Stand: 25. September 2026
Zehn Kilometer Luftlinie trennen Oleschky von der ukrainisch kontrollierten Gebietshauptstadt Cherson. Für die Menschen in der russisch besetzten Stadt ist daraus eine kaum überwindbare Distanz geworden. Straßen sind vermint, Drohnen kreisen über den Zufahrten, reguläre Lieferungen sind zusammengebrochen. Wer bleibt, lebt ohne verlässlichen Strom, ohne Gas, mit immer weniger Lebensmitteln und kaum erreichbarer medizinischer Hilfe. Wer gehen will, riskiert sein Leben – oder muss einen Umweg durch Russland und Belarus nehmen. Oleschky zeigt, wie Besatzung, Frontkrieg und die Folgen der Kachowka-Flut eine Stadt in eine humanitäre Falle verwandeln.
Eine Stadt in Reichweite – und doch abgeschnitten
Vor dem russischen Großangriff lebten in Oleschky rund 24.000 Menschen. Die südukrainische Stadt liegt am linken Ufer des Dnipro, Cherson direkt gegenüber. Früher war die Fahrt zwischen beiden Städten eine kurze Alltagsstrecke. Heute verläuft dazwischen eine der gefährlichsten Frontzonen Europas.
Nach ukrainischen Schätzungen befinden sich noch etwa 2.000 Menschen in der Stadt. Für die gesamte Gemeinde und angrenzende Orte nennen ukrainische Stellen mehr als 6.000 Zivilisten, darunter ungefähr 200 Kinder. Exakte Zahlen gibt es nicht: Russland kontrolliert das Gebiet, unabhängige Beobachter haben keinen freien Zugang, Menschen fliehen in kleinen Gruppen und die Kommunikation funktioniert oft nur sporadisch.
Die UN-Menschenrechtsmission in der Ukraine sprach bereits Ende Juni von einer verzweifelten Lage. Nach Interviews mit mehr als 20 Bewohnern aus Oleschky, Hola Prystan und benachbarten Gemeinden berichtete sie von Lebensmittelmangel, fehlender medizinischer Versorgung, Drohnenangriffen und Landminen. Für Oleschky und Hola Prystan registrierte die Mission allein 2026 Berichte über mindestens 29 getötete und 54 verletzte Zivilisten; viele Fälle wurden nach Angaben der UN verifiziert.
Im September hat sich die Versorgungskrise weiter zugespitzt. Augenzeugen und lokale Behörden berichten, dass nach dem 26. Mai über Monate keine regulären Lebensmitteltransporte mehr in die Stadt gelangten. Am 17. September soll erstmals wieder ein Krankenwagen mit einer begrenzten Menge an Medikamenten und Lebensmitteln angekommen sein. Das änderte nichts am strukturellen Mangel. Salz, Zucker oder andere Grundwaren kosteten zeitweise ein Vielfaches der früheren Preise; sättigende Lebensmittel wie Mehl, Kartoffeln und Fleisch fehlten.
Gras statt Lebensmittel
Eine Frau, die Suspilne aus Sicherheitsgründen „Nadija“ nannte, verließ Oleschky Ende Mai. Sie beschrieb eine Stadt, in der private Händler zuvor nur noch ungefähr zweimal im Monat einzelne Waren brachten – zu drei- bis fünffachen Preisen. Danach blieb selbst das aus. Bewohner hätten die Wildpflanze Portulak gesammelt, gekocht und auf notdürftigen Feuerstellen gegessen. Zeitweise habe sogar Salz gefehlt.
Solche Berichte sind wegen der fehlenden unabhängigen Präsenz im Ort nur begrenzt überprüfbar. Sie passen jedoch zum Gesamtbild der Vereinten Nationen und von Human Rights Watch. Die Menschenrechtsorganisation befragte sechs Personen, die Oleschky zwischen Oktober 2025 und Mai 2026 verlassen hatten. Sie berichteten übereinstimmend von einem fast vollständigen Zusammenbruch der öffentlichen Versorgung: kein regulärer Strom, kein Gas, knapper Treibstoff, kaum funktionierende medizinische Hilfe.
