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Studie: Deutschlands politische Sprache wurde intuitionsorientierter – was die Daten zeigen und was nicht

Ein neuer Preprint analysiert 4,5 Millionen Tweets und 59.170 Bundestagsreden von 2015 bis 2025. Die Autoren messen eine Verschiebung von evidenz- zu intuitionsorientierter Sprache – doch Kausalität beweist die Studie nicht.

Aktualisierung/Korrektur: Stand: 10.08.2026. Die Studie ist ein Preprint und sollte nicht wie ein bereits peer-reviewtes endgültiges Forschungsergebnis behandelt werden. Der Artikel trennt ausdrücklich Zusammenhang und Kausalität.
Blick von der Reichstagskuppel in den Plenarsaal des Deutschen Bundestages.

Wie verändert sich politische Sprache, wenn neue populistische Akteure ins Parlament einziehen? Ein neuer wissenschaftlicher Preprint versucht diese Frage nicht über einzelne Zitate, sondern mit einer großen Textanalyse zu beantworten: 4,5 Millionen Tweets und 59.170 Bundestagsreden deutscher Politikerinnen und Politiker aus den Jahren 2015 bis 2025.

Das Ergebnis der Autoren: Sprache, die stärker auf Intuition, Gefühl und persönliche Gewissheit ausgerichtet ist, wurde im untersuchten Zeitraum verbreiteter. Besonders auffällig sei eine Veränderung im Bundestag rund um den Einzug der AfD 2017.

Was wurde überhaupt gemessen?

Die Forschenden unterscheiden sprachliche Muster, die sie als „evidence-based“ und „intuition-based“ klassifizieren. Dafür verwenden sie ein zuvor validiertes computergestütztes Wörterbuchverfahren, das semantische Ähnlichkeiten in großen Textmengen erfasst.

Aus beiden Kategorien bilden sie einen Kennwert – Evidence Minus Intuition, kurz EMI. Ein höherer Wert bedeutet in diesem Modell relativ stärker evidenzorientierte Sprache; ein niedrigerer Wert relativ stärker intuitionsorientierte Sprache.

Was die Analyse findet

Nach Angaben der Autoren nahm intuitionsorientierte Sprache sowohl auf Twitter als auch in Bundestagsreden über die Jahre zu. Rechts orientierte Akteure erzielten im Mittel niedrigere EMI-Werte als andere politische Gruppen.

Im Parlament zeigt die Analyse rund um den Einzug der AfD nach der Bundestagswahl 2017 einen relativ abrupten Rückgang des EMI-Wertes auch über die übrigen Parteien hinweg. Auf Twitter erscheint die Entwicklung dagegen schrittweiser.

Der wichtigste Satz: Korrelation ist keine Kausalität

Die Autoren selbst beschreiben ihren Befund als Zusammenhang. Dass eine Veränderung zeitlich mit dem Einzug einer Partei zusammenfällt, beweist nicht automatisch, dass diese Partei die Veränderung verursacht hat.

Zwischen 2015 und 2025 veränderte sich die politische Kommunikation aus vielen Gründen: Flüchtlingsdebatte, Pandemie, russischer Angriff auf die Ukraine, Energiekrise, Inflation, Veränderungen sozialer Medien und zunehmende politische Polarisierung. Solche Faktoren können den Sprachstil sämtlicher Parteien beeinflussen.

Auch die Messmethode hat Grenzen

Computergestützte Sprachanalyse kann Millionen Texte vergleichen, die kein Forschungsteam manuell lesen könnte. Dafür muss sie komplexe Sprache in messbare Kategorien übersetzen.

Ein Wort oder eine Formulierung ist aber nicht in jedem Kontext gleichbedeutend. Intuitive Sprache ist außerdem nicht automatisch falsch, und evidenzorientiert klingende Sprache ist nicht automatisch wahr. Ein Politiker kann sich auf „Daten“ berufen und trotzdem falsche Zahlen verwenden. Umgekehrt kann eine persönliche moralische Bewertung vollkommen legitim sein, obwohl sie keine empirische Behauptung darstellt.

Warum die Studie trotzdem interessant ist

Der Wert der Arbeit liegt weniger darin, eine Rangliste „wahrheitsliebender Parteien“ zu erstellen. Interessanter ist die Frage, ob sich die Form politischer Legitimation verändert: Wird häufiger argumentiert mit „Studien zeigen“, „Daten belegen“ und überprüfbaren Bezügen – oder stärker mit „jeder sieht doch“, „offensichtlich“ und gefühlter Gewissheit?

Solche Verschiebungen können relevant sein, weil demokratische Debatten darauf angewiesen sind, zumindest einen Teil politischer Aussagen anhand gemeinsamer Fakten prüfen zu können.

Noch kein endgültiges Forschungsergebnis

Die Arbeit wurde am 5. August 2026 auf arXiv veröffentlicht. Sie ist damit öffentlich zugänglich, aber zum jetzigen Zeitpunkt ein Preprint. Eine Veröffentlichung auf einem Preprint-Server bedeutet nicht, dass das Manuskript bereits ein vollständiges Peer-Review-Verfahren einer Fachzeitschrift durchlaufen hat.

Die angemessene Überschrift lautet deshalb nicht „Studie beweist, dass Partei X die Politik faktenfrei gemacht hat“. Sie lautet: Eine große Textanalyse findet eine messbare Verschiebung im Sprachstil – und liefert eine Hypothese darüber, wie politische Konkurrenz damit zusammenhängen könnte.