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Warum die Grünen in Sachsen-Anhalt plötzlich 8,9 Prozent holen – und die Rekordbeteiligung ihnen eher nicht half

Von sechs Prozent in den letzten Umfragen auf 8,9 Prozent am Wahltag: Der Grünen-Zuwachs in Sachsen-Anhalt war vor allem ein taktischer Anti-AfD-Effekt und kein klassischer Klima-Wahlsieg. Die Rekordbeteiligung half vor allem der AfD.

Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin von Bündnis 90/Die Grünen bei der Landtagswahl 2026 in Sachsen-Anhalt.

Beitragsbild: Archiv-/Kontextbild von Susan Sziborra-Seidlitz, Spitzenkandidatin der Grünen in Sachsen-Anhalt. Aufnahme vom Mai 2025. Foto: Der-Wir-Ing / Wikimedia Commons, CC0 1.0.

Auf den ersten Blick gehört ausgerechnet eine Partei zu den überraschenden Gewinnern der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt, die im Land lange um den Wiedereinzug bangen musste: Bündnis 90/Die Grünen kommen nach dem vorläufigen Endergebnis auf 8,9 Prozent der Zweitstimmen. 2021 waren es 5,9 Prozent. In absoluten Zahlen ist der Sprung noch deutlicher: von 63.145 auf 117.498 Zweitstimmen. Das sind gut 54.000 Stimmen mehr und damit ein Plus von rund 86 Prozent.

Der Zuwachs ist umso auffälliger, weil die letzten seriösen Umfragen unmittelbar vor der Wahl die Grünen noch bei etwa sechs Prozent sahen. Das ZDF-Politbarometer vom 28. August und auch die letzte Projektion wenige Tage vor der Wahl lagen in dieser Größenordnung. Zwischen Umfrage und Wahltag kamen also knapp drei Prozentpunkte hinzu.

Wer daraus eine plötzlich ausgebrochene Begeisterung für grüne Landespolitik ableitet, greift allerdings zu kurz. Die Daten von Infratest dimap sprechen für eine andere Erklärung: Der Grünen-Erfolg war zu einem erheblichen Teil taktisch.

68 Prozent wählten die Grünen auch, um einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern

Nach der ARD-Wahlanalyse sagten 68 Prozent der Grünen-Wählerinnen und -Wähler, bei ihrer Entscheidung sei es vor allem darum gegangen, einen AfD-Ministerpräsidenten zu verhindern. Bei der SPD lag dieser Wert sogar noch höher. Das ist ein außergewöhnlich starkes Signal dafür, dass ein Teil der Wählerschaft nicht nur die bevorzugte Partei gewählt hat, sondern die parlamentarische Arithmetik mitgedacht hat.

Der Hintergrund war klar: Die AfD lag in den Umfragen bei rund 40 Prozent und konnte auf eine eigene Mehrheit hoffen, falls mehrere kleinere Parteien an der Fünf-Prozent-Hürde scheiterten. Für Wähler aus dem demokratischen Lager wurde damit jede Stimme für eine Partei knapp oberhalb der Fünf-Prozent-Grenze strategisch wertvoll. Die Grünen waren genau eine solche Partei.

Die Wählerwanderung passt zu diesem Bild. Nach der Analyse von Infratest dimap gewannen die Grünen im Saldo rund 17.000 Stimmen von früheren CDU-Wählern und etwa 10.000 aus dem bisherigen Nichtwählerlager. Kleinere Zugewinne kamen aus anderen Parteien. Gleichzeitig verloren sie nach der Schätzung rund 2.000 Stimmen an die AfD.

Der wichtigste neue Zufluss kam damit nicht aus einem grünen Kernmilieu, sondern ausgerechnet aus der CDU. Das ist plausibel: Wer eigentlich konservativ wählen wollte, aber vor allem eine absolute AfD-Mehrheit verhindern wollte, konnte mit der Zweitstimme eine kleinere demokratische Partei stabilisieren.

Der CDU-Absturz schuf ein Reservoir taktischer Wähler

Die CDU fiel von 37,1 Prozent im Jahr 2021 auf nur noch 17,2 Prozent. Ein solcher Absturz setzt enorme Wählerbewegungen frei. Ein großer Teil wechselte zur AfD, aber eben nicht alle. Die Grünen profitierten von einem kleineren, politisch sehr relevanten Teil dieses Zerfalls.

