Stand: 29. September 2026
Am 29. und 30. September 1941 ermordeten deutsche SS- und
Polizeieinheiten, unterstützt von der Wehrmacht und örtlichen
Hilfskräften, in der Schlucht von Babyn Jar 33.771 jüdische Männer,
Frauen und Kinder. Es war eines der größten einzelnen Massaker des
Holocaust. 85 Jahre später ist Babyn Jar nicht nur ein Ort des
Gedenkens. Die Geschichte der Schlucht erzählt auch davon, wie
arbeitsteilig der deutsche Vernichtungskrieg funktionierte, wie Täter
ihre Spuren beseitigten, wie die jüdischen Opfer jahrzehntelang aus der
öffentlichen Erinnerung gedrängt wurden – und wie Russland heute die
Geschichte des Nationalsozialismus missbraucht, um seinen Angriff auf
die Ukraine zu rechtfertigen.
Eine Zahl aus dem Bericht
der Täter
33.771.
Diese Zahl ist keine spätere Schätzung und keine symbolische Rundung.
Sie stammt aus einem deutschen Ereignisbericht, den die Einsatzgruppen
nach Berlin übermittelten. So viele jüdische Menschen hätten die
deutschen Einheiten am 29. und 30. September 1941 in Kyiv „exekutiert“,
vermerkten die Täter in ihrer bürokratischen Sprache.
Hinter der scheinbaren Genauigkeit verbirgt sich ein kaum fassbares
Verbrechen: Innerhalb von zwei Tagen wurde ein großer Teil der in Kyiv
verbliebenen jüdischen Bevölkerung systematisch zusammengetrieben,
beraubt, entkleidet und erschossen.
Die Zahl 33.771 bezeichnet dabei nur die zentrale Mordaktion dieser
beiden Tage. Bereits zuvor und noch bis 1943 töteten die deutschen
Besatzer in Babyn Jar weitere Menschen. Nach sowjetischen
Nachkriegsuntersuchungen wurden an diesem Ort während der Besatzung
insgesamt etwa 100.000 Menschen ermordet – darunter weitere Jüdinnen und
Juden, Roma, sowjetische Kriegsgefangene, Patientinnen und Patienten
einer psychiatrischen Klinik, Kommunisten, Angehörige des ukrainischen
Widerstands und andere Zivilisten.
Babyn Jar war nicht nur der Schauplatz eines Massakers. Die Schlucht
wurde über zwei Jahre hinweg zu einer deutschen Mordstätte.
Kyiv vor der deutschen
Besatzung
Vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion lebten ungefähr
160.000 jüdische Menschen in Kyiv. Sie machten rund ein Fünftel der
Bevölkerung der ukrainischen Hauptstadt aus. Kyiv war eines der
bedeutendsten Zentren jüdischen Lebens in der Sowjetunion.
Als die Wehrmacht im Sommer 1941 auf die Stadt vorrückte, konnten
viele Menschen fliehen oder wurden evakuiert. Zahlreiche jüngere Männer
dienten in der Roten Armee. Etwa 60.000 jüdische Einwohner blieben nach
Angaben des United States Holocaust Memorial Museum in der Stadt zurück.
Unter ihnen waren besonders viele Frauen, Kinder, ältere und kranke
Menschen – Menschen, denen eine Flucht häufig nicht möglich gewesen
war.
Am 19. September 1941 besetzte die deutsche Wehrmacht Kyiv.
Wenige Tage später explodierten in der Innenstadt Sprengsätze, die
sowjetische Einheiten vor ihrem Rückzug zurückgelassen hatten. Gebäude,
in denen sich deutsche Dienststellen befanden, wurden zerstört; deutsche
Soldaten, Funktionäre und auch Zivilisten starben.
Die Besatzer machten pauschal die jüdische Bevölkerung
verantwortlich. Die Explosionen lieferten ihnen den Vorwand für einen
Massenmord, dessen ideologische Grundlage längst bestand: Der deutsche
Krieg gegen die Sowjetunion war von Beginn an als rassistischer
Eroberungs- und Vernichtungskrieg geführt worden. Die systematische
Ermordung jüdischer Menschen war kein spontaner Racheakt auf ein
militärisches Ereignis. Sie gehörte zum Kern der nationalsozialistischen
Politik.
