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Das Dorf im Keller: Wie Russland in Jahidne 360 Menschen zu Schutzschilden machte

Fast die gesamte Bevölkerung von Jahidne wurde in einen Schulkeller gezwungen, während russische Truppen darüber ihren Stützpunkt betrieben. Zehn Menschen starben an den Bedingungen. Eine Rekonstruktion des Verbrechens und der schwierigen Suche nach Gerechtigkeit.

KI-Symbolbild eines leeren, engen Schulkellers mit grüner Metalltür, Stühlen und einem Kalender an der Wand

Stand: 23. September 2026

An der Wand neben einer grünen Kellertür stehen Namen und Daten. Rechts notierten die Gefangenen die Menschen, die in der stickigen Enge starben. Links hielten sie fest, wer von russischen Soldaten getötet wurde oder verschwand. Die Wand von Jahidne ist Kalender, Totenliste und Beweismittel zugleich. Im März 2022 sperrten russische Truppen nahezu ein ganzes ukrainisches Dorf in den Keller einer Schule. Während Kinder, Kranke und alte Menschen unten um Luft rangen, richteten die Soldaten in den Stockwerken darüber ihren Stützpunkt ein. Zehn Menschen überlebten die Bedingungen nicht. Vier Jahre später gibt es Urteile, neue Beschuldigte und ein Verfahren in Straßburg. Doch fast alle mutmaßlich Verantwortlichen sind weiterhin in Russland.

Die Wand, die sich erinnerte

Als Reporter und Ermittler nach dem russischen Abzug in den Schulkeller von Jahidne kamen, fanden sie keinen anonymen Tatort vor. Die Gefangenen hatten selbst ein Archiv angelegt.

Auf den bröckelnden Putz zeichneten sie die Tage des März. Neben der Tür standen Namen und Sterbedaten. Nach der Rekonstruktion von Human Rights Watch waren auf der einen Seite zehn Menschen verzeichnet, die während der Gefangenschaft starben. Auf der anderen Seite standen sieben Menschen, die erschossen worden oder verschwunden waren.

Der erste im Keller dokumentierte Tote war der 92-jährige Dmytro Muzyka. Seine Frau Maria starb wenige Tage nach ihm. Die Leichen durften nicht sofort hinausgebracht werden. Sie lagen zeitweise in einem Nebenraum beziehungsweise im Heizraum, während nur wenige Meter entfernt Hunderte Menschen weiter ausharren mussten.

Die Wand wurde damit zu etwas, das die russischen Soldaten offenbar nicht vorgesehen hatten: zu einer zeitgleichen Aufzeichnung des Geschehens durch die Opfer selbst.

Ein Dorf auf 197 Quadratmetern

Jahidne liegt südlich von Tschernihiw, rund 140 Kilometer nördlich von Kyjiw. Vor dem russischen Großangriff war es ein kleines landwirtschaftlich geprägtes Dorf mit wenigen Straßen, Häusern, Gärten und einer Schule.

Russische Einheiten besetzten den Ort Anfang März 2022 während des gescheiterten Vorstoßes auf Kyjiw und Tschernihiw. Vom 3. bis zum 30. beziehungsweise 31. März kontrollierten sie Jahidne. Bewohner berichteten, Soldaten seien von Haus zu Haus gegangen und hätten Familien mit vorgehaltenen Waffen zur Schule getrieben. Auch Pflegebedürftige und Gehbehinderte mussten mitkommen; Angehörige brachten einige von ihnen in Schubkarren.

Der Keller hatte nach den ukrainischen Gerichtsunterlagen eine Fläche von etwa 197 Quadratmetern. In diesen Räumen wurden je nach Quelle 360, 367, 368 oder 369 Menschen festgehalten. Unter ihnen waren ungefähr 70 Kinder. Das jüngste war erst wenige Wochen alt, der älteste Gefangene über 90.

Umgerechnet blieb für jeden Menschen kaum mehr als ein halber Quadratmeter. Nicht alle konnten gleichzeitig liegen. Viele schliefen im Sitzen, lehnten den Kopf an die Schulter des Nachbarn oder wechselten sich auf Stühlen und notdürftig gebauten Liegeflächen ab.

Es gab keine ausreichende Belüftung, kein reguläres Licht und keine funktionierenden Toiletten. Eimer dienten als Latrinen. Wasser und Lebensmittel waren knapp. Die Bewohner kochten draußen, wenn die Bewacher es erlaubten, oder holten unter Aufsicht Vorräte aus ihren Häusern. Medizinische Hilfe fehlte selbst für schwer erkrankte Menschen.