Das erklärt auch, warum das Ergebnis nicht wie ein klassischer grüner Themenwahlkampf aussieht. In der ARD-Analyse bleiben Klima und Umwelt das Feld, auf dem den Grünen mit Abstand die höchste Kompetenz zugeschrieben wird. Nur gehörte Klima bei dieser Wahl nicht zu den wichtigsten Themen der Gesamtwählerschaft. Dominant waren soziale Sicherheit, Frieden in Europa, Wirtschaft, innere Sicherheit und Bildung.

Die Grünen legten also zu, obwohl ihr stärkstes Kernthema nicht die Wahl dominierte. Das spricht zusätzlich dafür, dass Demokratie- und Abwehrmotivation gegen eine AfD-Alleinregierung wichtiger waren als ein plötzlicher programmatischer Linksruck des Landes.

Auch die Erst- und Zweitstimmen zeigen strategisches Verhalten

Bemerkenswert ist der große Abstand zwischen Erst- und Zweitstimme. Die Grünen erreichten landesweit 8,9 Prozent bei den Zweitstimmen, aber nur 3,5 Prozent bei den Erststimmen. Sie hatten dabei in allen 41 Wahlkreisen eigene Direktkandidaten aufgestellt.

Das ist kein Beweis für taktisches Wählen im Einzelfall, aber es ist ein starkes Indiz für Stimmensplitting: Viele Menschen wollten offenbar mit der Zweitstimme die Grünen im Landtag stärken, gaben ihre Erststimme aber einer lokal aussichtsreicheren Kandidatin oder einem aussichtsreicheren Kandidaten einer anderen Partei. Gerade in einer Wahl, in der die AfD fast sämtliche Direktmandate gewann, ist dieses Muster politisch nachvollziehbar.

Die Rekordwahlbeteiligung war dagegen kein grüner Mobilisierungserfolg

77,8 Prozent Wahlbeteiligung sind Rekord für eine Landtagswahl in Sachsen-Anhalt seit der Wiedervereinigung. 2021 waren es nur 60,3 Prozent. Bemerkenswert ist dabei: Obwohl 2026 rund 82.000 Menschen weniger wahlberechtigt waren als 2021, gingen etwa 249.000 Menschen mehr zur Wahl.

Von dieser Mobilisierungswelle profitierten aber vor allem andere. Infratest dimap schätzte, dass allein die AfD etwa 157.000 frühere Nichtwähler mobilisierte. Bei den Grünen waren es nur rund 10.000. Die hohe Beteiligung war deshalb nicht der Motor des grünen Zugewinns. Im Gegenteil: Weil der zusätzliche Wählerstrom weit überproportional zur AfD ging, drückte die Rekordbeteiligung den relativen Grünen-Anteil eher nach unten.

Was hätten die Grünen bei einer „normalen“ Wahlbeteiligung?

Eine solche Rechnung ist nur mit Annahmen möglich. Wahlbeteiligung lässt sich nicht einfach herunterdrehen wie ein Regler, weil sich nicht zufällig dieselben Wähler proportional verabschieden. Deshalb sind zwei Szenarien sinnvoll.

Szenario 1: Alle Parteien verlieren bei geringerer Beteiligung proportional gleich viele Stimmen. Dann ändert sich am Ergebnis überhaupt nichts: Die Grünen blieben bei 8,9 Prozent. Das ist die mathematisch neutrale Annahme.

Szenario 2: Die Beteiligung fällt auf das Niveau von 2021 zurück, und der von Infratest dimap geschätzte Netto-Zugewinn der Grünen von rund 10.000 früheren Nichtwählern entfällt. Bei der heutigen Zahl der Wahlberechtigten entspräche eine Beteiligung von 60,3 Prozent rund 1,03 Millionen Wählern. Unterstellt man außerdem ungefähr denselben Anteil gültiger Stimmen wie 2026, blieben rund 1,02 Millionen gültige Zweitstimmen. Zieht man von den heutigen 117.498 Grünen-Stimmen die rund 10.000 aus dem früheren Nichtwählerlager ab, verbleiben etwa 107.500 Stimmen. Das entspräche in diesem bewusst vereinfachten Modell rund 10,5 Prozent.

Der scheinbare Widerspruch ist der Kern der Wahl: Weniger Beteiligung hätte den Grünen in diesem Modell prozentual sogar geholfen, weil die zusätzlichen Wähler 2026 sehr viel stärker zur AfD als zu ihnen gingen.

