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Jeder zehnte Patient erlebt Schaden: Warum chronisch Kranke besonders gefährdet sind

Die WHO rückt zum Welttag der Patientensicherheit chronische Krankheiten in den Mittelpunkt. Weltweit erlebt etwa jeder zehnte Patient einen Schaden während medizinischer Versorgung; ungefähr die Hälfte gilt als vermeidbar.

Ein falsches Medikament, eine übersehene Wechselwirkung, eine Infektion nach einem Eingriff oder ein Befund, der zwischen mehreren Behandlern verloren geht: Patientensicherheit klingt abstrakt, bis aus einem organisatorischen Fehler ein gesundheitlicher Schaden wird. Die Weltgesundheitsorganisation macht das Thema 2026 besonders an chronischen Krankheiten fest. Nach ihren Angaben erlebt weltweit etwa jeder zehnte Patient einen Schaden während medizinischer Versorgung; ungefähr die Hälfte dieser Schäden gilt als vermeidbar.

Das Problem trifft Menschen mit nichtübertragbaren chronischen Erkrankungen besonders stark. Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs, Diabetes und chronische Atemwegserkrankungen verursachen zusammen einen großen Teil der weltweiten Krankheitslast. Wer über Jahre oder Jahrzehnte behandelt wird, hat mehr Arztkontakte, nimmt häufiger mehrere Medikamente gleichzeitig und wechselt öfter zwischen Hausarzt, Fachpraxis, Krankenhaus, Rehabilitation und Pflege.

Risiko entsteht durch viele kleine Übergaben

Bei einem einmaligen Eingriff lässt sich ein Behandlungsprozess vergleichsweise klar abgrenzen. Chronische Erkrankungen erzeugen dagegen lange Versorgungsketten. Genau an den Übergängen entstehen Fehler: Medikamente werden doppelt verordnet, Dosierungen nicht angepasst, Laborwerte nicht weitergegeben oder Nachkontrollen versäumt.

Das bedeutet nicht, dass chronische Versorgung grundsätzlich unsicher wäre. Es bedeutet, dass die Zahl möglicher Fehlerstellen mit der Dauer und Komplexität einer Behandlung wächst. Bei Krebsbehandlungen nennt die WHO als Größenordnung, dass bis zu jeder dritte Patient unerwünschte Ereignisse während der Versorgung erleben kann. Solche Ereignisse sind nicht automatisch Behandlungsfehler; entscheidend ist die Unterscheidung zwischen unvermeidbaren Risiken einer Therapie und vermeidbarem Schaden.

Warum „Fehler“ nicht immer individuelles Versagen bedeutet

Patientensicherheitsforschung betrachtet Fehler zunehmend als Systemeigenschaft. Ein falsch verabreichtes Medikament kann auf eine individuelle Verwechslung zurückgehen. Es kann aber ebenso durch ähnlich aussehende Verpackungen, unübersichtliche Software, Personalmangel, fehlende elektronische Schnittstellen oder unklare Zuständigkeiten begünstigt werden.

Die wirksamsten Gegenmaßnahmen setzen deshalb häufig nicht bei Schuld, sondern bei Prozessen an: standardisierte Medikationslisten, elektronische Warnungen bei Wechselwirkungen, eindeutige Patientenidentifikation, Checklisten, strukturierte Übergaben und eine Kultur, in der Beinahe-Fehler gemeldet werden können, bevor jemand zu Schaden kommt.

Mehr Digitalisierung ist nicht automatisch sicherer

Digitale Patientenakten können Informationsverluste reduzieren. Gleichzeitig können schlecht gestaltete Systeme neue Risiken schaffen. Zu viele Warnmeldungen führen beispielsweise dazu, dass medizinisches Personal Warnungen routinemäßig wegklickt. Fehlende Interoperabilität kann dazu führen, dass Informationen zwar digital vorliegen, aber zwischen Einrichtungen nicht verfügbar sind.

Patientensicherheit ist deshalb kein Argument für oder gegen Digitalisierung an sich. Entscheidend ist, ob ein System relevante Informationen zuverlässig zur richtigen Zeit an die richtige Person bringt.

Was Patienten selbst beitragen können – und wo die Grenze liegt

Eine aktuelle Medikamentenliste, Nachfragen bei unklaren Dosierungen und das Wissen über Allergien können Risiken senken. Trotzdem darf Patientensicherheit nicht auf Patientinnen und Patienten abgewälzt werden. Wer schwer krank, alt, erschöpft oder sprachlich eingeschränkt ist, kann nicht die letzte Kontrollinstanz eines komplexen Gesundheitssystems sein.

Die WHO verbindet den Welttag der Patientensicherheit am 17. September deshalb mit der Forderung nach sicherer Versorgung über den gesamten Lebensverlauf. Das ist bei chronischen Krankheiten besonders wichtig: Ein einzelner vermiedener Fehler ist wertvoll, aber robuste Systeme müssen über Jahre funktionieren.

Eine unterschätzte Gesundheitsleistung

In politischen Debatten wird Gesundheitsversorgung häufig an Zahl der Betten, Wartezeiten oder Ausgaben gemessen. Patientensicherheit ergänzt eine entscheidende Dimension: Mehr Behandlung ist nicht automatisch bessere Behandlung, wenn vermeidbare Schäden entstehen. Umgekehrt kann eine Investition in gute Übergaben, Medikationsmanagement oder Fehleranalyse gesundheitlich enorm wirksam sein, obwohl sie in keiner spektakulären neuen Therapie sichtbar wird.

Die WHO-Zahlen sind globale Schätzungen und lassen sich nicht eins zu eins auf Deutschland übertragen. Sie zeigen aber, warum Patientensicherheit gerade bei alternden Gesellschaften und wachsender Zahl chronisch Kranker zu einer Kernaufgabe moderner Gesundheitssysteme wird.

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Recherche- und Aktualisierungsstand: 13.09.2026. Globale WHO-Schätzungen sind keine spezifische Fehlerquote für Deutschland; unerwünschte Ereignisse sind zudem nicht automatisch Behandlungsfehler.