Human Rights Watch befragte 13 ehemalige Gefangene. Sie beschrieben Husten, Fieber, Erbrechen, geschwollene Beine und offene Druckstellen durch das tagelange Sitzen. Kinder erkrankten; im Keller verbreiteten sich Infektionen. Zehn überwiegend ältere Menschen starben infolge der Enge, der schlechten Luft, fehlender Medikamente und mangelnder Versorgung.

Warum die Zahlen voneinander abweichen

In Berichten über Jahidne finden sich mehrere Zahlen. Das ist kein Hinweis darauf, dass der Kern der Geschichte zweifelhaft wäre. Es zeigt, wie sich die Dokumentation eines Massengewahrsams entwickelt.

Ein früher Bericht des UN-Menschenrechtsbüros nannte 360 Gefangene, darunter 74 Kinder und fünf Menschen mit Behinderungen. Ein späterer thematischer UN-Bericht führte ebenfalls 360 Menschen auf, zählte jedoch 68 Kinder, darunter 20 Säuglinge. Ukrainische Ermittlungen und Gerichtsverfahren sprechen überwiegend von 368 oder 369 Betroffenen und 69 Minderjährigen.

Auch die Dauer wird mit 25, 27 oder 28 Tagen angegeben. Einige Bewohner wurden am 5. März in den Keller gebracht, andere bereits vorher festgesetzt; die russischen Kräfte zogen am 30. oder 31. März vollständig ab. Je nachdem, ob Besetzung, individuelle Gefangenschaft oder angefangene Kalendertage gezählt werden, entsteht eine andere Zahl.

Für eine belastbare Zusammenfassung ist deshalb sinnvoll: Mindestens 360 Menschen waren zwischen 25 und 28 Tagen eingesperrt. Zehn starben an den Bedingungen im Keller. Mindestens sieben weitere Dorfbewohner wurden während der Besatzung getötet oder verschwanden; frühe Recherchen kamen unter Einbeziehung weiterer Tötungen im Ort auf mindestens 20 Tote.

Angeblich zu ihrem Schutz

Nach übereinstimmenden Aussagen von Überlebenden behaupteten russische Soldaten, die Menschen würden zu ihrer eigenen Sicherheit in den Keller gebracht. Diese Erklärung widerspricht jedoch der militärischen Nutzung des Gebäudes.

Die russischen Kräfte richteten in der Schule ihr Hauptquartier ein. Auf dem Gelände standen Militärfahrzeuge, Waffen und Munition; Soldaten nutzten die Räume über den Gefangenen. Damit befanden sich die Zivilisten nicht getrennt von einem militärischen Ziel, sondern unmittelbar darunter.

Das UN-Menschenrechtsbüro formulierte bereits 2022, der Vorfall begründe die Sorge, dass russische Kräfte die Zivilisten eingesetzt hätten, um ihren Stützpunkt vor militärischen Operationen zu schützen. Die spätere UN-Untersuchung zur Inhaftierung von Zivilisten dokumentierte ausdrücklich, dass die Schule als Hauptquartier diente. Ukrainische Gerichte werteten das Vorgehen als Verwendung menschlicher Schutzschilde.

Der militärische Vorteil liegt auf der Hand: Ukrainische Kräfte mussten damit rechnen, bei einem Angriff auf die russische Stellung nahezu die gesamte Dorfbevölkerung zu töten. Gerade weil Russland die Menschen im Keller festhielt, wurde die Schule für die ukrainische Seite zu einem kaum angreifbaren Ziel.

Dass die Bewohner nicht freiwillig dort blieben, ist ebenfalls dokumentiert. Bewaffnete Soldaten brachten sie zur Schule, kontrollierten die Tür, beschränkten Ausgänge und drohten nach Zeugenaussagen mit Gewalt. Eine individuelle Sicherheitsprüfung oder ein rechtliches Verfahren gab es nicht.

Die Nächte im Keller

Die Gefangenschaft war nicht nur eine Summe objektiver Mängel. Sie zerstörte nach und nach jedes Gefühl für Privatheit und Zeit.

In den größten Raum drängten sich etwa 150 Menschen. Drei Eimer mussten nachts als Toiletten genügen. Viele tranken am Abend absichtlich weniger, um sie nicht benutzen zu müssen. Andere hielten Hunde im Arm oder versuchten, Säuglinge in der Dunkelheit zu beruhigen. Aus Tafeln und Möbelteilen wurden kleine Flächen gebaut, auf denen wenigstens Kinder ausgestreckt schlafen konnten.

