungen. Hohe Baukosten, Finanzierung, Fachkräftemangel, Grundstückspreise und lange Projektlaufzeiten können dazu führen, dass genehmigte Vorhaben verschoben oder nicht realisiert werden.
Die Krise verschiebt sich ins Umland
Auch die Mietentwicklung zeigt, dass das Problem nicht auf Innenstädte beschränkt ist. Der IW-Wohnindex meldete bereits im ersten Quartal 2026 steigende Neuvertragsmieten; besonders stark waren Zuwächse in Pendlergürteln großer Metropolen. Wenn Haushalte aus teuren Zentren ins Umland ausweichen, steigt dort die Nachfrage – und mit ihr die Miete.
Das macht Wohnungspolitik zu Infrastrukturpolitik. Wer mehr Wohnungen am Stadtrand baut, braucht Verkehr, Schulen, Kitas und Versorgung. Umgekehrt können bessere Bahnverbindungen den Radius des tatsächlich nutzbaren Wohnungsmarkts erweitern.
Regulieren oder bauen?
Die oft gestellte Alternative ist zu einfach. Mietrecht kann Haushalte vor kurzfristigen Preissprüngen schützen, schafft aber keine zusätzliche Wohnung. Neubau erhöht das Angebot, hilft einem Haushalt mit akut zu hoher Miete jedoch erst mit Verzögerung. Sozialer Wohnungsbau versucht beide Probleme zu verbinden, kostet den Staat aber Geld.
Eine belastbare Wohnungsstrategie muss deshalb mehrere Hebel gleichzeitig bewerten: schnelleres Bauen, Nachverdichtung, Umnutzung, sozialen Bestand, Wohngeld, Verkehrsplanung und Regeln für bestehende Mietverhältnisse. Die entscheidende Kennzahl ist nicht die Zahl neuer Förderbescheide, sondern ob der Bestand bezahlbarer Wohnungen netto wächst. Genau das tut er derzeit nicht.
Quellen
- Reuters/onvista: Mieterbund fordert 12,5 Milliarden Euro jährlich, 1 September 2026
- Reuters/MarketScreener: German rents climb, IW housing index, 27 April 2026
Redaktioneller Hinweis: Stand: 15.09.2026. Die 12,5-Milliarden-Euro-Summe und das Ziel von zwei Millionen Sozialwohnungen sind Forderungen des Deutschen Mieterbunds; die Fertigstellungsprognose für 2026 kann sich ändern.