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Sieben Orte der Folter: Was die russischen Besatzer in Izium hinterließen

Sieben Haftorte, Elektroschocks, Waterboarding und Scheinhinrichtungen: Wie russische Besatzer in Izium ein System aus Folter und Einschüchterung errichteten.

Ukrainische Ermittler und Forensiker arbeiten zwischen geöffneten Gräbern und Holzkreuzen auf dem Gräberfeld im Wald bei Izium.

In einer ehemaligen Poliklinik hingen Gefangene gefesselt an
einer Metallstange. In der Polizeiwache wurden Gasmasken benutzt, damit
die Schreie aus dem Keller nicht nach draußen drangen. Auf einem
Schulhof mussten Zivilisten stundenlang auf Steinen stehen, während
russische Soldaten ihnen einredeten, unter ihren Füßen lägen entsicherte
Granaten. Nach der Befreiung von Izium fanden Ermittler sieben
mutmaßliche Haft- und Folterorte – und im Wald ein Gräberfeld mit 447
Toten. Die Belege zeigen kein spontanes Fehlverhalten einzelner
Soldaten, sondern ein System, mit dem die russische Besatzungsmacht
Informationen erpressen, Eigentum rauben und eine ganze Stadt
einschüchtern wollte.

Im Wald standen Hunderte
Holzkreuze

Als ukrainische Truppen Izium im September 2022 zurückeroberten,
führte eine der ersten Spuren in einen Kiefernwald am Rand der
Stadt.

Zwischen den Bäumen standen Hunderte schlichte Holzkreuze. Manche
trugen Namen. Viele waren nur mit Nummern beschriftet. Unter der
sandigen Erde lagen Menschen, die während der Kämpfe um Izium und der
anschließenden russischen Besatzung gestorben waren.

Ukrainische Ermittler exhumierten nach Angaben des Innenministeriums
447 Leichen: 215 Frauen, 194 Männer, fünf Kinder und 22
Angehörige der ukrainischen Streitkräfte. Bei elf weiteren Toten ließ
sich das Geschlecht zunächst nicht mehr bestimmen. Die Behörden
berichteten bei zahlreichen Körpern von Spuren möglicher Folter oder
anderer gewaltsamer Einwirkung.

Diese Zahlen gingen um die Welt. Doch gerade bei einem möglichen
Kriegsverbrechen verlangt die Wahrheit mehr als ein schockierendes
Bild.

Das Gräberfeld war kein einzelnes Massengrab, in dem nachweislich 447
hingerichtete Menschen lagen. Ein großer Teil der Toten war von
Einwohnern oder dem örtlichen Bestattungsdienst während der Besatzung
begraben worden. Unter ihnen befanden sich Menschen, die bei Beschuss
oder unter den Trümmern zerstörter Gebäude gestorben waren, ebenso wie
mutmaßlich Gefolterte und Getötete. Die genaue Todesursache musste für
jeden einzelnen Körper forensisch untersucht werden.

Die Behauptung, Russland habe alle 447 Menschen an diesem Ort
hingerichtet, wäre deshalb nicht belegt.

Das macht die dokumentierten Verbrechen nicht kleiner. Im Gegenteil:
Abseits der vereinfachten Schlagzeile zeigt sich ein präziseres und
bedrückenderes Bild. Die Gräber waren nur der sichtbarste Teil dessen,
was nach sechs Monaten russischer Herrschaft in Izium ans Licht kam.

Eine Stadt wird zur
Besatzungszone

Izium liegt in der Oblast Kharkiv am Fluss Siverskyi Donets. Vor dem
russischen Großangriff lebten dort rund 45.000 bis 50.000 Menschen.
Straßen, Bahnlinien und Flussübergänge machten die Stadt militärisch
wichtig: Wer Izium kontrollierte, konnte Operationen in Richtung
Sloviansk und Kramatorsk unterstützen.