Die
Todesanzeige sah wie eine Umsiedlungsanordnung aus
Am 28. September hängten die deutschen Besatzer in Kyiv Plakate auf.
In deutscher, ukrainischer und russischer Sprache wurde die jüdische
Bevölkerung angewiesen, sich am folgenden Morgen an einer
Straßenkreuzung in der Nähe der Friedhöfe einzufinden.
Die Menschen sollten Ausweispapiere, Geld, Wertsachen, warme Kleidung
und Wäsche mitbringen. Wer der Aufforderung nicht folge, werde
erschossen.
Die Anordnung war bewusst so formuliert, dass sie wie die
Vorbereitung einer Deportation oder Umsiedlung wirkte. Ein Güterbahnhof
lag in der Nähe. Viele Familien gingen davon aus, dass sie Kyiv
verlassen müssten. Sie nahmen Koffer, Kleidung und persönliche
Gegenstände mit. Manche führten Haustiere bei sich.
Am Morgen des 29. September bewegten sich ganze Familien durch die
Stadt zum vorgegebenen Treffpunkt.
Hinter einer deutschen Sperre begann ein System, aus dem kaum noch
jemand entkommen konnte. Die Menschen wurden in Gruppen weitergetrieben.
Zunächst mussten sie Gepäck, Papiere und Wertsachen abgeben, danach ihre
Kleidung. Ihre Ausweise wurden vernichtet; ihr Besitz wurde sortiert und
später verteilt oder weiterverwendet.
Am Rand der Schlucht erkannten die meisten, dass keine Umsiedlung
bevorstand.
Ein
industriell organisierter Mord ohne Gaskammer
Babyn Jar widerspricht einem bis heute verbreiteten, verkürzten Bild
des Holocaust. Die Ermordung der europäischen Jüdinnen und Juden begann
nicht erst mit den Gaskammern der Vernichtungslager.
In den von Deutschland besetzten Gebieten Osteuropas erschossen
Einsatzgruppen, Polizeieinheiten, SS-Verbände, Soldaten und Hilfskräfte
Hunderttausende Menschen an Waldrändern, in Sandgruben, auf Feldern und
in Schluchten. Nach Angaben der International Holocaust Remembrance
Alliance wurde ungefähr ein Drittel der sechs Millionen jüdischen Opfer
des Holocaust bei solchen Massenerschießungen ermordet. Dafür hat sich
der Begriff „Holocaust durch Kugeln“ eingebürgert.
Babyn Jar steht exemplarisch für dieses Verbrechen.
Die Opfer wurden in Gruppen in die Schlucht getrieben. Dort mussten
sie sich auf den Boden oder auf die Körper bereits Ermordeter legen. Die
Schützen töteten sie aus nächster Nähe. In regelmäßigen Abständen
wechselten sich die Mordkommandos ab. Für die Täter standen Verpflegung
und Alkohol bereit.
Am Abend des ersten Tages waren etwa 22.000 Menschen tot. Die noch
nicht Ermordeten wurden über Nacht in Gebäuden in der Nähe festgehalten.
Am 30. September setzten die deutschen Einheiten die Erschießungen
fort.
Danach sprengten Wehrmachtspioniere Teile der Schluchtränder, damit
Sand und Erde die Leichen bedeckten. Sowjetische Kriegsgefangene mussten
das Gelände einebnen.
Der Ablauf zeigt, dass es sich nicht um einen Exzess einzelner Täter
handelte. Ein Verbrechen dieser Größe erforderte Planung, Transport,
Absperrungen, Personal, Munition, Versorgung, Erfassung und die
Verwertung des geraubten Eigentums. Babyn Jar war ein arbeitsteilig
organisiertes Staatsverbrechen.
Die Täter kamen nicht nur
von der SS
Für das Massaker war vor allem das Sonderkommando 4a der
Einsatzgruppe C unter dem SS-Standartenführer Paul Blobel
verantwortlich. An den Erschießungen und ihrer Absicherung waren
außerdem Angehörige der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes,
der Waffen-SS sowie deutsche Polizeibataillone beteiligt.