Wer einen Generator besitzt, braucht Diesel, der teuer und selten geworden ist. Manche Haushalte nutzen kleine Solaranlagen, um Wasserpumpen oder Kühlschränke zu betreiben. Andere kochen mit Holz. In vielen Mehrfamilienhäusern sind Wohnungen durch Beschuss oder die Flut von 2023 unbewohnbar geworden. In den verbliebenen privaten Häusern leben überwiegend ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen und Familien, die keine sichere oder bezahlbare Fluchtmöglichkeit haben.
Auch Brunnen lösen das Problem nicht zuverlässig. Nach der Überflutung von 2023 waren Wasserstellen verschmutzt, während Kanalisation und Leitungsnetze ausfielen. Wasser muss beschafft, abgekocht und über unsichere Wege transportiert werden. Aus einer Versorgungskrise wird so ein täglicher Überlebensablauf: Feuerholz suchen, Wasser holen, Lebensmittel strecken, Akkus laden, auf das Surren von Drohnen achten.
Wenn der Krankenwagen nicht kommt
Besonders sichtbar wird die Katastrophe bei Verletzungen und akuten Erkrankungen. Nach Angaben der UN fuhren Krankenwagen im Juni nicht mehr zu Wohnungen. Das örtliche Krankenhaus arbeitete mit einem Notstromaggregat und konnte nur begrenzt behandeln. Vier verletzte Zivilisten warteten damals auf eine Verlegung nach Skadowsk; eine Evakuierung war nicht möglich. Ein Patient starb während des Wartens.
Human Rights Watch dokumentierte den Bericht eines früheren Bewohners über einen 65-jährigen Nachbarn, der auf eine Mine trat. Seine Arterie wurde durchtrennt. Ein Krankenwagen konnte nicht kommen, ein sicherer Transport war wegen der Drohnengefahr nicht möglich. Der Mann verblutete nach etwa zwei Stunden.
Solche Fälle zeigen, warum die bloße Existenz eines Krankenhauses keine funktionierende medizinische Versorgung bedeutet. Ohne Strom, Medikamente, Personal, sichere Zufahrten und die Möglichkeit zur Weiterbehandlung wird jede eigentlich beherrschbare Verletzung lebensgefährlich.
Drohnen und Minen: Was sich belegen lässt – und was nicht
Oleschky liegt unmittelbar an der Front. Russische Truppen kontrollieren die Stadt; ukrainische Kräfte stehen auf der anderen Seite des Dnipro. Beide Seiten setzen in der Region Drohnen und Minen ein. Das muss in einer verantwortungsvollen Darstellung benannt werden.
Die UN-Menschenrechtsmission kam zu dem Schluss, dass die meisten der von ihr erfassten zivilen Opfer in Oleschky und Hola Prystan durch Drohnen kurzer Reichweite verursacht wurden. Weil das Gebiet von Russland kontrolliert wird und von ukrainischen Kräften aus der Distanz angegriffen wird, hält die Mission eine ukrainische Urheberschaft bei einem Teil der Angriffe für möglich. Für einzelne Vorfälle konnte sie die Verantwortung jedoch häufig nicht abschließend feststellen.
Human Rights Watch fand ebenfalls glaubhafte Hinweise darauf, dass ukrainische Kräfte Drohnen und möglicherweise Minen auf Straßen rund um Oleschky eingesetzt haben. Die Organisation konnte weder das Ausmaß noch die Verantwortung für konkrete Attacken bestimmen. Russische Stellen wiederum behaupten, ukrainische Drohnen griffen jeden Transport an und seien allein für die Abriegelung verantwortlich.
Umgekehrt werfen ukrainische Behörden russischen Kräften vor, Evakuierungen und Hilfslieferungen mit Drohnen zu behindern und sichere Korridore abzulehnen. Auch Bewohner berichten von russischen Kontrollen, willkürlichen Entscheidungen an Checkpoints und Angst vor der Durchsuchung ihrer Telefone.
Gesichert ist damit nicht die russische oder ukrainische Verantwortung für jeden einzelnen Drohnen- oder Minenvorfall. Gesichert ist der Effekt: Straßen, die Zivilisten zum Überleben brauchen, sind tödlich geworden. Das humanitäre Völkerrecht verpflichtet alle Konfliktparteien, zwischen militärischen Zielen und Zivilisten zu unterscheiden, Vorsichtsmaßnahmen zu treffen und sichere freiwillige Evakuierungen zu ermöglichen.