Schon im März 2022 wurde die Stadt massiv beschossen. Wohnhäuser,
Geschäfte, medizinische Einrichtungen und Versorgungsnetze wurden
zerstört oder beschädigt. Amnesty International beschrieb bereits
während der Kämpfe eine humanitäre Katastrophe. Viele Menschen lebten in
Kellern, zeitweise ohne Strom, Gas, Heizung oder verlässliche
Wasserversorgung. Evakuierungen waren wegen des anhaltenden Beschusses
nur eingeschränkt möglich.

Anfang April geriet Izium vollständig unter russische Kontrolle. Die
Besatzung dauerte bis zur ukrainischen Gegenoffensive Anfang
September.

Mit der militärischen Kontrolle entstand ein zweites System:
Einwohner wurden überprüft, festgenommen, verhört und misshandelt.
Gesucht wurden Polizisten, Veteranen des seit 2014 geführten Krieges im
Donbas, Angehörige der Territorialverteidigung, Personen mit Kontakten
zu ukrainischen Behörden – und Menschen, die lediglich als proukrainisch
galten.

Die Besatzer brauchten dafür kein offizielles Gefängnis. Sie
verwandelten vorhandene Gebäude in Haftorte.

Zwei
Schulen, eine Polizeiwache, eine ehemalige Klinik

Human Rights Watch recherchierte unmittelbar nach der Befreiung drei
Wochen lang in Izium. Die Organisation sprach mit mehr als 100
Einwohnerinnen und Einwohnern. Fast alle erklärten, sie hätten einen
Angehörigen oder Bekannten, der gefoltert worden sei. 15 Menschen – 14
Männer und eine Frau – schilderten, selbst misshandelt worden zu
sein.

Aus voneinander getrennt geführten Gesprächen ergab sich eine Karte
von mindestens sieben mutmaßlichen Haft- und Folterorten:

  • die zentrale Polizeiwache von Izium,
  • das Gelände einer stillgelegten Eisenbahn-Poliklinik,
  • die Schulen Nummer 6 und Nummer 12,
  • eine Wasser- und Abwasserstation,
  • eine private Fabrik,
  • ein privates Wohnhaus.

Die Betroffenen waren häufig mit verbundenen Augen transportiert
worden. Dennoch stimmten ihre Beschreibungen von Wegen, Räumen,
Geräuschen und baulichen Einzelheiten überein. Die Rechercheure konnten
vier der Gebäude betreten und ihre Nutzung als Haftorte bestätigen.

Auch die unabhängige UN-Untersuchungskommission für die Ukraine
besuchte die ehemalige Eisenbahn-Poliklinik. Sie dokumentierte dort
unmenschliche Haftbedingungen, Misshandlungen und Folter. Die Aussagen
von fünf früheren Gefangenen, die dort bis zu 14 Tage festgehalten
worden waren, passten zu dem vorgefundenen Gebäude.

Das ist entscheidend. Es handelt sich nicht allein um nachträgliche
Anschuldigungen einer Kriegspartei. Mehrere unabhängige Untersuchungen
verbanden Zeugenaussagen mit konkreten Orten und sichtbaren Spuren.

Ihor wurde fünfmal abgeholt

Einer der von Human Rights Watch befragten Männer wird zum Schutz
seiner Identität Ihor genannt. Er arbeitete als
Elektriker.

Russische Soldaten nahmen ihn während der Besatzung nicht nur einmal
fest. Sie holten ihn insgesamt fünfmal.

Bei einer Festnahme am 24. Juni brachten sie ihn in eine Garage auf
dem Gelände der ehemaligen Poliklinik. Dort verbanden sie ihm die Augen,
zogen ihm die Hose herunter und schlugen ihn. Sie verlangten Namen:
Angehörige der Territorialverteidigung, Polizisten, Veteranen
ukrainischer Einheiten.

Dann zwangen sie Ihor in eine Position, die Gefangene als
„Papagei“ bezeichneten. Seine Hände wurden unter den
angewinkelten Knien zusammengebunden. Eine Metallstange führte unter den
Armen und über den Brustkorb. Anschließend hoben die Täter die Stange
an, sodass der gefesselte Mann daran hing.

Die Position verlagert das Körpergewicht auf Arme, Schultern und
gebundene Gliedmaßen. Sie verursacht extreme Schmerzen und kann Nerven,
Gelenke und Kreislauf schwer schädigen.