Das Polizeibataillon 45 stellte einen erheblichen Teil der Schützen.
Angehörige des Polizeibataillons 303 sicherten Teile des Geländes und
der Zugänge. Weitere Kräfte standen für Absperrungen, Transporte und die
Jagd nach jüdischen Einwohnern bereit. Auch örtliche Milizionäre und
Hilfspolizisten unterstützten die deutschen Einheiten.
Doch die Wehrmacht war keineswegs nur zufälliger Zuschauer.
An Besprechungen, in denen die Ermordung der Jüdinnen und Juden von
Kyiv vorbereitet wurde, nahmen Angehörige der Wehrmacht und der
Militärverwaltung teil. Der deutsche Stadtkommandant, Generalmajor Kurt
Eberhard, gehörte zu den Entscheidungsträgern. Einheiten der 6. Armee
hatten jüdische Menschen bereits zuvor festgenommen und an die
Sicherheitspolizei übergeben. Wehrmachtssoldaten halfen, den Weg und das
Exekutionsgelände abzuriegeln. Pioniere beseitigten anschließend
sichtbare Spuren des Massakers.
Der Oberbefehlshaber der 6. Armee, Generalfeldmarschall Walter von
Reichenau, unterstützte den rassistischen Vernichtungskrieg
ausdrücklich. Bereits vor Babyn Jar hatte er die Ermordung jüdischer
Kinder in Bila Zerkwa gebilligt. Wenige Wochen später verlangte sein
berüchtigter „Reichenau-Befehl“ von deutschen Soldaten Verständnis für
die angeblich notwendige „Sühne“ am Judentum.
Babyn Jar widerlegt damit den lange gepflegten Mythos von einer
„sauberen Wehrmacht“. Der Massenmord wurde von SS und Polizei
ausgeführt, aber durch militärische Herrschaft, Planung, Logistik und
Absicherung ermöglicht.
Aus 33.771 müssen
wieder Menschen werden
Die Zahl der Opfer ist so groß, dass sie das individuelle Leben zu
verdecken droht.
Eines der ermordeten Kinder hieß Mania Halef. Ein
erhaltenes Foto zeigt sie im Alter von fünf Jahren, mit einer großen
Schleife im Haar. Das United States Holocaust Memorial Museum bewahrt
ihre Aufnahme auf. Mania war kein Symbol und keine anonyme Zahl. Sie war
ein Kind aus Kyiv, bevor deutsche Täter sie in Babyn Jar ermordeten.
Eine der wenigen bekannten Überlebenden war die Schauspielerin
Dina Pronitschewa. Sie konnte sich im Moment der
Erschießung fallen lassen, blieb zwischen den Leichen liegen und entkam
später im Schutz der Dunkelheit. Nach dem Krieg sagte sie vor einem
sowjetischen Gericht aus. Sie berichtete von Männern, Frauen, alten
Menschen und Kindern, die sich entkleiden mussten, von Schüssen und von
den Stimmen verängstigter Kinder.
Ihre Aussage ist deshalb so bedeutend, weil die Täter nicht nur
Menschen ermorden, sondern auch die Erinnerung an den genauen Ablauf
auslöschen wollten.
Heute versuchen Forschungsprojekte, den Opfern ihre Namen und
Biografien zurückzugeben. Hinter jedem rekonstruierten Familienfoto,
Melderegister und Brief steht der Versuch, aus der deutschen Täterzahl
wieder einzelne Leben sichtbar zu machen.
Nach dem
September 1941 ging das Morden weiter
Die Erschießungen vom 29. und 30. September waren der größte, aber
nicht der einzige Massenmord in Babyn Jar.
In den folgenden zwei Jahren brachten die Besatzer immer wieder
Menschen in die Schlucht. Jüdinnen und Juden, die sich zunächst hatten
verstecken können, wurden nach ihrer Entdeckung dort erschossen. Auch
Roma, sowjetische Kriegsgefangene, kommunistische Funktionäre,
Patientinnen und Patienten einer psychiatrischen Einrichtung,
ukrainische Nationalisten und andere Verfolgte wurden ermordet.