Flucht ohne sicheren Weg
Eine organisierte, dauerhaft sichere Evakuierungsroute existiert nicht. Freiwillige brachten nach UN-Angaben in den Monaten vor Ende Juni ungefähr 180 Menschen aus den betroffenen Orten. Die größte einzelne Aktion gelang während einer dreitägigen Phase geringerer Kampfintensität vom 9. bis 11. Mai: 32 Menschen konnten Oleschky verlassen. Gemessen am Bedarf ist das kaum mehr als ein Notbehelf.
Viele müssen lange Strecken zu Fuß zurücklegen, weil Fahrzeuge besonders gefährdet sind. Für ältere oder gehbehinderte Menschen kann bereits der Weg zu einem Sammelpunkt unmöglich sein. Eine von der UN befragte Frau berichtete, ihr Mann habe zurückbleiben müssen, weil sein 84-jähriger Vater die zehn Kilometer bis zum vereinbarten Ort nicht bewältigen konnte.
Wer nicht über die Frontlinie herauskommt, muss oft zunächst tiefer in das besetzte Gebiet, anschließend durch Russland und Belarus reisen, um schließlich wieder ukrainisch kontrolliertes Gebiet zu erreichen. Dafür braucht es Geld, Kontakte, Dokumente und die Fähigkeit, russische Kontrollen zu überstehen. Ukrainische Pässe werden aus Angst vor Beschlagnahmung versteckt. Russische Inlandspässe können eine Einreise nach Belarus ermöglichen, reichen aber nicht unbedingt für die Weiterreise.
Für Männer kommt ein weiteres Risiko hinzu: Wer russische Dokumente beantragt, kann bei einer Militärbehörde landen. Ein aus Oleschky geflohener Mann beschrieb das gegenüber Human Rights Watch als „Falle“. Die zwangsweise Einziehung von Bewohnern eines besetzten Gebiets in die Streitkräfte der Besatzungsmacht ist völkerrechtlich verboten und kann ein Kriegsverbrechen darstellen.
Die Ukraine und Russland führten Gespräche über eine lokale Feuerpause zur Evakuierung. Eine tragfähige Vereinbarung kam bis zum Redaktionsschluss nicht zustande. Der von Russland eingesetzte Besatzungschef Wolodymyr Saldo erklärte im Juli zwar, man werde humanitäre, medizinische und psychologische Hilfe beschleunigen. Gleichzeitig sah er keinen Anlass für eine Evakuierung. Frühere Berichte über eine Katastrophe bezeichnete er als ukrainische Propaganda, räumte aber „objektive Schwierigkeiten“ bei Lieferungen ein.
Die Flut, die Oleschky veränderte
Die heutige Krise begann nicht erst 2026. Russische Truppen besetzten Oleschky in den ersten Tagen des Großangriffs im Februar 2022. Nach der Befreiung Chersons durch die Ukraine im November 2022 wurde der Dnipro zur Frontlinie. Beschuss, Isolation und Repression prägten bereits damals den Alltag.
Am 6. Juni 2023 brach der Kachowka-Staudamm. Eine gewaltige Flutwelle traf die tiefer liegenden Gebiete am linken Ufer besonders schwer. Nach Angaben von Human Rights Watch standen zeitweise etwa 90 Prozent Oleschkys unter Wasser. Häuser verschwanden bis zu den Dächern, Menschen warteten auf Dachböden oder Hausdächern, Tiere ertranken, Brunnen und Böden wurden verschmutzt.
Wer den Damm zerstörte, ist bis heute nicht durch ein internationales Gericht abschließend festgestellt worden. Russland beschuldigt die Ukraine. Technische Analysen, seismische Daten und mehrere unabhängige Recherchen sprechen stark für eine Explosion im Inneren des damals von Russland kontrollierten Bauwerks und damit für russische Verantwortung. Die UN-Menschenrechtsmission forderte eine unabhängige Untersuchung und traf in ihrem Bericht von 2023 keine endgültige Urheberfeststellung.
Für Russlands Verhalten nach dem Dammbruch ist die Beweislage eindeutiger. Das UN-Hochkommissariat für Menschenrechte dokumentierte, dass Russland internationalen Helfern den Zugang zum besetzten linken Ufer verweigerte und die Besatzungsbehörden notwendige Evakuierungen nicht organisierten. Russische Kräfte behinderten Freiwillige, blockierten am 9. Juni Lebensmittel und Medikamente für ungefähr 600 Menschen, die im Zentrum von Oleschky Schutz gesucht hatten, und nahmen Helfer fest oder bedrohten sie mit Kellerhaft.