Olha Meniailo führte ein Tagebuch. Sie schrieb fast ohne Licht und maß die Zeilen mit dem Finger, damit die Worte nicht ineinanderliefen. Solche privaten Aufzeichnungen, die später veröffentlicht wurden, ergänzen die forensischen Befunde: Sie zeigen, wie die Gefangenen Wasser organisierten, wie Krankheiten zunahmen und wie aus Tagen eine endlose Gegenwart wurde.

Wenn jemand starb, blieb der Körper zunächst bei den Lebenden. Erst später erlaubten die Bewacher, Tote in den Heizraum oder zum Friedhof zu bringen. Bei einer Beerdigung gerieten die Dorfbewohner unter Beschuss und mussten nach Zeugenaussagen in die Grube zu den bereits hinabgelassenen Leichen springen.

Am Ende des März bemerkten die Gefangenen, dass die Geräusche über ihnen weniger wurden. Russische Fahrzeuge fuhren ab. Trotzdem wagte zunächst kaum jemand, die Tür zu öffnen. Zu groß war die Angst vor einer Falle oder neuen Soldaten.

Als sie schließlich hinausgingen, fanden sie ein geplündertes und vermintes Dorf. Häuser waren beschädigt, Tiere geschlachtet, persönliche Gegenstände verschwunden. Freiheit bedeutete zunächst nicht Rückkehr zum Alltag, sondern die Erkenntnis, was draußen geschehen war.

Warum dies ein Kriegsverbrechen ist

Der russische Angriff auf die Ukraine ist ein internationaler bewaffneter Konflikt. Damit galten in Jahidne insbesondere die Vierte Genfer Konvention zum Schutz von Zivilpersonen, das Erste Zusatzprotokoll und das humanitäre Völkergewohnheitsrecht.

Eine Besatzungsmacht darf Zivilisten nicht nach Belieben internieren. Die Vierte Genfer Konvention lässt eine Internierung nur aus zwingenden Sicherheitsgründen und als individuelle, überprüfbare Maßnahme zu. Das pauschale Einsperren praktisch eines ganzen Dorfes erfüllt diese Voraussetzung nicht.

Mehrere eigenständige Verstöße kommen zusammen:

  • Rechtswidrige Gefangenschaft: Hunderte Zivilisten wurden ohne individuelles Verfahren festgehalten.
  • Unmenschliche Behandlung: Enge, fehlende Belüftung, unzureichendes Wasser, mangelnde Hygiene und verweigerte medizinische Hilfe verursachten schweres körperliches und seelisches Leid.
  • Verwendung menschlicher Schutzschilde: Artikel 28 der Vierten Genfer Konvention verbietet es, geschützte Personen einzusetzen, um Orte oder militärische Stellungen vor Operationen abzuschirmen. Das Römische Statut nennt diese Handlung ausdrücklich als Kriegsverbrechen.
  • Mögliche vorsätzliche Tötungen und Verschwindenlassen: Erschießungen und verschwundene Dorfbewohner müssen getrennt von den Todesfällen im Keller untersucht und einzelnen Tätern zugerechnet werden.
  • Plünderung: Die Wegnahme privaten Eigentums durch Besatzungskräfte ist ebenfalls verboten und kann ein Kriegsverbrechen darstellen.

Bei den zehn Todesfällen im Keller ist zusätzlich zu prüfen, wer die tödlichen Bedingungen kannte, Hilfe verhindern konnte und den Zustand dennoch fortsetzte. Für eine persönliche Verurteilung wegen vorsätzlicher Tötung reicht die allgemeine Grausamkeit der Lage nicht aus; erforderlich sind Beweise zu Kausalität und Vorsatz eines konkreten Beschuldigten. Für rechtswidrige Gefangenschaft, unmenschliche Behandlung und den Einsatz als Schutzschilde ist die Beweislage hingegen bereits Gegenstand ukrainischer Schuldsprüche.

Die ersten fünfzehn Urteile

Am 12. März 2024 verurteilte das Bezirksgericht Tschernihiw 15 russische Soldaten in Abwesenheit zu jeweils zwölf Jahren Haft. Grundlage war Artikel 438 des ukrainischen Strafgesetzbuchs, der Verstöße gegen die Gesetze und Gebräuche des Krieges erfasst. Ein Berufungsgericht bestätigte die Urteile.

