Zum Inhalt springen
KIVOZ · Nachrichten auf Faktenbasis
Aktuell
Lichtblicke

21,76 Millionen Hektar: Wie Indien degradierte Landschaften wiederherstellt

Indien meldet 21,76 Millionen Hektar Landschaft in Wiederherstellung. Das ist ein großer Schritt zum Bonn-Challenge-Ziel – und ein Beispiel dafür, warum erfolgreiche Renaturierung mehr ist als möglichst viele gepflanzte Bäume.

Aktualisierung/Korrektur: Überarbeitet am 14.08.2026: deutlich erweitert um Restaurierungsmethoden, Qualitätskriterien, Grenzen reiner Flächenziele und ein konkretes indisches Beispiel; frei lizenziertes Bild ergänzt.
Wiederhergestellte Regenwaldfläche im Anamalai Tiger Reserve in Südindien mit dichter junger Vegetation.

Eine Fläche größer als Belarus: Indien hat nach einem neuen Fortschrittsbericht 21,76 Millionen Hektar degradierter und entwaldeter Landschaften in Wiederherstellungsmaßnahmen einbezogen. Das Land hatte im Rahmen der internationalen Bonn Challenge zugesagt, bis 2030 insgesamt 26 Millionen Hektar wiederherzustellen.

Die Größenordnung ist beeindruckend. Sie ist aber auch ein gutes Beispiel dafür, warum konstruktiver Umweltjournalismus genauer hinschauen muss. „In Wiederherstellung“ ist nicht dasselbe wie „ökologisch vollständig wiederhergestellt“. Entscheidend ist, was auf diesen Flächen tatsächlich passiert und ob die Wirkung über Jahrzehnte Bestand hat.

Was die Bonn Challenge erreichen will

Die Bonn Challenge wurde 2011 gestartet. Ihr globales Ziel ist, bis 2030 insgesamt 350 Millionen Hektar degradierter und entwaldeter Landschaften in Wiederherstellung zu bringen. Hinter der Initiative stehen die International Union for Conservation of Nature (IUCN), Regierungen und weitere Partner.

Indien hatte zunächst kleinere Ziele zugesagt und seine Verpflichtung 2019 auf 26 Millionen Hektar erhöht. Der neue IUCN-Bericht bündelt Angaben aus 36 Bundesstaaten und Unionsterritorien. Mit 21,76 Millionen Hektar liegt das Land damit bereits bei einem großen Teil seines selbst gesetzten Flächenziels.

Restaurierung ist mehr als Aufforstung

Bei „Renaturierung“ denken viele zuerst an Baumpflanzaktionen. Landschaftsrestaurierung kann aber sehr unterschiedliche Formen haben. In einer stark degradierten Waldlandschaft kann es sinnvoll sein, invasive Arten zurückzudrängen und heimische Vegetation wieder zu etablieren. In landwirtschaftlich geprägten Regionen können Bodenschutz, Agroforstsysteme, Wasserrückhalt oder die Wiederherstellung von Hecken und Pufferzonen im Mittelpunkt stehen.

Auch natürliche Regeneration kann wirksamer sein als das Pflanzen von Setzlingen. Wenn Samenquellen, Böden und Wasserhaushalt noch ausreichend funktionieren, kann es genügen, Beweidung, Feuer oder weitere Rodung zu begrenzen und dem Ökosystem Zeit zu geben. Restaurierung ist deshalb kein einheitliches technisches Verfahren.

Warum die Fläche allein nicht genügt

Eine Million Hektar auf einer Projektliste sagt wenig darüber aus, wie artenreich, widerstandsfähig oder produktiv die Landschaft später ist. Eine Plantage aus wenigen schnell wachsenden Baumarten kann Kohlenstoff binden und wirtschaftlichen Nutzen liefern, ersetzt aber keinen artenreichen Naturwald. Umgekehrt kann eine Landschaft auch erfolgreich restauriert werden, ohne zu einem historischen Ausgangszustand zurückzukehren.

Für eine belastbare Bewertung sind daher mehrere Kriterien wichtig: Überleben und Vielfalt heimischer Arten, Bodengesundheit, Wasserhaushalt, Erosionsschutz, Kohlenstoffspeicherung und die Frage, ob lokale Gemeinschaften langfristig von der Nutzung profitieren. Ein Projekt, das nach einigen Jahren mangels Pflege wieder degradiert, wäre trotz anfänglich großer Pflanzzahlen kein nachhaltiger Erfolg.

Warum das für Indien besonders relevant ist

Indien verbindet sehr unterschiedliche Klimazonen, Landschaften und Nutzungsformen. Gleichzeitig treffen hoher Flächendruck, Landwirtschaft, Infrastrukturentwicklung und Klimawandel auf eine enorme biologische Vielfalt. Restaurierung muss deshalb lokal angepasst werden. Was in feuchten Westghats funktioniert, lässt sich nicht einfach auf trockene Regionen Rajasthans übertragen.

Die IUCN verweist darauf, dass Landdegradation weltweit mehr als drei Milliarden Menschen betrifft und ein erheblicher Teil landwirtschaftlich nutzbarer Flächen bereits geschädigt ist. Für Indien ist das nicht nur Naturschutz. Gesunde Böden und Wassereinzugsgebiete beeinflussen Ernten, Trinkwasserversorgung, Hitzebelastung und die Widerstandsfähigkeit ländlicher Regionen.

Ein konkretes Beispiel: Wiederherstellung im Anamalai-Gebirge

Das Beitragsbild zeigt eine restaurierte Regenwaldfläche im Anamalai Tiger Reserve in Südindien. Dort wurden invasive Pflanzen entfernt und heimische Bäume nachgepflanzt. Das Foto dokumentiert eine konkrete lokale Maßnahme und ist ausdrücklich kein repräsentatives Bild aller 21,76 Millionen Hektar, die im nationalen Bericht erfasst werden.

Gerade solche Beispiele machen deutlich, dass erfolgreiche Restaurierung Zeit braucht. Zwischen einer frisch geräumten Fläche und einem wieder funktionsfähigen Wald liegen Jahre oder Jahrzehnte. Deshalb sind Monitoring und Nachkontrolle wichtiger als spektakuläre Pflanzzahlen an einem einzelnen Aktionstag.

Was an der indischen Entwicklung tatsächlich ein Lichtblick ist

Der konstruktive Kern liegt nicht darin, ein Umweltproblem für gelöst zu erklären. Indien ist noch nicht am 26-Millionen-Hektar-Ziel angekommen, und Flächenmeldungen müssen dauerhaft auf ökologische Qualität geprüft werden. Positiv ist vielmehr, dass Wiederherstellung in einer Größenordnung organisiert wird, die deutlich über einzelne Modellprojekte hinausgeht.

Wenn ein Land mit mehr als einer Milliarde Einwohnern Millionen Hektar degradierter Landschaft systematisch erfasst und restauriert, zeigt das, dass großskalige Umweltpolitik praktisch möglich ist. Andere Staaten können daraus vor allem eine Lehre ziehen: Renaturierung braucht messbare Ziele, regionale Daten und Qualitätskontrollen – nicht nur symbolische Pflanzversprechen.

Bildhinweis: Beispiel einer Regenwald-Restaurierungsfläche im Anamalai Tiger Reserve, Tamil Nadu, 2025, etwa zwei Jahre nach Entfernung invasiver Vegetation und Pflanzung heimischer Bäume. Foto: T. R. Shankar Raman / Wikimedia Commons, CC BY 4.0. Quelldatei.

Recherche- und Aktualisierungsstand: 14. August 2026, morgens.