In der Nähe errichteten die Deutschen 1942 das Lager Syrez. Dort
hielten sie Kriegsgefangene, Partisanen, jüdische Überlebende und
Zivilisten fest.
Als die Rote Armee 1943 näher rückte, begann die nächste Phase des
Verbrechens: die systematische Beseitigung seiner Spuren.
Die Täter ließen
die Toten wieder ausgraben
Unter dem Decknamen „Aktion 1005“ versuchte das
NS-Regime, Beweise für seine Massenmorde zu vernichten. Paul Blobel, der
das Sonderkommando 4a beim Massaker von 1941 geführt hatte, war auch an
dieser Vertuschungsaktion maßgeblich beteiligt.
In Babyn Jar zwangen die Deutschen mehrere hundert Häftlinge aus dem
Lager Syrez, die Massengräber zu öffnen. Die Gefangenen mussten die
Leichen ausgraben und auf großen Scheiterhaufen verbrennen. Knochenreste
wurden zerkleinert, Asche und Überreste verteilt.
Die Männer wussten, dass die Deutschen sie nach Abschluss der
Arbeiten ebenfalls töten würden. Im September 1943 wagte eine Gruppe die
Flucht. Nur wenige überlebten. Ihre Aussagen halfen später, die
Vertuschung zu rekonstruieren.
Der Versuch, das Verbrechen zu verbergen, war selbst ein weiterer
Teil des Verbrechens: Häftlinge mussten die Ermordeten exhumieren, bevor
auch sie beseitigt werden sollten.
Nur ein Teil
der Verantwortlichen wurde verurteilt
Paul Blobel stand nach dem Krieg im Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess
vor Gericht. Seine Verteidigung behauptete, er habe auf Befehl
gehandelt. Das Gericht verurteilte ihn zum Tode; 1951 wurde er in
Landsberg hingerichtet.
1946 wurden in Kyiv Angehörige deutscher Polizeieinheiten vor einem
sowjetischen Gericht angeklagt. In der Bundesrepublik begann 1967 vor
dem Landgericht Darmstadt ein Verfahren gegen frühere Mitglieder des
Sonderkommandos 4a. Einige Täter erhielten Haftstrafen.
Die juristische Bilanz blieb dennoch unvollständig. Viele Beteiligte
wurden nie belangt, andere erst sehr spät oder für andere Taten. Walter
von Reichenau starb bereits 1942. Zahlreiche Wehrmachtsangehörige,
Polizisten, Verwaltungsbeamte und Helfer kehrten nach dem Krieg in ein
ziviles Leben zurück.
Auch darin liegt eine Lehre von Babyn Jar: Die historische
Verantwortung für ein staatlich organisiertes Massenverbrechen lässt
sich nicht auf wenige bekannte Namen reduzieren. Zwischen Befehl und
Schuss standen Institutionen – Militär, Polizei, Verwaltung und
Besatzungsapparat – sowie sehr viele Menschen, die planten, bewachten,
transportierten, raubten oder wegschauten.
Die
sowjetische Erinnerung verschwieg die jüdischen Opfer
Nach der Rückeroberung Kyivs dokumentierten sowjetische Ermittler die
deutsche Mordstätte. Doch in der offiziellen Erinnerungspolitik der
Sowjetunion wurde die spezifisch antisemitische Dimension des Massakers
jahrzehntelang verdrängt.
Die Opfer erschienen vor allem als „friedliche Sowjetbürger“. Dass am
29. und 30. September 1941 gezielt die jüdische Bevölkerung Kyivs
vernichtet worden war, sollte nicht im Mittelpunkt stehen.
Babyn Jar wurde baulich verändert und teilweise aufgefüllt. Erst 1976
entstand ein großes sowjetisches Denkmal. Seine Inschrift gedachte der
ermordeten sowjetischen Bürger und Kriegsgefangenen, benannte die
jüdischen Hauptopfer der ersten großen Mordaktion aber nicht.
Gegen dieses Verschweigen regte sich Widerstand. Der sowjetische
Dichter Jewgeni Jewtuschenko begann sein 1961 veröffentlichtes Gedicht
„Babij Jar“ mit der Feststellung, über der Schlucht stehe kein Denkmal.