Damit wurde aus einer Katastrophe eine politische Frage der Kontrolle. Nicht nur das Wasser entschied darüber, wer Hilfe bekam. Russische Soldaten und Besatzungsbehörden entschieden, wer fahren, retten, liefern und evakuieren durfte.
Besatzung bedeutet Kontrolle über fast alles
Unter russischer Besatzung ist humanitäre Abhängigkeit mit politischem Zwang verbunden. Bewohner benötigen russische Dokumente für viele Alltagswege. Wer sie ablehnt, riskiert Nachteile bei Sozialleistungen, medizinischer Versorgung, Arbeit, Reisen und Eigentum. Wer sie annimmt, kann – besonders als Mann – in den Zugriff russischer Militärbehörden geraten.
Hinzu kommt die drohende Enteignung. Russland hat in den besetzten Gebieten Verfahren geschaffen, mit denen angeblich „herrenlose“ Wohnungen und Häuser in kommunales Eigentum überführt werden können. Eigentümer müssen sich nach russischem Recht neu registrieren, häufig persönlich erscheinen und werden in der Praxis zur Vorlage eines russischen Passes gedrängt. Für Geflüchtete ist die Rückkehr wegen Reisebeschränkungen, Sicherheitsrisiken und russischer „Filtration“ oft unmöglich.
Human Rights Watch bezeichnet diese Praxis als rechtswidrige Beschlagnahme hinter einer Fassade von Verwaltungsverfahren. Für Oleschky ist sie besonders zynisch: Menschen, die vor Flut, Beschuss oder Hunger fliehen, können gerade wegen ihrer Flucht als abwesend gelten und ihr Zuhause verlieren.
Auch Festnahmen und Verschwindenlassen gehören zum Hintergrund der Stadt. Menschenrechtsorganisationen haben mehrere Fälle aus Oleschky dokumentiert, in denen Zivilisten verschleppt, über lange Zeit ohne Kontakt zur Außenwelt festgehalten oder später von russischen Gerichten wegen angeblicher Spionage zu langen Haftstrafen verurteilt wurden. Die konkreten Vorwürfe sind wegen geschlossener Verfahren häufig nicht unabhängig überprüfbar.
Russland hat keine Souveränität über Oleschky
Oleschky gehört völkerrechtlich zur Ukraine. Russlands sogenannte Referenden und die im September 2022 verkündete „Annexion“ der Region Cherson haben daran nichts geändert. Die UN-Generalversammlung erklärte diese Annexion mit Resolution ES-11/4 für rechtswidrig und ungültig. Militärische Kontrolle schafft keinen legalen Gebietserwerb.
Genau deshalb gilt das Besatzungsrecht. Es verleiht Russland keine Souveränität und macht russische Behörden nicht zur legitimen Regierung der Region. Es legt der Macht, die das Gebiet tatsächlich kontrolliert, vielmehr Schutzpflichten zugunsten der Bevölkerung auf.
Die Vierte Genfer Konvention ist in diesem Punkt eindeutig:
- Nach Artikel 55 muss die Besatzungsmacht im Rahmen ihrer Möglichkeiten die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln und Medikamenten sicherstellen und nötige Güter einführen.
- Nach Artikel 56 muss sie medizinische Einrichtungen und die öffentliche Gesundheit gewährleisten.
- Ist die Bevölkerung unzureichend versorgt, muss sie nach Artikel 59 Hilfsaktionen zulassen und erleichtern.
- Hilfslieferungen entbinden die Besatzungsmacht nach Artikel 60 nicht von ihren eigenen Pflichten.
Russland kann diese Verantwortung also nicht vollständig auf Hilfsorganisationen, private Händler oder die Ukraine abwälzen. Ebenso wenig darf es Hilfe und Ausreise als Mittel politischer Kontrolle einsetzen. Dass Kampfhandlungen die Versorgung gefährlich machen, ändert nichts am Kern der Pflicht: Russland muss als Besatzungsmacht alles in seiner Macht Stehende tun, um Nahrung, Medizin, Versorgung und humanitären Zugang sicherzustellen.
Ist das ein Kriegsverbrechen?
