Wenn über Infektionskrankheiten berichtet wird, geht es meist um Ausbrüche, neue Erreger oder überlastete Gesundheitssysteme. Eine andere Entwicklung bekommt deutlich weniger Aufmerksamkeit: Immer mehr Länder schaffen es, Krankheiten so weit zurückzudrängen, dass die Weltgesundheitsorganisation ihre Eliminierung anerkennt.
Nach dem aktuellen Datenstand der WHO haben bis Mitte Juli 2026 64 Länder mindestens eine vernachlässigte Tropenkrankheit eliminiert. Gleichzeitig ist die Zahl der Menschen, die Interventionen gegen diese Krankheiten benötigen, zwischen 2010 und 2024 um 36 Prozent gesunken.
Was sind vernachlässigte Tropenkrankheiten?
Unter dem Begriff „Neglected Tropical Diseases“ (NTDs) fasst die WHO eine Gruppe sehr unterschiedlicher Erkrankungen zusammen. Dazu gehören beispielsweise Trachom, Flussblindheit, Schlafkrankheit, Lepra, lymphatische Filariose und Bilharziose. Sie betreffen besonders häufig arme und medizinisch unterversorgte Bevölkerungsgruppen.
Viele dieser Krankheiten verursachen nicht nur Todesfälle, sondern langfristige Behinderungen, Blindheit, chronische Schmerzen oder gesellschaftliche Stigmatisierung. Weil Betroffene häufig wenig politische und wirtschaftliche Sichtbarkeit haben, erhielten die Krankheiten lange weniger Aufmerksamkeit und Forschungsgelder als andere große Gesundheitsprobleme.
Eliminierung ist nicht dasselbe wie Ausrottung
Der Begriff muss präzise verwendet werden. „Eliminiert“ bedeutet je nach Krankheit nicht zwangsläufig, dass weltweit kein einziger Fall mehr vorkommt. Bei Trachom etwa validiert die WHO die Eliminierung als Problem der öffentlichen Gesundheit, wenn definierte Schwellenwerte unterschritten werden und ein System zur Erkennung und Behandlung neuer Fälle vorhanden ist.
Eine vollständige weltweite Ausrottung wäre ein deutlich höherer Maßstab. Die Fortschrittsmeldung bedeutet also nicht, dass diese Krankheiten verschwunden sind – wohl aber, dass Länder nachweisbar eine zuvor bestehende Gesundheitsbelastung unter Kontrolle gebracht haben.
El Salvador, Chile und Libyen zeigen drei unterschiedliche Wege
2026 kamen mehrere bemerkenswerte Beispiele hinzu. El Salvador wurde im Juli als erstes Land Zentralamerikas von der WHO für die Eliminierung von Trachom als Problem der öffentlichen Gesundheit validiert. Damit stieg die weltweite Zahl der Länder mit mindestens einem anerkannten NTD-Eliminationserfolg auf 64.
Chile wurde im März als erstes Land Amerikas und als zweites Land weltweit für die Eliminierung der Lepra verifiziert. Der letzte lokal erworbene Fall war dort bereits 1993 festgestellt worden. Jahrzehntelange Überwachung ist notwendig, um zu zeigen, dass die Übertragung tatsächlich dauerhaft unterbrochen ist.
Libyen wiederum erhielt im Februar die WHO-Validierung für die Eliminierung von Trachom als Problem der öffentlichen Gesundheit. Bemerkenswert ist das auch deshalb, weil das Gesundheitssystem über Jahre unter politischer Instabilität und humanitären Belastungen stand.
Der große Trend hinter den Einzelmeldungen
2010 benötigten nach WHO-Angaben noch rund 2,19 Milliarden Menschen Interventionen gegen vernachlässigte Tropenkrankheiten. 2024 waren es etwa 1,4 Milliarden. Das ist weiterhin eine enorme Zahl – aber der Rückgang um mehr als ein Drittel bedeutet, dass hunderte Millionen Menschen heute nicht mehr im selben Umfang auf Massenbehandlungen, Krankheitskontrolle oder andere Interventionen angewiesen sind.
Warum der Fortschritt fragil bleibt
Die WHO warnt gleichzeitig vor sinkender Finanzierung. Programme gegen NTDs sind häufig auf langjährige Arzneimittelspenden, lokale Gesundheitsdienste, Wasser- und Sanitärversorgung sowie internationale Zusammenarbeit angewiesen. Werden Überwachung oder Behandlung zu früh zurückgefahren, können Krankheiten zurückkehren.
Die richtige Einordnung lautet deshalb weder „Problem gelöst“ noch „Fortschritt bedeutungslos“. 64 Länder zeigen, dass die Eliminierung vernachlässigter Krankheiten praktisch möglich ist. 1,4 Milliarden Menschen zeigen, wie viel Arbeit noch vor der Welt liegt.