Ihor berichtete, dass ihm irgendwann gleichgültig geworden sei,
welche Namen er nennen sollte. Er hätte nach eigener Aussage jede
vorgelegte Liste unterschrieben. Eine Liste bekam er nicht. Am nächsten
Tag begann das Verhör erneut.

Hinzu kamen Elektroschocks. Drähte wurden an seinen Knöcheln
befestigt. Andere Überlebende berichteten von Strom an Ohren, Händen,
Zehen, Fingerspitzen und Genitalien.

Folter hatte hier nicht die Funktion einer zuverlässigen Ermittlung.
Unter extremen Schmerzen sagen Menschen, was ihre Peiniger hören wollen.
Die Gewalt diente der Unterwerfung, der Einschüchterung und der
Produktion von Namen, mit denen weitere Menschen festgenommen werden
konnten.

In
der Polizeiwache sollten Gasmasken die Schreie dämpfen

Die zentrale Polizeiwache von Izium war während der Besatzung ein
wichtiger russischer Stützpunkt.

Fünf frühere Gefangene beschrieben, dass sie dort in Zellen im
Erdgeschoss oder Keller festgehalten wurden. Fast täglich seien sie zum
Verhör in einen anderen Kellerbereich gebracht und misshandelt
worden.

Zwei Männer berichteten, die Täter hätten ihnen Gasmasken
übergezogen, wenn ihre Schreie zu laut wurden. Bei der späteren
Besichtigung fanden die Rechercheure in einem früheren Schießstand im
Keller fünf Gasmasken.

Der 31-jährige Bauarbeiter Taras wurde nach eigenen
Angaben im August an einem Kontrollpunkt angehalten. Bei der
Durchsuchung seines Hauses fanden Soldaten Patronenhülsen, die er
gesammelt hatte. In der Polizeiwache schlugen ihn zwei Männer wiederholt
mit einer Metallstange und einem Kunststoffrohr. Sie verlangten die
Namen von Mitgliedern der Territorialverteidigung und hielten ihm eine
Waffe an den Kopf.

Taras blieb zwei Wochen in Haft.

Ein anderer Gefangener, in der Recherche Yura
genannt, erzählte von einem ukrainischen Veteranen in einer benachbarten
Zelle. Dieser habe eines Tages um eine letzte Zigarette gebeten, weil
Soldaten ihn angeblich töten wollten. Kurz darauf hörte Yura eine Tür
und einen Schuss. Die Stimme des Mannes hörte er danach nicht mehr.

Was genau mit dem Gefangenen geschah, konnte Human Rights Watch
damals nicht abschließend feststellen. Seine Geschichte ist deshalb kein
forensisch bewiesener Hinrichtungsfall. Sie zeigt aber, warum Haft,
Verschwindenlassen und mögliche Tötungen gemeinsam untersucht werden
müssen.

Der Schulhof und die
angeblichen Granaten

Auch Schulen verloren unter der Besatzung ihre zivile Funktion.

In der Schule Nummer 12 hielten russische Kräfte nach Aussagen von
Anwohnern und ehemaligen Gefangenen Menschen fest. Der 55-jährige
Verwaltungsangestellte Andrii berichtete, Soldaten
hätten ihn am 7. April aus seinem Haus geholt und auf das Schulgelände
gebracht.

Mit verbundenen Augen mussten er und andere Gefangene auf runden
Gegenständen stehen. Die Bewacher behaupteten, es handele sich um
Granaten, deren Sicherungsstifte sie gerade herausgezogen hätten. Vier
Stunden lang durften sich die Gefangenen nicht bewegen.

Erst bei seiner Freilassung erkannte Andrii, dass unter seinen Füßen
lediglich Steine gelegen hatten.

Es war eine Scheinhinrichtung ohne Schuss: Die Menschen sollten über
Stunden glauben, jede Bewegung könne sie zerreißen. Psychische Folter
funktioniert gerade dadurch, dass die Täter die Angst vor dem
unmittelbar bevorstehenden Tod kontrollieren.

„Spinne“,
Waterboarding und Drohungen gegen Familien

Die Methoden wiederholten sich an unterschiedlichen Orten.

