KYJIW. Russlands Streitkräfte haben die ukrainische Energieinfrastruktur nach Angaben des staatlichen Energiekonzerns Naftogaz innerhalb einer Woche 13-mal angegriffen. Anlagen und technische Ausrüstung seien erheblich beschädigt worden. Seit Jahresbeginn zählt das Unternehmen nach eigenen Angaben nahezu 300 Angriffe auf seine Einrichtungen. Bei Naftogaz wurden in der jüngsten Serie keine Opfer gemeldet; der private Energiekonzern DTEK berichtete jedoch von einem Todesopfer nach einem Brand in einem Bergwerk infolge eines russischen Angriffs.
Die Zahlen lassen sich nicht für jeden einzelnen Angriff unabhängig verifizieren. Das Muster selbst ist jedoch seit Jahren dokumentiert: Russland greift systematisch ukrainische Kraftwerke, Netze, Gas- und Wärmeinfrastruktur an. Für die Ukraine ist das nicht nur eine militärische Herausforderung. Strom und Wärme sind Voraussetzung dafür, dass Krankenhäuser, Wasserwerke, Unternehmen und Millionen Haushalte funktionieren.
Der Winter beginnt strategisch im Sommer
Im August wirken Angriffe auf Heiz- und Gasinfrastruktur weniger dramatisch als im Januar. Strategisch ist gerade jetzt jedoch entscheidend, wie schnell beschädigte Anlagen repariert, Ersatzteile beschafft und Reserven aufgebaut werden können. Jede zerstörte Komponente verkleinert den Puffer für die kalten Monate.
Russlands Kalkül ist erkennbar: Die Widerstandsfähigkeit der ukrainischen Gesellschaft soll geschwächt, Reparaturkapazität gebunden und wirtschaftlicher Schaden erzeugt werden. Angriffe auf zivile Energieversorgung können nach dem humanitären Völkerrecht rechtswidrig sein, wenn zivile Objekte ohne wirksamen militärischen Zweck angegriffen werden oder der erwartete zivile Schaden außer Verhältnis zum konkreten militärischen Vorteil steht. Die Bewertung bleibt im Einzelfall von Ziel, Nutzung und Umständen abhängig.
Luftverteidigung bleibt der Engpass
Die Ukraine hat ihre Luftverteidigung seit 2022 erheblich ausgebaut, doch das Land ist groß und die Zahl möglicher Ziele enorm. Moderne Systeme wie Patriot sind knapp und teuer. Russland kombiniert Marschflugkörper, ballistische Raketen und große Drohnenschwärme, um Abwehrsysteme zu überlasten und Munition zu verbrauchen.
Für europäische Unterstützer folgt daraus eine nüchterne Priorität: Energiehilfe und Luftverteidigung gehören zusammen. Transformatoren und Generatoren ersetzen zerstörte Infrastruktur; Abfangraketen und Flugabwehr können verhindern, dass sie erneut zerstört wird. Hinzu kommen dezentrale Erzeugung, Schutzbauten und redundante Netze.
Ukrainische Gegenangriffe und die notwendige Unterscheidung
Auch die Ukraine hat ihre Langstreckenangriffe auf Ziele in Russland massiv ausgeweitet. In den vergangenen Tagen setzte sie Hunderte Drohnen ein und griff nach eigenen Angaben militärisch-industrielle und logistische Ziele an. Dabei wurden nach russischen Angaben auch Zivilisten getötet. Solche Fälle müssen unabhängig untersucht und nach denselben völkerrechtlichen Maßstäben bewertet werden.
Die politische Ausgangslage bleibt dennoch asymmetrisch: Russland führt seit Februar 2022 einen großangelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine. Die Ukraine besitzt nach Artikel 51 der UN-Charta das Recht auf Selbstverteidigung. Dieses Recht hebt die Regeln des humanitären Völkerrechts nicht auf, erklärt aber, warum Angriffe auf militärische Ziele des Aggressorstaats grundsätzlich nicht mit dem Angriffskrieg selbst gleichgesetzt werden können.
Die neue Angriffswelle zeigt, dass die Energiefrage im fünften Kriegsjahr keineswegs gelöst ist. Europas Unterstützung wird im kommenden Winter nicht nur an Milliardenbeträgen gemessen werden, sondern daran, ob ukrainische Städte Licht, Wärme und Wasser behalten.
