In der Nacht zum Sonntag heulten in Kyjiw erneut die Sirenen. Russische Raketen lösten nach Angaben ukrainischer Behörden Brände in mindestens zwei Stadtteilen aus; mindestens ein Mensch wurde verletzt. Reuters-Reporter hörten Explosionen in der Hauptstadt. Es war ein weiterer Angriff in einer Serie intensivierter russischer Luftschläge auf ukrainische Städte.
Fast zeitgleich demonstriert die Ukraine, dass sich die Geografie des Krieges verändert. Präsident Wolodymyr Selenskyj bestätigte ukrainische Angriffe mit im eigenen Land entwickelten Flamingo-Marschflugkörpern auf Ziele tief in Russland. Zu den genannten Zielen gehören das Progress-Raketenzentrum in Samara und der Militärflugplatz Sawasleika in der Region Nischni Nowgorod. Russland bestätigte einen massiven Angriff auf die Region Samara und sprach von begrenzten lokalen Schäden.
Zwei sehr unterschiedliche Arten von Angriffen
Die Gleichzeitigkeit darf nicht zu einer falschen Gleichsetzung führen. Russland führt seit Februar 2022 einen großangelegten Angriffskrieg gegen die Ukraine und greift regelmäßig ukrainische Städte sowie Energie- und Hafeninfrastruktur an. Die Ukraine besitzt nach dem Völkerrecht ein Recht auf Selbstverteidigung. Dazu kann grundsätzlich auch die Bekämpfung militärischer Ziele auf dem Gebiet des angreifenden Staates gehören, sofern die Regeln des humanitären Völkerrechts eingehalten werden.
Entscheidend ist deshalb die Zielauswahl. Das Progress-Zentrum ist Teil des russischen Raumfahrt- und Industriekomplexes; ukrainische Angaben stellen einen Zusammenhang zu militärisch relevanten Fähigkeiten und einem russischen Satellitennetz her. Der Flugplatz Sawasleika wird militärisch genutzt. Solche Ziele unterscheiden sich rechtlich und militärisch von Wohngebieten oder anderer rein ziviler Infrastruktur.
Warum die Flamingo-Rakete politisch wichtig ist
Für Kyjiw ist eine eigene Langstreckenfähigkeit mehr als ein technisches Projekt. Westliche Unterstützer haben die Verwendung gelieferter Waffen gegen Ziele in Russland teilweise mit Auflagen versehen oder politisch begrenzt. Eine in der Ukraine entwickelte Waffe reduziert diese Abhängigkeit. Sie gibt der ukrainischen Führung mehr Freiheit bei der Entscheidung, welche militärischen Einrichtungen des Angreifers sie bekämpfen will.
Das verändert zugleich Russlands Kostenrechnung. Flugplätze, Raketenwerke, Depots und andere Einrichtungen, die früher aufgrund ihrer Entfernung von der Front vergleichsweise sicher erschienen, müssen stärker geschützt, verlagert oder dezentralisiert werden. Luftverteidigung, die tief im Hinterland gebunden wird, fehlt möglicherweise an anderen Orten.
Reichweite ersetzt keine Masse
Strategisch sollte die Entwicklung dennoch nicht überschätzt werden. Einzelne erfolgreiche Langstreckenangriffe entscheiden keinen Krieg. Entscheidend sind Produktionszahlen, Zuverlässigkeit, Aufklärung, Zielgenauigkeit und die Fähigkeit, russische Luftabwehr wiederholt zu überwinden. Öffentlich verfügbare Angaben erlauben derzeit keine belastbare Einschätzung, wie viele Flamingo-Flugkörper die Ukraine produzieren und in welcher Frequenz sie einsetzen kann.
Auch Schadensmeldungen aus Russland sind schwer unabhängig zu überprüfen. Moskau minimiert häufig die Wirkung ukrainischer Angriffe; Kyjiw hat umgekehrt ein Interesse, militärische Erfolge hervorzuheben. Seriöse Bewertung muss deshalb Satellitenbilder, offene Quellen und spätere Bestätigungen abwarten.
Die zivile Dimension bleibt zentral
Während die Aufmerksamkeit auf neuen Waffensystemen liegt, bleibt die humanitäre Bilanz russischer Angriffe schwer. In Marhanez im Südosten der Ukraine wurde nach aktuellen Berichten bei einem russischen Drohnenangriff ein drei Monate altes Baby getötet; elf Menschen wurden verletzt. Russland griff außerdem ukrainische Hafeninfrastruktur an. Die ukrainische Luftwaffe meldete, einen großen Teil einer weiteren russischen Drohnenwelle abgefangen zu haben.
Diese Angriffe zeigen das Grundproblem der ukrainischen Luftverteidigung: Selbst hohe Abfangquoten verhindern nicht, dass einzelne Raketen oder Drohnen Menschen töten und Infrastruktur zerstören. Jede Welle zwingt die Ukraine zudem, teure Abfangmunition einzusetzen.
Ein Krieg um Produktionskapazitäten
Der Luftkrieg entwickelt sich deshalb zunehmend zu einem Wettbewerb industrieller Kapazitäten. Russland produziert und importiert große Mengen Drohnen und Raketen. Die Ukraine versucht, mit eigenen Drohnen, Marschflugkörpern und westlicher Luftverteidigung die Asymmetrie zu verkleinern. Dabei geht es nicht nur um spektakuläre Reichweitenrekorde, sondern um Stückzahlen und Kosten pro Wirkung.
Für Europas Unterstützung der Ukraine folgt daraus eine nüchterne Konsequenz: Luftverteidigung bleibt unverzichtbar, reicht allein aber nicht. Solange Russland seine Angriffsmittel weit hinter der Grenze produzieren, lagern und starten kann, muss die Ukraine auch die Fähigkeit besitzen, militärisch relevante Teile dieser Angriffskette zu stören.
Der Sonntagmorgen in Kyjiw und die Angriffe auf Samara sind damit zwei Seiten derselben strategischen Entwicklung: Russland versucht weiterhin, die Ukraine aus der Distanz zu zermürben. Die Ukraine versucht zunehmend, dem Angreifer die vermeintliche Sicherheit seines Hinterlandes zu nehmen. Wie stark dieses neue Gleichgewicht tatsächlich wird, entscheidet weniger die Existenz einer einzelnen Rakete als die Frage, wie viele davon produziert werden können.