Zum Vergleich: Die durchschnittliche Beteiligung der acht Landtagswahlen von 1990 bis 2021 lag bei etwa 58,1 Prozent. Mit derselben vereinfachten Annahme läge der Grünen-Anteil sogar bei knapp 11 Prozent. Das ist ausdrücklich keine Prognose, sondern eine Szenariorechnung, die zeigt, wie stark die Zusammensetzung der zusätzlichen Wählerschaft den Prozentwert beeinflusst.

Stimmt es, dass hohe Wahlbeteiligung den Grünen normalerweise schadet?

Als allgemeine Regel lässt sich das nicht sauber behaupten. Für Sachsen-Anhalt zeigt die historische Reihe keinen stabilen linearen Zusammenhang. Vor 2026 lag der Beteiligungsrekord bei 71,5 Prozent im Jahr 1998; damals kamen die Grünen nur auf 3,2 Prozent und flogen aus dem Landtag. Ihr bestes Ergebnis vor 2026 erzielten sie 2011 mit 7,1 Prozent bei nur 51,2 Prozent Wahlbeteiligung.

Andererseits erzielten sie 1990 bei 65,1 Prozent Beteiligung 5,3 Prozent, 2016 bei 61,1 Prozent Beteiligung 5,2 Prozent und 2021 bei 60,3 Prozent Beteiligung 5,9 Prozent. Eine einfache Korrelation der acht Landtagswahlen von 1990 bis 2021 zwischen Wahlbeteiligung und Grünen-Ergebnis liegt nur bei ungefähr -0,11 – praktisch kein belastbarer linearer Zusammenhang.

Die präzisere Aussage lautet deshalb: Hohe Wahlbeteiligung war in Sachsen-Anhalt historisch kein verlässlicher Vorteil für die Grünen. 2026 war sie auf absoluter Ebene sogar mit ihrem besten Ergebnis überhaupt verbunden. Aber die zusätzlich mobilisierten Wähler kamen diesmal so stark der AfD zugute, dass die hohe Beteiligung den prozentualen Grünen-Anteil eher verwässerte.

Die Grünen bleiben vor allem eine urbane Partei

Auch geografisch zeigt sich das bekannte Muster. In mehreren Magdeburger Wahlkreisen lagen die Grünen deutlich über dem Landesdurchschnitt, etwa bei 14,3 Prozent in Magdeburg IV und 13,8 Prozent in Magdeburg III. In ländlicheren Wahlkreisen lagen sie teils nur knapp um oder unter fünf Prozent.

Der Zugewinn bedeutet deshalb nicht, dass Sachsen-Anhalt plötzlich flächendeckend „grüner“ geworden wäre. Er zeigt vielmehr, dass eine relativ kleine urbane Stammwählerschaft mit taktischen Stimmen aus anderen demokratischen Lagern kombiniert wurde.

Ein Erfolg – aber ein fragiler

Für die Grünen ist 8,9 Prozent ein bemerkenswerter Erfolg. Sie haben ihren Stimmenanteil um drei Punkte erhöht und ihre absolute Zweitstimmenzahl nahezu verdoppelt. Gleichzeitig wäre es gefährlich, daraus eine neue stabile Größenordnung abzuleiten.

Wenn tatsächlich ein großer Teil der neuen Wähler vor allem die AfD verhindern wollte, können diese Stimmen bei der nächsten Wahl genauso schnell wieder zur CDU, SPD oder einer anderen Partei zurückkehren. Die entscheidende Aufgabe für die Grünen beginnt deshalb erst jetzt: Sie müssen aus geliehenen Anti-AfD-Stimmen echte Bindung machen.

Das Wahlergebnis ist damit weniger eine grüne Welle als ein strategischer Nebeneffekt einer extrem polarisierten Wahl. Die Grünen profitierten vom Absturz der CDU, von der Angst vor einer AfD-Alleinregierung und von taktischem Stimmensplitting. Von der Rekordwahlbeteiligung selbst profitierten sie dagegen kaum. Dass sie am Ende trotzdem auf 8,9 Prozent kommen, macht das Ergebnis politisch interessant – aber eben auch schwer wiederholbar.

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Recherche-Stand: 07.09.2026, 07:45 Uhr. Grundlage ist das vorläufige Ergebnis nach Auszählung aller 2661 Wahlbezirke. Die Wählerwanderung von Infratest dimap ist eine modellbasierte Schätzung. Die Gegenrechnung auf 60,3 bzw. 58,1 Prozent Wahlbeteiligung ist ausdrücklich ein vereinfachtes Szenario und keine Rekonstruktion eines tatsächlich möglichen alternativen Wahlausgangs.