Der Agronom Oleksandr beschrieb eine Fesselposition,
die seine Peiniger „Spinne“ nannten. Er musste auf dem
Bauch liegen; Hände und Füße wurden hinter seinem Rücken
zusammengebunden. Anschließend legten die Täter elektrische Kontakte in
seine Hände und versetzten ihm Stromstöße.

Während der Verhöre sollte Oleksandr ein Dokument unterschreiben, das
sein Haus der russischen Armee übertrug. Seiner Frau erklärten Soldaten
währenddessen, sie hätten ihn getötet und würden ihr zum Beweis seine
Ohren oder seinen Leichnam bringen. Nach fünf Tagen kam er frei.

Zwei weitere Männer berichteten von Waterboarding beziehungsweise dem
gewaltsamen Einflößen großer Mengen Wasser. Einem 25-jährigen
Bauarbeiter wurde ein Tuch über das Gesicht gelegt, bevor die Täter über
längere Zeit Wasser darüber gossen. Andrii schilderte bei einer zweiten
Festnahme, man habe ihm die Nase zugehalten und Wasser in den Mund
gegossen, bis er sich übergeben musste. Danach seien Elektroschocks und
eine vorgetäuschte Hinrichtung im Wald gefolgt.

Mehrere Gefangene berichteten außerdem von sexualisierter Gewalt oder
entsprechenden Drohungen. Eine Frau sagte, ein Soldat habe ihr
angekündigt, ein anderer werde kommen, um sie zu vergewaltigen. In einem
kleinen Raum der Poliklinik fanden Rechercheure in eine Wand geritzte
Hilferufe und Hinweise auf Stromfolter, Entkleidung und Vergewaltigung.
Eine dort zuvor festgehaltene Frau berichtete in einer weiteren
Medienrecherche von wiederholter sexualisierter Gewalt.

Solche Taten sind keine nebensächlichen Begleiterscheinungen einer
Besatzung. Sexualisierte Gewalt kann als Folter eingesetzt werden: um
Informationen zu erzwingen, Menschen zu erniedrigen, ihre Persönlichkeit
zu brechen und über sie hinaus ganze Familien oder Gemeinschaften
einzuschüchtern.

Wer ins Visier geriet

Viele Festnahmen folgten einem erkennbaren Muster.

Die Besatzer suchten Menschen, die für ukrainische
Sicherheitsbehörden gearbeitet hatten, 2014 im Donbas eingesetzt gewesen
waren oder Angehörige bei Polizei und Militär hatten. Sie kontrollierten
Telefone, Tätowierungen und persönliche Kontakte. Gefangene sollten
Namen und Adressen nennen.

Doch der Kreis blieb nicht auf Personen mit tatsächlichem
militärischem Bezug beschränkt.

Ein Tattoo, gesammelte Patronenhülsen, der Besitz eines Generators
oder eine proukrainische Haltung konnten genügen. Manche Menschen wurden
auf der Straße oder auf einem Markt mitgenommen. Einige sollten Eigentum
abtreten. Allen von Human Rights Watch interviewten ehemaligen
Gefangenen waren nach ihrer Darstellung Geld, Schmuck, Elektronik oder
Fahrzeuge abgenommen worden.

Das erklärt die politische Funktion des Systems: Haft und Folter
sollten nicht nur Informationen beschaffen. Sie sollten die Bevölkerung
beherrschbar machen.

Wer jederzeit verschwinden kann, weil ein Soldat ein Telefon
kontrolliert oder ein Nachbar einen Namen nennt, beginnt sich selbst zu
zensieren. Wer hört, dass Gefangene aus Schulen, Garagen und Kellern mit
gebrochenen Rippen zurückkehren, muss nicht persönlich festgenommen
werden, um die Botschaft zu verstehen.

Drei Männer
gingen zum Sammeln von Kiefernzapfen

Das Schicksal von Ivan Shebelnik, Oleksii
Taran
und Yurii Kavun zeigt, wohin dieses
System führen konnte.