Die Angeklagten waren im Verfahren durch bestellte Verteidiger vertreten. Das ist gerade bei Abwesenheitsprozessen wichtig, weil die Beweislage trotz der Schwere der Vorwürfe angegriffen werden können muss. Die Verteidigung wies unter anderem darauf hin, dass die im Gericht vernommenen Opfer keinen der 15 Angeklagten auf den vorgelegten Fotos sicher erkannt hätten. Das Gericht stützte sich dennoch auf die Gesamtheit der Ermittlungsbeweise.

Diese Einwände dürfen nicht verschwiegen werden. Ein Kriegsverbrechensprozess verliert seine Legitimität, wenn rechtsstaatliche Zweifel als störend behandelt werden. Zugleich bedeutet fehlende unmittelbare Wiedererkennung nicht automatisch, dass andere Beweise – etwa Einheitszugehörigkeit, Kommunikationsdaten, Fotos oder Einsatzunterlagen – wertlos sind.

Das grundlegende Problem bleibt: Die Verurteilten befinden sich nicht in ukrainischem Gewahrsam. Solange Russland sie nicht ausliefert und sie kein Land betreten, das sie festnehmen kann, bleiben die Freiheitsstrafen praktisch unvollstreckt.

„Klen“ und die Befehlskette

Überlebende erinnerten sich besonders an einen Offizier mit dem Rufnamen „Klen“, russisch für Ahorn. Er entschied nach ihren Aussagen, wer den Keller verlassen durfte, reagierte auf Bitten um Luft oder medizinische Hilfe und bedrohte Gefangene.

Journalisten des ukrainischen öffentlich-rechtlichen Rundfunks Suspilne identifizierten „Klen“ anhand russischer Propagandaaufnahmen als Semjon Solowow, einen Offizier des 228. motorisierten Schützenregiments. Die Informationen wurden an Ermittler weitergegeben.

Im Juli 2025 verurteilte ein ukrainisches Gericht Solowow in Abwesenheit zu zwölf Jahren Haft. Nach Angaben des ukrainischen Sicherheitsdienstes hatte er befohlen, die Bewohner in den Keller zu bringen und dort zu halten. Auch dieses Urteil kann erst vollstreckt werden, wenn Solowow festgenommen wird.

Die Ermittlungen reichen inzwischen höher in die Hierarchie. Im April 2026 beschuldigte der ukrainische Sicherheitsdienst den russischen General Denis Barilo in Abwesenheit, als damaliger Kommandeur der beteiligten 55. motorisierten Schützenbrigade Verantwortung für die Behandlung der Zivilisten zu tragen. Das ist bislang ein Ermittlungs- und Anklagevorwurf, kein rechtskräftiger Schuldspruch.

Entscheidend wird sein, ob sich konkrete Befehle und tatsächliche Kontrolle nachweisen lassen: Wer ordnete die Internierung an? Wer kannte die Bedingungen? Wer hätte die Freilassung, Versorgung oder Verlegung anordnen können? Und welche Vorgesetzten unterließen es, bekannte Verbrechen zu verhindern oder zu bestrafen?

Nun befasst sich Straßburg mit Jahidne

Seit Juni 2026 ist der Fall auch beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte sichtbar anhängig. Der Gerichtshof stellte der russischen Regierung in den verbundenen Verfahren Menyaylo and Others v. Russia und Lepekha and Others v. Russia Fragen zu den Beschwerden von 111 ukrainischen Zivilisten.

Die Betroffenen berufen sich unter anderem auf das Recht auf Leben, das Verbot unmenschlicher Behandlung, das Recht auf Freiheit, den Schutz von Privatleben und Wohnung sowie Eigentumsrechte. Die Mitteilung an Russland ist noch kein Urteil und keine Feststellung der Verantwortlichkeit. Sie bedeutet, dass das Gericht die Beschwerden prüft und eine Stellungnahme der russischen Seite verlangt.

Russland ist seit September 2022 nicht mehr Vertragspartei der Europäischen Menschenrechtskonvention. Für mögliche Verstöße, die davor begangen wurden, bleibt es jedoch grundsätzlich verantwortlich. Die Taten in Jahidne ereigneten sich im März 2022 und fallen damit in diesen Zeitraum.

Ein späteres Straßburger Urteil könnte Entschädigungen und eine staatliche Verantwortlichkeit feststellen. Es ersetzt jedoch keine Strafverfahren gegen einzelne Soldaten und Kommandeure. Menschenrechtliche Staatenverantwortung und persönliche strafrechtliche Schuld sind zwei verschiedene Ebenen.