Die gezielte Aushungerung von Zivilisten als Methode der Kriegsführung ist verboten. Auch das vorsätzliche Behindern lebensnotwendiger Hilfslieferungen kann strafrechtlich relevant sein. Ob einzelne russische Amtsträger oder Kommandeure wegen der aktuellen Blockade von Oleschky ein Kriegsverbrechen begangen haben, müsste jedoch in einem rechtsstaatlichen Verfahren anhand von Befehlen, Wissen, Absicht und konkreten Handlungen bewiesen werden.
Journalistisch sauber ist deshalb eine doppelte Feststellung: Es gibt starke und teilweise von den Vereinten Nationen unabhängig dokumentierte Hinweise auf schwere Verletzungen russischer Besatzungspflichten. Eine abschließende individuelle strafrechtliche Verurteilung gibt es bislang nicht.
Bei Angriffen mit Drohnen oder Minen gilt dasselbe. Ein Angriff auf einen klar erkennbaren Zivilisten kann ein Kriegsverbrechen sein – unabhängig davon, welche Seite ihn ausführt. Die UN weist darauf hin, dass FPV-Drohnen ihren Bedienern normalerweise ein Echtzeitbild des möglichen Ziels liefern. Das erhöht die Anforderungen an die Unterscheidung, ersetzt aber nicht die Untersuchung jedes Einzelfalls.
Russlands Rolle ist mehr als die einer Kriegspartei
Die humanitäre Lage in Oleschky entsteht aus mehreren Ursachen: aus der Nähe zur Front, ukrainischen und russischen Angriffen, Minen, zerstörter Infrastruktur, der Flutkatastrophe und dem Zerfall lokaler Versorgung. Daraus darf aber keine falsche Gleichverteilung der Verantwortung folgen.
Russland hat den Krieg begonnen, Oleschky besetzt und das Gebiet in sein Staatswesen einzugliedern versucht. Russland kontrolliert Checkpoints, Verwaltung, Dokumente, Eigentumsregister und den Zugang internationaler Organisationen. Es entscheidet, welche Hilfsstrukturen im Ort arbeiten dürfen. Und die Vereinten Nationen haben schon 2023 dokumentiert, dass russische Kräfte Evakuierungen und Hilfe nach der Flut behinderten.
Die Ukraine bleibt zugleich an das humanitäre Völkerrecht gebunden. Sie muss bei Angriffen auf russische militärische Ziele in und um Oleschky Zivilisten schützen, unverhältnismäßige Angriffe unterlassen und alles praktisch Mögliche tun, um zivile Schäden zu minimieren. Eine russische Besatzung macht die dort lebenden Ukrainer nicht zu legitimen Zielen.
Beides kann gleichzeitig wahr sein: Ukrainische Angriffe können Zivilisten gefährden und müssen untersucht werden. Russland trägt dennoch die übergeordnete Verantwortung für eine Besatzungslage, die es durch seinen Angriffskrieg geschaffen hat, und die konkrete völkerrechtliche Verantwortung als kontrollierende Macht.
Was jetzt geschehen müsste
Die unmittelbarste Lösung ist keine politische Formel, sondern ein überprüfbarer humanitärer Mechanismus:
- eine lokal und zeitlich begrenzte Feuerpause für freiwillige Evakuierungen und Hilfskonvois,
- unabhängige Begleitung durch das Internationale Komitee vom Roten Kreuz oder die Vereinten Nationen,
- eine sichere Route ohne Zwang zu russischen Pässen oder anderen Besatzungsdokumenten,
- Vorrang für Kinder, Kranke, Verletzte, ältere Menschen und Menschen mit Behinderungen,
- regelmäßige Lieferungen für alle, die freiwillig bleiben,
- Dokumentation und Untersuchung jedes Angriffs auf Zivilisten, Helfer und Transporte.
Entscheidend ist die Freiwilligkeit. Zivilisten dürfen weder als menschliche Schutzschilde festgehalten noch gegen ihren Willen deportiert werden. Wer gehen möchte, braucht einen sicheren Weg. Wer bleibt, verliert dadurch nicht sein Recht auf Nahrung, Wasser, Medizin und Schutz.
Was wir wissen – und was offen ist
- Unabhängig belegt: Oleschky ist russisch besetztes ukrainisches Gebiet; die Versorgung ist zusammengebrochen; Drohnen und Minen blockieren Hilfe und Flucht; Russland hat als Besatzungsmacht besondere Schutz- und Versorgungspflichten.