Shebelnik, 52, und sein 76-jähriger Schwiegervater Taran verließen am
23. März ihr Haus im nahe gelegenen Kapytolivka. Sie wollten
Kiefernzapfen als Brennmaterial sammeln. Beide kehrten nicht zurück.

Angehörige suchten bei russischen Kräften, der von den Besatzern
eingerichteten Polizei und auch an der Schule Nummer 2 nach ihnen.
Später wurde bekannt, dass die beiden Männer zusammen mit Kavun
festgehalten worden waren. Ein vierter Gefangener überlebte und
berichtete von Folter in einem Keller.

Im August wurden drei Leichen in einem Wald gefunden. Angehörige
identifizierten Shebelnik und Taran anhand ihrer Kleidung. Medizinische
Unterlagen, die Human Rights Watch einsehen konnte, nannten schwere
Verletzungen: gebrochene Rippen und massive Verletzungen des Brustkorbs
bei einem Mann, stumpfe Gewalt gegen den Kopf bei einem weiteren und
eine Kopfverletzung beim dritten.

Human Rights Watch bewertete den Fall als rechtswidrige Festnahme,
Folter und mutmaßliche Tötung durch russlandverbundene Kräfte. Eine
endgültige strafrechtliche Zuordnung zu bestimmten Tätern und
Befehlshabern erfordert dennoch Ermittlungen, die auch Einheit, Tatort,
Befehlsketten und individuelle Tatbeiträge beweissicher feststellen.

Was das Gräberfeld
beweist – und was nicht

Das Gräberfeld im Wald ist zum Symbol für Izium geworden. Es darf
jedoch nicht als Abkürzung benutzt werden.

Die 447 Exhumierten sind nicht identisch mit 447
nachgewiesenen Folter- oder Hinrichtungsopfern
. Menschen
starben bei russischen Luft- und Artillerieangriffen, während der Kämpfe
um die Stadt, unter Gebäudetrümmern, durch andere Gewalteinwirkung und
unter Umständen, die zunächst ungeklärt waren. Auch ukrainische Angriffe
mit Streumunition auf russisch kontrollierte Gebiete um Izium
verursachten nach Recherchen von Human Rights Watch zivile Tote und
Verletzte.

Diese Feststellung ist kein Relativieren russischer Verbrechen. Sie
ist die Voraussetzung dafür, jedes einzelne Verbrechen korrekt
zuzuordnen.

Ein Gräberfeld beweist zunächst, dass Menschen bestattet wurden. Ob
jemand durch einen rechtmäßigen Angriff auf ein militärisches Ziel,
einen unterschiedslosen Angriff, Folter, eine gezielte Tötung oder eine
andere Ursache starb, muss individuell festgestellt werden.
Tatortarbeit, Obduktionen, DNA-Analysen, Zeugenaussagen, Telefon- und
Bewegungsdaten sowie militärische Unterlagen entscheiden darüber, welche
Anklage später vor Gericht Bestand haben kann.

Gerade Russland nutzte in anderen Fällen Zweifel und einzelne
Ungenauigkeiten, um sämtliche Beweise pauschal als Inszenierung abzutun.
Präzise Sprache nimmt dieser Strategie den Raum.

Für das russische Foltersystem in Izium ist die Beweislage unabhängig
von der Gesamtzahl der Gräber stark: Zahlreiche voneinander getrennt
befragte Überlebende beschrieben ähnliche Methoden; ihre Aussagen
führten zu konkreten Gebäuden; Ermittler fanden Zellen, Garagen,
Gasmasken, Inschriften und weitere Spuren; UN- und
Menschenrechtsorganisationen kamen in zentralen Punkten zu
übereinstimmenden Ergebnissen.

Die juristische Einordnung

Folter ist unter keinen Umständen erlaubt.

Die Vierte Genfer Konvention schützt Zivilpersonen, die sich in der
Gewalt einer Besatzungsmacht befinden. Ihr Artikel 31 verbietet Zwang,
insbesondere um Informationen zu erlangen. Artikel 32 untersagt Mord,
Folter, Körperstrafen, Verstümmelung und andere brutale Maßnahmen. Diese
Regeln gelten nicht nur in regulären Gefängnissen. Eine Garage, ein
Keller oder ein Schulraum wird nicht zu einem rechtsfreien Ort, weil
Soldaten ihn improvisiert als Haftstätte nutzen.

