Die AfD erreicht in einer neuen INSA-Erhebung für die Bild 29 Prozent und liegt damit deutlich vor CDU/CSU mit 21 Prozent. Der Wert ist politisch bemerkenswert, aber er ist zunächst genau das: das Ergebnis einer Sonntagsfrage, keine Wahl und keine Prognose für die nächste Bundestagswahl.
Interessant wird die Erhebung durch eine zweite Zahl. 53 Prozent der Befragten halten die AfD für rechtsextrem, 37 Prozent nicht. 48 Prozent unterstützen die Weigerung anderer Parteien, mit ihr zu koalieren; 39 Prozent lehnen diese Abgrenzung ab. Beim Parteiverbot sind Befürworter und Gegner mit jeweils 42 Prozent gleichauf.
Stärke und Ablehnung wachsen gleichzeitig
Diese Zahlen widersprechen sich nicht. Eine Partei kann ihre eigene Wählerschaft stark mobilisieren und zugleich von einer Mehrheit kritisch gesehen werden. Für das deutsche Verhältniswahlrecht ist außerdem entscheidend, wie viele Stimmen auf andere Parteien entfallen und welche davon die Fünfprozenthürde überwinden.
Bei der Bundestagswahl 2025 erhielt die AfD 20,8 Prozent, CDU/CSU 28,5 Prozent. Der ARD-DeutschlandTrend vom 6. August sah die AfD bereits bei 28 und die Union bei 21 Prozent. Dass nun ein weiteres Institut einen ähnlich hohen Wert misst, macht den Trend relevanter; einzelne Prozentpunkte zwischen Instituten sollte man dennoch nicht überinterpretieren.
Sachsen-Anhalt als Stresstest
Besonders konkret wird die Debatte in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September gewählt wird. Dort könnte die AfD stärkste Kraft werden. Eine absolute Mehrheit ist jedoch eine andere Schwelle als der erste Platz. Solange keine andere Partei koalieren will, hängt eine Regierungsbildung davon ab, ob die AfD allein genügend Mandate erreicht oder ob andere Mehrheiten möglich bleiben.
Die neue INSA-Erhebung enthält auch einen Warnhinweis gegen die Gleichsetzung von Parteistärke und persönlicher Regierungspräferenz: 45 Prozent erwarten zwar einen AfD-Ministerpräsidenten in Sachsen-Anhalt, aber nur 30 Prozent nennen Ulrich Siegmund als geeigneten Kandidaten; 33 Prozent bevorzugen CDU-Kandidat Sven Schulze. 47 Prozent halten Siegmund für eine Gefahr für die Demokratie.
Was demokratische Konkurrenz jetzt leisten muss
Die hohen Werte lassen sich weder durch moralische Etiketten wegdiskutieren noch durch die Behauptung relativieren, Umfragen seien bedeutungslos. Sie zeigen reale politische Präferenzen. Ebenso falsch wäre aber, aus ihnen einen zwangsläufigen Machtwechsel abzuleiten.
Für konkurrierende Parteien folgt daraus eine doppelte Aufgabe: Sie müssen erklären, warum ihre Politik bei vielen Menschen Vertrauen verloren hat, und zugleich konkrete AfD-Vorschläge an ihren rechtlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Folgen messen. Eine Demokratie gewinnt nicht dadurch an Stabilität, dass sie unangenehme Umfragen ignoriert. Sie gewinnt, wenn politische Alternativen überprüfbar werden.
Einordnung: 29 Prozent sind ein starkes Umfragesignal. Sie sind weder 29 Prozent der Gesamtbevölkerung noch eine absolute Mehrheit und erst recht kein Wahlergebnis. Der politische Befund ist dennoch ernst: Die AfD hat sich in mehreren Erhebungen als bundesweit stärkste Einzelpartei etabliert.