- Von UN und Menschenrechtsorganisationen dokumentiert: zahlreiche zivile Opfer, kaum funktionierende medizinische Hilfe, fehlende sichere Evakuierung und russische Behinderung von Hilfe nach der Flut 2023.
- Als ukrainische oder örtliche Angaben zu kennzeichnen: aktuelle Einwohnerzahlen, einzelne Liefertermine, der Umfang russischer Blockadehandlungen und Vorwürfe zu konkreten Drohnenangriffen.
- Nicht abschließend geklärt: die Verantwortung für zahlreiche einzelne Angriffe und Minen sowie die gerichtsfeste Zuschreibung der Zerstörung des Kachowka-Staudamms.
Die zehn Kilometer von Oleschky
Auf einer normalen Landkarte liegt Oleschky fast neben Cherson. Auf der Karte des Krieges trennen beide Städte Checkpoints, Minenfelder, zerstörte Brücken, Drohnenkorridore und ein besetzter Flussabschnitt.
Für die verbliebenen Bewohner misst sich diese Entfernung nicht in Kilometern. Sie misst sich in Tagen ohne Brot, in Stunden ohne erreichbaren Arzt, in dem Weg zu einem Brunnen und in der Frage, ob ein Fahrzeug auf der Straße als ziviler Transport erkannt wird. Sie misst sich in einem russischen Pass, den jemand nicht will, aber vielleicht zum Verlassen der Besatzung braucht. Und in einem Haus, das nach der Flucht als „herrenlos“ beschlagnahmt werden kann.
Oleschky ist deshalb mehr als eine vergessene Frontstadt. Es ist ein Prüfstein dafür, ob das Recht der Zivilbevölkerung auch dort gilt, wo kaum Kameras hinkommen. Russland hat keine rechtmäßige Souveränität über die Stadt. Aber solange es Oleschky kontrolliert, trägt es die Verantwortung einer Besatzungsmacht. Diese Verantwortung endet nicht am Checkpoint – und sie verschwindet nicht, nur weil Russland die humanitäre Katastrophe bestreitet.
Quellen und weiterführende Dokumente
- UN-Menschenrechtsmission in der Ukraine: Desperate situation for civilians trapped in frontline areas, 25. Juni 2026
- Human Rights Watch: Ukraine – Civilians Trapped in Occupied Khersonska Region, 9. Juli 2026
- OHCHR: Report on the Human Rights Situation in Ukraine, Februar bis Juli 2023
- Suspilne Kherson: Augenzeugenberichte aus dem besetzten Oleschky, September 2026
- Le Monde: Kherson and Oleshky – two worlds ten kilometres apart, 22. Mai 2026
- Human Rights Watch: Russia Illegally Seizing Property in Occupied Areas, 26. Mai 2026
- UN-Generalversammlung: Resolution ES-11/4 zur territorialen Integrität der Ukraine
- IKRK: Vierte Genfer Konvention, Artikel 55
- IKRK: Vierte Genfer Konvention, Artikel 59
- Wikimedia Commons: Flooded Oleshky, Video des ukrainischen Innenministeriums, 7. Juni 2023, CC BY 4.0
Quellen
- UN Human Rights Ukraine – Desperate situation for civilians trapped in frontline areas
- Human Rights Watch – Ukraine: Civilians Trapped in Occupied Khersonska Region
- OHCHR – Report on the Human Rights Situation in Ukraine, February–July 2023
- Suspilne Kherson – Augenzeugenberichte aus Oleschky
- Le Monde – Kherson and Oleshky, two worlds ten kilometers apart
- Human Rights Watch – Russia Illegally Seizing Property in Occupied Areas
- UN General Assembly Resolution ES-11/4
- ICRC – Fourth Geneva Convention, Article 55
- Wikimedia Commons – Flooded Oleshky, 7 June 2023
Redaktioneller Hinweis: Quellenstand: 25.09.2026. Wegen der russischen Besatzung und fehlenden unabhängigen Zugänge sind aktuelle Einwohnerzahlen und einzelne Vorfälle nur näherungsweise feststellbar. Der Artikel trennt UN- und NGO-Befunde von Angaben ukrainischer beziehungsweise russischer Stellen.