Gerechtigkeit in Abwesenheit

Die Verfahren zeigen zugleich den Fortschritt und die Ohnmacht internationaler Strafverfolgung.

Die Namen mutmaßlich Beteiligter sind nicht mehr verborgen. Zeugenaussagen, Kellerinschriften, Tagebücher, militärische Zuordnungen und russische Eigenaufnahmen bilden eine Beweisspur. Ukrainische Gerichte haben erste Entscheidungen getroffen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte prüft Beschwerden der Betroffenen.

Aber nahezu alle Beschuldigten sind unerreichbar. Russland erkennt die ukrainischen Verfahren nicht an und bestreitet grundsätzlich systematische Kriegsverbrechen. Gegenüber Reuters reagierte der Kreml auf konkrete Fragen zu Jahidne zunächst nicht. Eine öffentlich überprüfbare russische Untersuchung der Gefangenschaft, der Todesfälle und der beteiligten Einheiten ist nicht bekannt.

Urteile in Abwesenheit sind deshalb mehr als Symbolik, aber weniger als vollstreckte Gerechtigkeit. Sie sichern Beweise, benennen Tatvorwürfe und können internationale Fahndungen vorbereiten. Sie bringen die Verurteilten jedoch nicht automatisch ins Gefängnis – und sie entbinden Gerichte nicht von besonders sorgfältiger Beweisprüfung.

Der Keller bleibt

Jahidne wird wiederaufgebaut. Viele Häuser sind erneuert worden, Straßen und Versorgung kehren zurück. Der Schulkeller dagegen soll als Erinnerungsort erhalten bleiben.

Das ist keine zufällige Entscheidung. Oberhalb des Kellers war eine Schule, ein Ort für Kinder, Unterricht und Zukunft. Russische Truppen verwandelten sie in einen militärischen Stützpunkt. Unter ihnen saßen dieselben Kinder mit ihren Familien im Dunkeln und konnten kaum atmen.

Die Zahlen werden weiter leicht voneinander abweichen. 360 oder 369 Gefangene. 25, 27 oder 28 Tage. Zehn Tote im Keller, weitere Erschossene und Verschwundene im Dorf.

Die juristische und historische Aussage verändert sich dadurch nicht.

Russische Soldaten sperrten nahezu ein ganzes Dorf ohne Verfahren ein. Sie hielten Säuglinge, Kranke und alte Menschen unter Bedingungen fest, an denen Menschen starben. Gleichzeitig nutzten sie die Schule als militärischen Stützpunkt und die eingeschlossenen Zivilisten als Schutz vor einem Angriff.

Auf der Kellerwand stehen die Namen der Toten.

Seit 2024 stehen auch Namen von Tätern in Gerichtsurteilen.

Was noch fehlt, ist ihre tatsächliche Rechenschaft.


Quellen und weiterführende Dokumente

Bildnachweis

KI-generiertes Symbolbild / OpenAI. Das Bild zeigt einen generischen, leeren Schulkeller mit grüner Tür und angedeutetem Kalender. Es stellt weder den tatsächlichen Keller von Jahidne noch reale Opfer oder eine konkrete historische Aufnahme dar. Generiert am 23. September 2026.

Redaktioneller Hinweis

Die Kernfeststellungen zur Gefangenschaft, zur militärischen Nutzung der Schule und zu den Todesfällen beruhen auf Untersuchungen der Vereinten Nationen, von Human Rights Watch, Zeugenaussagen sowie ukrainischen Gerichtsverfahren. Zahlen unterscheiden sich je nach Erhebungszeitpunkt und Zählweise; diese Abweichungen werden im Artikel offengelegt. Die Verurteilungen ukrainischer Gerichte ergingen in Abwesenheit. Der Vorwurf gegen General Denis Barilo ist kein rechtskräftiger Schuldspruch. Auch die Mitteilung der Beschwerden durch den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte an Russland stellt noch keine Entscheidung in der Sache dar.

Quellen

Redaktioneller Hinweis: Recherche- und Rechtsstand: 23.09.2026. Zahlen zur Zahl und Dauer der Gefangenschaft unterscheiden sich zwischen frühen UN-Erhebungen und späteren ukrainischen Gerichtsakten; der Artikel legt die Spannbreite offen. Die Verurteilungen ergingen in Abwesenheit. Der Vorwurf gegen General Denis Barilo und die beim EGMR anhängigen Beschwerden sind noch nicht rechtskräftig entschieden.