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Meinung: 43,8 Prozent sind ein Auftrag zum Zuhören – nicht zum Wegsehen

Der AfD-Sieg ist demokratisch zu akzeptieren. Gerade deshalb müssen demokratische Parteien und Medien genauer statt hysterischer reagieren.

Meinung. 43,8 Prozent verschwinden nicht, wenn man sie moralisch kommentiert. Fast jeder zweite gültige Zweitstimmenzettel für die AfD in Sachsen-Anhalt ist ein politischer Befund, den demokratische Parteien ernst nehmen müssen. Ernst nehmen heißt aber weder übernehmen noch verharmlosen.

Der bequemste Fehler wäre jetzt, alle AfD-Wähler zu Extremisten zu erklären. Der zweitbequemste wäre, aus dem Ergebnis zu folgern, die Positionen der Partei seien damit demokratisch unproblematisch geworden. Beides verwechselt Wähler mit Partei und Mehrheit mit Wahrheit.

Der Landesverband ist als gesichert rechtsextremistisch eingestuft. Diese Tatsache darf nicht aus Angst vor dem Vorwurf der Parteilichkeit verschwiegen werden. Ebenso wenig darf sie als Universalabkürzung dienen, die jede Sachprüfung ersetzt. Wer behauptet, eine AfD-Forderung sei verfassungswidrig, sollte erklären können, welche Norm betroffen ist. Wer Russlandnähe kritisiert, sollte Reden, Programme und Abstimmungen belegen. Wer wirtschaftliche Schäden prognostiziert, sollte später prüfen, ob sie eintreten.

Die schlechte Nachricht für die politische Mitte

Es gibt offenbar keine einzelne kommunikative Wunderwaffe. Die AfD wurde nicht stark, weil ein bestimmtes Wort zu selten oder zu häufig gesagt wurde. Sie gewinnt Menschen mit sehr unterschiedlichen Motiven: Migration, wirtschaftliche Sorgen, kulturelle Fragen, Russlandpolitik, Misstrauen gegenüber Institutionen und schlichte Ablehnung der Bundesregierung.

Wer diese Menschen zurückgewinnen will, muss deshalb Politik machen, deren Wirkung im Alltag sichtbar wird. Funktionierende Schulen und Verwaltungen, verlässliche Infrastruktur, bezahlbares Wohnen und eine Migrationspolitik, die gleichzeitig rechtsstaatlich und praktisch handlungsfähig ist, sind weniger spektakulär als die nächste Empörungsdebatte. Aber genau dort entscheidet sich Vertrauen.

Keine Anpassung an falsche Behauptungen

Zuhören bedeutet nicht, Desinformation zu übernehmen. Wenn eine Behauptung über Kriminalität, Wahlbetrug oder Migration falsch ist, wird sie nicht richtiger, weil 43,8 Prozent eine Partei wählen, die sie verbreitet. Umgekehrt sollte eine zutreffende Aussage nicht reflexartig falsch genannt werden, nur weil sie von der AfD kommt.

Gerade nach diesem Wahlergebnis braucht es eine langweilig klingende Tugend: Genauigkeit. Sie ist wirksamer als Alarmismus, weil sie überprüfbar ist.

Demokratie ist mehr als Wahltag

Die Stimmen für die AfD sind demokratisch abgegeben und vollständig zu respektieren. Demokratie endet aber nicht bei der Auszählung. Grundrechte, Gerichte, Minderheitenschutz, freie Medien und parlamentarische Kontrolle gehören ebenfalls dazu. Eine Regierung – egal welcher Partei – erhält Macht auf Zeit und innerhalb von Regeln.

Der richtige Umgang mit dem 6. September ist deshalb weder Panik noch Schulterzucken. Es ist die nüchterne Anerkennung, dass ein großer Teil Sachsen-Anhalts einen radikalen politischen Wechsel will. Wer diesen Wechsel für falsch hält, muss künftig überzeugender erklären und vor allem zeigen, welche bessere Alternative er anbietet.

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Stand: 07.09.2026. Als Meinung gekennzeichnet; die Tatsachenbasis zum Wahlergebnis beruht auf dem vorläufigen Ergebnis.