Im Römischen Statut des Internationalen Strafgerichtshofs zählen
Folter und unmenschliche Behandlung geschützter Personen zu den
Kriegsverbrechen. Auch rechtswidrige Gefangenschaft, vorsätzliche
Tötung, Vergewaltigung, sexuelle Gewalt und die Plünderung privaten
Eigentums können – abhängig von den konkret nachgewiesenen Umständen –
Kriegsverbrechen darstellen.

Der Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt ist in Izium
offenkundig: Russische und ihnen unterstellte Kräfte kontrollierten die
Stadt militärisch; sie nahmen Einwohner wegen ihrer tatsächlichen oder
vermuteten Verbindung zum ukrainischen Staat oder wegen ihrer Haltung
zur Besatzung fest; die Gewalt wurde in von Besatzungskräften genutzten
Einrichtungen ausgeübt.

Darüber hinaus kann Folter ein Verbrechen gegen die
Menschlichkeit
sein, wenn sie Teil eines ausgedehnten oder
systematischen Angriffs gegen eine Zivilbevölkerung ist und die Täter
den Zusammenhang kennen. Die unabhängige UN-Kommission kam für die von
ihr untersuchten ukrainischen Gebiete zu dem Ergebnis, dass russische
Behörden Folter verbreitet und systematisch eingesetzt haben. Sie
erklärte, das Muster könne bei weiterem Nachweis einer entsprechenden
Politik die Schwelle zu Verbrechen gegen die Menschlichkeit
erreichen.

Das ist juristisch mehr als eine besonders schwere Formulierung.
Kriegsverbrechen setzen einen Zusammenhang mit dem bewaffneten Konflikt
voraus. Verbrechen gegen die Menschlichkeit erfassen einen
übergreifenden Angriff auf Zivilisten. Ein und dieselbe Tat kann beide
Tatbestände erfüllen.

Verantwortung
endet nicht beim Mann mit dem Kabel

Für eine strafrechtliche Verurteilung muss individuelle Verantwortung
bewiesen werden.

Der Soldat, der Strom anlegt, kann unmittelbar verantwortlich sein.
Ebenso derjenige, der schlägt, vergewaltigt, eine Scheinhinrichtung
organisiert oder einen Gefangenen tötet. Doch damit endet die
Untersuchung nicht.

Wer richtete die Haftorte ein? Welche Einheiten nutzten die
Polizeiwache, die Poliklinik und die Schulen? Wer führte
Gefangenenlisten? Wer ordnete Verhöre an? Wer erhielt die erpressten
Informationen? Welche Vorgesetzten wussten von den Methoden – oder
hätten angesichts der Dauer, Zahl der Orte und wiederkehrenden
Vorgehensweise davon wissen müssen?

Das Völkerstrafrecht kennt deshalb nicht nur die Verantwortung des
unmittelbaren Täters. Auch Befehlsgeber und militärische Vorgesetzte
können verantwortlich sein, wenn sie Verbrechen anordnen, unterstützen
oder trotz Kenntnis beziehungsweise gebotener Kenntnis nicht verhindern
und nicht verfolgen.

Öffentlich zugängliche Untersuchungen benennen bislang nicht für jede
Tat in Izium einen gerichtsfest identifizierten Täter. Auch existiert
kein öffentlich bekanntes Urteil eines internationalen Gerichts, das
sämtliche Geschehnisse der Besatzungszeit abschließend bewertet hätte.
Diese Grenze muss journalistisch sichtbar bleiben.

Sie bedeutet jedoch nicht, dass „nichts bewiesen“ sei. Tatgeschehen
und individuelle Täterschaft sind unterschiedliche Beweisfragen. Dass in
Izium Menschen durch russische und russlandverbundene Kräfte
rechtswidrig festgehalten und systematisch misshandelt wurden, ist durch
eine dichte Übereinstimmung von Zeugenaussagen, Ortsbesichtigungen und
unabhängigen Untersuchungen dokumentiert. Wer genau für welche Tat
strafrechtlich haftet, ist die Aufgabe weiterer Ermittlungen und
Gerichte.