Dmitri Schostakowitsch vertonte den Text in seiner 13. Sinfonie. Kunst
wurde zu einer Form des Erinnerns, wo der Staat die historische Wahrheit
nur unvollständig zuließ.
Erst im September 1991, wenige Wochen nach der ukrainischen
Unabhängigkeitserklärung, wurde am 50. Jahrestag des Massakers das
Menora-Denkmal für die ermordeten Jüdinnen und Juden eingeweiht. Später
kamen weitere Erinnerungszeichen für unterschiedliche Opfergruppen
hinzu.
Diese Entwicklung ist nicht frei von Kontroversen. In Babyn Jar
überlagern sich Massengräber, verschiedene Opfergeschichten, sowjetische
Erinnerungspolitik, neue ukrainische Identität und internationale
Gedenkprojekte. Gerade deshalb muss die zentrale historische Tatsache
klar bleiben: Das Massaker von 1941 war ein von NS-Deutschland
organisierter und durchgeführter Massenmord an der jüdischen Bevölkerung
Kyivs.
2022
trafen russische Raketen erneut den Ort Babyn Jar
Am 1. März 2022, wenige Tage nach Beginn der russischen Vollinvasion,
griff Russland den Fernsehturm von Kyiv an. Der Turm steht unmittelbar
neben dem historischen Gelände von Babyn Jar.
Bei dem Angriff starben fünf Menschen. Teile des weiteren Gedenk- und
Friedhofsgeländes wurden beschädigt. Die zentralen Denkmäler und die
neue Synagoge blieben nach späteren Überprüfungen weitgehend unversehrt.
Deshalb wäre es ungenau zu behaupten, Russland habe die gesamte
Gedenkstätte zerstört. Ebenso falsch wäre es jedoch, den Angriff als
folgenlos für Babyn Jar darzustellen: Raketen schlugen auf dem
historischen Gelände beziehungsweise in seiner unmittelbaren Umgebung
ein, Menschen starben, und ein Ort der Massengräber wurde erneut zum
Schauplatz militärischer Gewalt.
Die historische Ironie war kaum zu übersehen.
Wladimir Putin hatte seinen Angriffskrieg mit der angeblichen
„Entnazifizierung“ der Ukraine begründet. Das United States Holocaust
Memorial Museum verurteilte diese Instrumentalisierung des Holocaust
ausdrücklich als Missbrauch der Geschichte. Auch die International
Holocaust Remembrance Alliance sprach von grober
Holocaust-Verzerrung.
Die russische Erzählung stellt die Ukraine pauschal als „nazistisch“
dar, obwohl das Land demokratisch gewählt wird, eine vielfältige
jüdische Gemeinschaft besitzt und mit Wolodymyr Selenskyj einen
jüdischen Präsidenten hat, dessen Familie selbst vom Holocaust betroffen
war. Rechtsextremismus und Antisemitismus existieren auch in der Ukraine
und müssen dort wie überall bekämpft werden. Daraus lässt sich jedoch
weder eine nationalsozialistische Herrschaft konstruieren noch ein
Angriffskrieg rechtfertigen.
Wer den Holocaust zum Vorwand für die Zerstörung ukrainischer Städte
macht, schützt die Erinnerung an Babyn Jar nicht. Er missbraucht
sie.
Deutschlands
Verantwortung gilt nicht nur gegenüber Russland
In der deutschen Erinnerung wurde der Vernichtungskrieg im Osten
lange stark durch das Verhältnis zur Sowjetunion und später zu Russland
betrachtet. Dadurch gerieten die konkreten Tatorte und
Opfergesellschaften in der Ukraine, Belarus, den baltischen Staaten und
anderen ehemals sowjetischen Republiken häufig aus dem Blick.
Das ist historisch problematisch.
Die Ukraine war einer der zentralen Schauplätze des deutschen
Vernichtungskrieges und des Holocaust. Mehr als eine Million jüdische
Menschen aus der Ukraine wurden ermordet. Millionen weitere Einwohner
starben als Soldaten, Zivilisten, Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter oder
Opfer deutscher Hunger-, Besatzungs- und Vernichtungspolitik. Zugleich
kämpften Millionen Ukrainerinnen und Ukrainer in der Roten Armee gegen
NS-Deutschland.
