Ausgangsbehauptung: „36 Prozent für die AfD bedeuten, dass mehr als jeder dritte Mensch in Mecklenburg-Vorpommern die AfD unterstützt.“ Diese Formulierung ist in zugespitzter Wahlberichterstattung naheliegend – statistisch ist sie aber falsch.
Urteil: verkürzt/irreführend. Die jüngste ZDF-Sonntagsfrage misst 36 Prozent für die AfD unter den ausgewiesenen Parteianteilen einer hypothetischen Wahlentscheidung. Sie sagt nicht, dass 36 Prozent aller Einwohner AfD wählen würden oder sich dauerhaft als Unterstützer verstehen.
Was eine Sonntagsfrage tatsächlich misst
Befragt werden Wahlberechtigte, nicht sämtliche Einwohner. Kinder, viele ausländische Einwohner und andere nicht Wahlberechtigte gehören nicht zur Grundgesamtheit. Zudem werden Unentschlossene und Nichtwähler bei der veröffentlichten Parteienverteilung anders behandelt als Personen mit konkreter Parteipräferenz.
Noch weiter geht die Behauptung „mehr als jeder Dritte unterstützt die AfD“. Unterstützung kann Mitgliedschaft, Sympathie, Wahlabsicht oder Zustimmung zu einzelnen Positionen bedeuten. Eine Sonntagsfrage misst davon nur die erklärte Wahlentscheidung zum Befragungszeitpunkt.
Auch 36 Prozent sind keine Prognose
Die Forschungsgruppe Wahlen erhob für das jüngste Politbarometer 37 Prozent für die SPD und 36 Prozent für die AfD. Andere Institute lagen zuletzt teils anders. Umfragen haben Stichprobenfehler, Modellannahmen und Unsicherheiten durch kurzfristige Wahlentscheidungen.
Der Nenner entscheidet
36 Prozent der ausgewiesenen Parteipräferenzen, 36 Prozent aller Wahlberechtigten und 36 Prozent aller Einwohner sind drei verschiedene Größen. Bei einer Wahl mit beispielsweise 70 Prozent Beteiligung entsprächen 36 Prozent der gültigen Stimmen rechnerisch deutlich weniger als 36 Prozent aller Wahlberechtigten.
Das schmälert die politische Bedeutung eines hohen Stimmenanteils nicht. Regierungen und Mandate werden aus abgegebenen Stimmen bestimmt. Aber Journalismus sollte politische Relevanz nicht durch einen falschen Bevölkerungsanteil dramatisieren.
Unterstützung ist mehrdimensional
Menschen wählen Parteien strategisch, aus Protest, wegen einzelner Themen, wegen Kandidaten oder aus langfristiger Bindung. Das gilt für die AfD ebenso wie für SPD, CDU, Linke oder Grüne. Wer wissen will, wie verbreitet einzelne AfD-Positionen sind, braucht Sachfragen in repräsentativen Umfragen.
Warum gerade AfD-Zahlen sauber behandelt werden müssen
Die AfD nutzt nachweisbare Fehler in Berichterstattung regelmäßig für ihre Erzählung, Medien würden gegen sie arbeiten. Das ist kein Grund, kritische Recherche abzuschwächen. Es ist ein Grund, Begriffe und Zahlen besonders belastbar zu verwenden.
Korrekt ist: „In der jüngsten ZDF-Sonntagsfrage erreicht die AfD 36 Prozent und liegt einen Punkt hinter der SPD.“ Nicht korrekt ist, daraus ohne weitere Daten eine Aussage über 36 Prozent der gesamten Bevölkerung oder über eine stabile ideologische Bindung abzuleiten.
Recherche-Stand: 20. September 2026, 08:00 Uhr. Nach dem Wahlergebnis ist zwischen Umfragewert und tatsächlichem Stimmenanteil zu unterscheiden.
Quellen
- https://www.reuters.com/world/europe/merz-under-pressure-two-more-german-states-go-polls-2026-09-20/
- https://www.ndr.de/nachrichten/mecklenburg-vorpommern/landtagswahl/zdf-politbarometer-spd-ueberholt-afd-in-mv%2Cmvwahl-392.html
Redaktioneller Hinweis: Stand 20.09.2026, 08:00 Uhr. Urteil bezieht sich auf die Vorwahl-Umfrage, nicht auf das spätere Wahlergebnis.