Izium war kein
isolierter Ausbruch von Gewalt

Die Befunde aus Izium stehen nicht allein.

Die UN-Menschenrechtsmission dokumentierte auch in anderen besetzten
Gebieten ein wiederkehrendes Muster: willkürliche Festnahmen,
erzwungenes Verschwindenlassen, Folter, sexuelle Gewalt, Plünderungen
und Drohungen gegen Angehörige. Anfangs traf es häufig Personen, die als
Sicherheitsrisiko galten. Später konnte praktisch jeder ins Visier
geraten, der die Besatzung ablehnte oder ukrainische Identität sichtbar
machte.

Die geografische Verbreitung und die Ähnlichkeit der Methoden
sprechen gegen die Erzählung von wenigen außer Kontrolle geratenen
Soldaten. Elektroschocks, Schläge, Stresspositionen,
Erstickungsmethoden, Scheinhinrichtungen und sexuelle Erniedrigung
tauchen in Berichten aus verschiedenen Regionen und Haftsystemen immer
wieder auf.

In Izium lässt sich dieses größere Muster auf engem Raum erkennen.
Sieben Orte in einer einzigen Stadt. Garagen, Schulen und eine
Polizeiwache. Gefangene, die unabhängig voneinander dieselben Methoden
beschreiben.

Das Wort „System“ ist deshalb keine rhetorische Zuspitzung. Es
beschreibt eine Infrastruktur und eine wiederholte Praxis.

Was von der Besatzung bleibt

Nach der Befreiung endete die unmittelbare Kontrolle der russischen
Truppen. Die Folgen verschwanden nicht.

Überlebende trugen Knochenbrüche, Entzündungen, Nervenschäden und
andere körperliche Verletzungen davon. Hinzu kommen Angstzustände,
Schlafstörungen, Schuldgefühle und die Erinnerung an Schreie aus
benachbarten Räumen. Zwei Familien berichteten Human Rights Watch, dass
Männer, die gefoltert worden waren, sich wenige Tage nach ihrer
Freilassung das Leben nahmen.

Viele Angehörige warteten auf die Identifizierung exhumierter Toter
oder suchten weiter nach Vermissten. Häuser waren zerstört oder
geplündert. Minen und nicht explodierte Munition gefährdeten Rückkehrer.
Eine Stadt musste gleichzeitig Beweise sichern, Tote bestatten und ein
ziviles Leben wiederaufbauen.

Der Wald mit seinen nummerierten Kreuzen wurde zum sichtbaren
Gedächtnis dieses halben Jahres.

Doch das vielleicht klarste Zeugnis der Besatzung liegt nicht nur
unter der Erde. Es befindet sich in ganz gewöhnlichen Gebäuden: in einer
Schule, die zum Gefängnis wurde; in einer Poliklinik, deren Garagen zu
Zellen wurden; in einer Polizeiwache, in deren Keller Gasmasken
lagen.

Russland erklärte, es sei in die Ukraine gekommen, um Menschen zu
„befreien“.

In Izium bedeutete diese sogenannte Befreiung für viele Einwohner:
verbundenen Augen, Drähte an den Knöcheln und die Angst, im nächsten
Waldstück zu verschwinden.


Quellen und weiterführende
Dokumente

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Recherchestand: 30.09.2026. Der Artikel stützt sich insbesondere auf Ortsbesichtigungen und Interviews von Human Rights Watch, Feststellungen der unabhängigen UN-Untersuchungskommission und der UN-Menschenrechtsmission sowie die Abschlussmeldung des ukrainischen Innenministeriums zur Exhumierung. Die 447 auf dem Gräberfeld geborgenen Toten hatten unterschiedliche beziehungsweise teils noch ungeklärte Todesursachen; die Zahl darf nicht mit 447 nachgewiesenen Hinrichtungen gleichgesetzt werden. Für die individuelle strafrechtliche Verantwortung bestimmter Täter und Befehlshaber sind weitere gerichtsfeste Ermittlungen erforderlich.