Deutsche Verantwortung gegenüber den Opfern in der Ukraine ist daher
keine Ableitung aus einem allgemeinen Verhältnis zu Russland. Sie
besteht unmittelbar.
Zum 85. Jahrestag hat die Bundestagsfraktion von Bündnis 90/Die
Grünen einen Antrag eingebracht, der diese Verantwortung stärker in der
deutschen Bildungs- und Erinnerungspolitik verankern und mit heutiger
Unterstützung für die souveräne Ukraine verbinden will. Der Antrag ist
eine parlamentarische Initiative, noch kein Beschluss des gesamten
Bundestages. Seine Grundfrage ist dennoch berechtigt: Welche politischen
Konsequenzen folgen aus dem Gedenken, wenn die Ukraine erneut einem
imperialen Vernichtungskrieg ausgesetzt ist?
Geschichte liefert keine automatische Handlungsanweisung für jede
Gegenwartsfrage. Der russische Angriffskrieg ist nicht mit dem Holocaust
gleichzusetzen. Solche Gleichsetzungen würden die Singularität der Shoah
verwischen und die Gegenwart eher verdunkeln als erklären.
Aber Erinnerung bleibt leer, wenn sie keine Haltung gegenüber
Antisemitismus, Rassismus, Angriffskrieg, Besatzung und der Leugnung
staatlicher Gewalt begründet.
Erinnern
heißt, Täter und Opfer genau zu benennen
Babyn Jar mahnt zu sprachlicher Genauigkeit.
Die Opfer des 29. und 30. September 1941 wurden nicht von einem
abstrakten „Krieg“ getötet. Sie wurden ermordet, weil deutsche Besatzer
sie als Jüdinnen und Juden verfolgten.
Die Täter waren nicht nur „Nazis“ ohne Nationalität und Institution.
Es waren deutsche SS-Männer, Polizisten, Soldaten, Verwaltungsbeamte und
ihre Helfer. Deutsche Dienststellen planten das Massaker, deutsche
Einheiten führten es aus, deutsche Behörden registrierten die Zahl der
Toten und verwerteten den geraubten Besitz.
Gleichzeitig darf die Erinnerung an die jüdischen Hauptopfer nicht
dadurch erneut unsichtbar werden, dass alle in Babyn Jar Ermordeten
unterschiedslos in einer allgemeinen Opfergruppe aufgehen. Die weiteren
Opfer – Roma, Kriegsgefangene, psychisch kranke Menschen,
Widerstandskämpfer und andere Verfolgte – verdienen ebenfalls eine
genaue, eigene Erinnerung.
Historische Präzision ist kein Streit um Worte. Sie schützt die
Ermordeten vor einer zweiten Auslöschung: dem Verlust ihrer Namen, ihrer
Identität und des Grundes, aus dem sie verfolgt wurden.
85 Jahre später
Am 29. September 2026 liegen 85 Jahre zwischen uns und dem ersten Tag
des Massakers.
Es gibt kaum noch Menschen, die aus eigener Erinnerung berichten
können. Umso größer wird die Verantwortung von Archiven, Familien,
Schulen, Gedenkstätten, Medien und Politik. Dokumente müssen erhalten,
Namen rekonstruiert und Aussagen der Überlebenden weitergegeben
werden.
Babyn Jar zeigt, wohin antisemitische Ideologie führt, wenn sie
Staatsmacht, Militär, Polizei und Verwaltung beherrscht. Es zeigt aber
auch, wie bequem Gesellschaften sich nach einem Verbrechen hinter
ungenauen Begriffen verstecken können: erst hinter dem Wort
„Umsiedlung“, später hinter dem Mythos der sauberen Wehrmacht, dann
hinter der anonymen Formel von den „Sowjetbürgern“ und heute hinter
propagandistischen Behauptungen über eine angebliche
„Entnazifizierung“.
Gegen diese Verschleierung hilft nur Genauigkeit.
33.771 jüdische Männer, Frauen und Kinder wurden am 29. und 30.
