Stand: 17. August 2026. Indien hat einen energiepolitischen Wendepunkt erreicht: Saubere Energiequellen kommen inzwischen auf rund 331,7 Gigawatt installierte Leistung und liegen damit erstmals über den rund 302 Gigawatt fossiler Kapazität. Besonders spektakulär ist der Solarboom. Von praktisch null im Jahr 2010 stieg die Solarleistung bis Mitte 2026 auf etwa 211 Gigawatt.
Die Zahl ist ein Lichtblick, aber sie braucht eine wichtige Übersetzung. Installierte Leistung ist nicht erzeugte Strommenge. Kohlekraftwerke können viele Stunden am Stück produzieren, Solaranlagen nur bei entsprechender Einstrahlung. Deshalb dominiert Kohle die tatsächliche indische Stromerzeugung weiterhin.
Warum der Meilenstein trotzdem zählt
Kraftwerkskapazität zeigt, wohin Investitionen fließen. Zwischen 2025 und Mitte 2026 kamen nach Reuters-Daten rund 75,5 Gigawatt Solarleistung hinzu, aber nur 3,8 Gigawatt Kohle. Damit verschiebt sich der Kapitalstock eines Landes, dessen Strombedarf wegen Wachstum, Industrialisierung und steigender Lebensstandards weiter zunimmt.
Indiens Herausforderung unterscheidet sich von der Europas. Das Land muss nicht nur alte fossile Erzeugung ersetzen, sondern gleichzeitig sehr viel neue Nachfrage bedienen. Ein absoluter Rückgang der Kohleverstromung ist deshalb schwerer zu erreichen, selbst wenn erneuerbare Kapazitäten rasant wachsen.
Das nächste Problem heißt Netz
Der Erfolg erzeugt einen neuen Engpass. Im Quartal April bis Juni 2026 konnten laut Regierungsangaben 8.133 Gigawattstunden Solarstrom wegen Übertragungsengpässen und Anforderungen der Netzsicherheit nicht genutzt werden. Neue Anlagen helfen wenig, wenn Leitungen, Speicher und Steuerung nicht mithalten.
Die indische Regulierungsbehörde reagiert nun pragmatischer auf Projektverzögerungen. Entwickler erneuerbarer Anlagen sollen Netzanschlüsse gegen höhere Gebühren behalten können, wenn Projekte verspätet fertig werden. Das kann Investitionen schützen, darf aber nicht dazu führen, dass knappe Anschlussrechte dauerhaft blockiert werden.
Konstruktiver Journalismus heißt auch: Grenzen benennen
Der indische Ausbau zeigt, wie schnell sich Energiesysteme verändern können, wenn Kosten, Industriepolitik und Nachfrage zusammenwirken. Er zeigt aber ebenso, dass der Bau von Solarmodulen nur der erste Teil der Transformation ist. Netze, Speicher, flexible Verbraucher und verlässliche Regeln entscheiden darüber, ob installierte Megawattstunden tatsächlich fossile Erzeugung verdrängen.
Der Meilenstein ist deshalb weder Grund für Triumph noch für Relativierung. Er ist ein belastbares Zeichen dafür, dass die Richtung der Investitionen sich verschoben hat – in einem Land, dessen Energiepfad für das globale Klima entscheidend ist.
