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40 Prozent meiden Nachrichten zumindest zeitweise – warum das nicht automatisch Desinteresse bedeutet

Vier von zehn deutschen Internetnutzern geben an, Nachrichten manchmal oder häufig zu meiden. Gleichzeitig nutzen 90 Prozent mehrmals pro Woche Nachrichten. Wie passt das zusammen?

Aktualisierung/Korrektur: Stand: 10.08.2026. Die DNR-Befragung in Deutschland fand im Januar 2026 unter rund 2.000 erwachsenen Internetnutzenden statt; Ergebnisse sind Umfragedaten, keine Messung des tatsächlichen Nutzungsverhaltens.
Zeitungsbereich einer Bibliothek mit Leserinnen und Lesern.

Vier von zehn deutschen Internetnutzerinnen und Internetnutzern sagen, dass sie Nachrichten manchmal oder häufig aktiv vermeiden. Auf den ersten Blick klingt das wie ein massiver Rückzug aus dem Nachrichtengeschehen. Doch dieselbe Untersuchung zeigt gleichzeitig: Rund 90 Prozent nutzen Nachrichten mehrmals pro Woche.

Der Reuters Institute Digital News Report 2026 beschreibt damit weniger ein einfaches „Menschen wollen keine Nachrichten mehr“ als ein verändertes Verhältnis zu Nachrichten.

40 Prozent vermeiden – 90 Prozent nutzen

Für Deutschland weist der Report einen Anteil von 40 Prozent aus, der Nachrichten manchmal oder häufig vermeidet. Das sind drei Prozentpunkte mehr als im Vorjahr. Gleichzeitig bleibt die regelmäßige Nachrichtennutzung sehr hoch.

Diese beiden Zahlen widersprechen sich nicht. Wer etwa einzelne Themen, bestimmte Tageszeiten oder besonders belastende Nachrichtensituationen meidet, kann trotzdem regelmäßig Nachrichten konsumieren. Nachrichtenvermeidung ist deshalb nicht zwangsläufig dasselbe wie vollständige Nachrichtenabstinenz.

Vertrauen und Vermeidung sind ebenfalls nicht dasselbe

46 Prozent der Befragten in Deutschland sagen, sie vertrauten Nachrichten insgesamt meist. Das liegt deutlich über dem globalen Durchschnitt von 37 Prozent im Report. Das Vertrauen ist gegenüber dem Vorjahr leicht gestiegen.

Auch daraus folgt: Nachrichten können als grundsätzlich vertrauenswürdig wahrgenommen und trotzdem zeitweise gemieden werden. Die Entscheidung kann mit emotionaler Belastung, Überangebot, Wiederholung oder persönlicher Relevanz zu tun haben – nicht nur mit Misstrauen.

Die Nutzung verschiebt sich zu Plattformen

Nach Angaben des Leibniz-Instituts für Medienforschung nutzen inzwischen 36 Prozent der deutschen Onliner soziale Medien als Nachrichtenquelle. KI-Chatbots spielen mit fünf Prozent bislang eine deutlich kleinere Rolle.

Damit verändert sich auch, was „Nachrichten nutzen“ überhaupt bedeutet. Ein Teil des Publikums öffnet keine Nachrichtenseite bewusst, begegnet Meldungen aber in sozialen Netzwerken, Suchmaschinen, Videos oder aggregierten Feeds.

Nachrichtenvermeidung kann selektiv sein

Eine im Juli 2026 veröffentlichte Studie des Leibniz-Instituts untersucht anhand qualitativer Interviews unterschiedliche Formen der Nachrichtenvermeidung. Ihr wichtiges Ergebnis: Menschen können bestimmte Nachrichtenpraktiken vermeiden und trotzdem gesellschaftlich verbunden bleiben – etwa über Gespräche, lokale Netzwerke oder andere Informationswege.

Das sollte nicht romantisiert werden. Wer wichtige Informationen dauerhaft meidet, kann schlechter an politischen Entscheidungen teilhaben. Aber die Forschung spricht dagegen, jede Form der Nachrichtenvermeidung automatisch mit gesellschaftlichem Rückzug gleichzusetzen.

Was Medien daraus lernen können

Die Daten legen mehrere Fragen nahe: Werden Themen unnötig oft wiederholt? Erklären Artikel, was eine Entwicklung konkret bedeutet? Zeigen sie Unsicherheit und Kontext – oder hauptsächlich den nächsten Alarm? Und bieten sie Möglichkeiten zu verstehen, welche Lösungen oder Handlungsoptionen existieren?

Aus den Zahlen allein lässt sich nicht beweisen, dass eine bestimmte Form des Journalismus Nachrichtenvermeidung verursacht. Dennoch ist die Entwicklung für Redaktionen relevant: Reichweite entsteht nicht nur dadurch, immer mehr Meldungen zu produzieren.

Die eigentliche Herausforderung

Deutschland hat nicht plötzlich 40 Prozent Menschen, die nichts mehr von Nachrichten wissen wollen. Die Daten zeigen vielmehr ein Publikum, das Nachrichten weiterhin intensiv nutzt, aber häufiger Grenzen setzt.

Für Journalismus ist das möglicherweise die schwierigere Diagnose: Nicht nur Aufmerksamkeit gewinnen, sondern dafür sorgen, dass Menschen Nachrichten dauerhaft als nützlich, verständlich und zumutbar erleben.