September 1941 ermordet. Unter ihnen war Mania Halef. Eine der wenigen
Überlebenden hieß Dina Pronitschewa. Verantwortlich war NS-Deutschland.
Beteiligt waren SS, Polizei, Wehrmacht und örtliche Helfer.
Die Schlucht liegt in Kyiv, der Hauptstadt der Ukraine.
Und die deutsche Verantwortung, sich daran zu erinnern, hat kein
Ablaufdatum.
Quellen und weiterführende
Dokumente
- United
States Holocaust Memorial Museum: Massenerschießungen in Babyn
Jar - Bundeszentrale
für politische Bildung: Babyn Jar – Massenmord am Stadtrand - Bundeszentrale
für politische Bildung: Vor 80 Jahren – Massaker von Babyn Jar - Yad
Vashem: Jews from Kyiv and the surrounding areas murdered at Babyn
Yar - Yad
Vashem: Primärquellen zum Massaker von Babyn Jar - International
Holocaust Remembrance Alliance: Killing Sites – Research and
Remembrance - Nationales historisches Memorial
Babyn Jar - Deutscher
Bundestag: Antrag „85 Jahre Massaker von Babyn Jar – Deutschlands
historische Verantwortung für die Ukraine“, Drucksache 21/8152 - Deutscher
Bundestag: Zusammenfassung des Antrags vom 24. September 2026 - Bundespräsident
Frank-Walter Steinmeier: Rede zum 80. Jahrestag der Massenmorde von
Babyn Jar - United
States Holocaust Memorial Museum: Erklärung zum russischen Angriff in
Babyn Jar - International
Holocaust Remembrance Alliance: Erklärung zur Ukraine und Babyn
Jar - Reuters:
Fünf Tote beim russischen Angriff auf den Fernsehturm nahe Babyn
Jar - The
Forward: Zentrale Denkmäler blieben beim Angriff von 2022 weitgehend
unbeschädigt
Quellen
- United States Holocaust Memorial Museum – Massenerschießungen in Babyn Jar
- Bundeszentrale für politische Bildung – Babyn Jar: Massenmord am Stadtrand
- Bundeszentrale für politische Bildung – Vor 80 Jahren: Massaker von Babyn Jar
- Yad Vashem – Jews from Kyiv and the surrounding areas murdered at Babyn Yar
- Yad Vashem – Primärquellen zum Massaker von Babyn Jar
- International Holocaust Remembrance Alliance – Killing Sites: Research and Remembrance
- Nationales historisches Memorial Babyn Jar
- Deutscher Bundestag – Antrag 85 Jahre Massaker von Babyn Jar, Drucksache 21/8152
- Deutscher Bundestag – Zusammenfassung des Antrags vom 24. September 2026
- Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier – Rede zum 80. Jahrestag der Massenmorde von Babyn Jar
- United States Holocaust Memorial Museum – Erklärung zum russischen Angriff in Babyn Jar
- International Holocaust Remembrance Alliance – Erklärung zur Ukraine und Babyn Jar
- Reuters – Fünf Tote beim russischen Angriff auf den Fernsehturm nahe Babyn Jar
- The Forward – Zentrale Denkmäler blieben beim Angriff von 2022 weitgehend unbeschädigt
Redaktioneller Hinweis: Recherche- und Erinnerungsstand: 29.09.2026, dem 85. Jahrestag des Beginns der zweitägigen Mordaktion. Die Zahl 33.771 stammt aus einem deutschen Einsatzgruppenbericht und bezeichnet die am 29. und 30. September 1941 registrierten jüdischen Opfer; insgesamt wurden während der deutschen Besatzung in Babyn Jar nach sowjetischen Ermittlungen etwa 100.000 Menschen unterschiedlicher Opfergruppen ermordet. Der im Artikel erwähnte Antrag 21/8152 wurde von der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen eingebracht und war zu diesem Zeitpunkt kein Beschluss des gesamten Bundestages. Beim russischen Angriff auf den Fernsehturm von Kyiv am 01.03.2022 starben fünf Menschen; Teile des historischen Geländes wurden getroffen beziehungsweise beschädigt, während zentrale Denkmäler und die neue Synagoge weitgehend unversehrt blieben.
