Aus dem symbolischen Treffen am ukrainischen Unabhängigkeitstag sind konkrete politische Festlegungen geworden – allerdings noch kein einzelnes neues Großpaket, das alle offenen militärischen Probleme der Ukraine auf einen Schlag löst. Die sogenannte Coalition of the Willing kam am 24. August in Kyjiw und per Video zusammen. Großbritanniens Premierminister Andy Burnham, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron und Bundeskanzler Friedrich Merz führten das Treffen gemeinsam mit Präsident Wolodymyr Selenskyj. Auch EU-Ratspräsident António Costa war in Kyjiw.
In ihrer gemeinsamen Erklärung bekräftigten die Teilnehmer die Unterstützung für die Souveränität und territoriale Integrität der Ukraine. Zugleich verständigten sie sich darauf, den wirtschaftlichen Druck auf Russland weiter zu erhöhen, die ukrainische Verteidigungsfähigkeit zu stärken und die Vorbereitungen für Sicherheitsgarantien nach einem künftigen Waffenstillstand fortzusetzen. Damit ist das Treffen mehr als eine reine Solidaritätsgeste – viele entscheidende Details bleiben aber weiterhin offen.
Mehr Druck auf Russlands Kriegsfinanzierung
Ein Schwerpunkt der Erklärung liegt auf Sanktionen und wirtschaftlichem Druck. Die Koalition will Maßnahmen gegen die Umgehung bestehender Sanktionen ausweiten und insbesondere Russlands sogenannte Schattenflotte stärker ins Visier nehmen. Gemeint sind Tanker und andere Strukturen, mit denen Moskau versucht, Beschränkungen im Energiehandel zu umgehen.
Die Koalition erklärte zudem, die bisherigen gemeinsamen Maßnahmen hätten Russland seit Beginn der Vollinvasion Einnahmen in Höhe von mindestens 495 Milliarden US-Dollar entzogen. Diese Zahl stammt aus der Erklärung der beteiligten Regierungen und ist daher als deren gemeinsame Schätzung zu verstehen, nicht als unabhängig berechnete KIVOZ-Zahl. Die Partner begrüßten außerdem Bemühungen im US-Senat um zusätzlichen wirtschaftlichen Druck und kündigten eine engere Abstimmung mit Washington an.
Die Luftverteidigung bleibt die akuteste Lücke
Militärisch bleibt die Luftverteidigung eine der drängendsten Fragen. Russland hat seine Raketen- und Drohnenangriffe auf ukrainische Städte, Energieanlagen und andere Infrastruktur zuletzt weiter intensiviert. Die Koalition verurteilte diese Angriffe ausdrücklich. Nach Angaben aus Kyjiw benötigt die Ukraine für den kommenden Winter Hunderte zusätzliche hochwertige Abfangraketen.
Frankreich hat eine Beschleunigung von Luftverteidigungslieferungen in Aussicht gestellt. Großbritannien kündigte zudem Unterstützung für die ukrainische Produktion weitreichender Waffen an. Nach Angaben der britischen Regierung soll dafür auch klassifiziertes technisches Wissen bereitgestellt werden, das den Aufbau eigener Produktionskapazitäten für Systeme aus dem Umfeld von Storm Shadow beziehungsweise SCALP unterstützen kann.
Das ist strategisch relevant: Je mehr Waffen und Munition die Ukraine selbst oder gemeinsam mit europäischen Partnern produziert, desto geringer ist ihre Abhängigkeit von einzelnen ausländischen Lieferketten. Gleichzeitig löst das kurzfristig nicht den Mangel an vorhandenen Interzeptoren für Systeme wie Patriot oder SAMP/T. Gerade diese Munition lässt sich nicht beliebig schnell herstellen.
Eine multinationale Truppe – aber erst nach einem Waffenstillstand
Der politisch weitreichendste Teil der Erklärung betrifft die Zeit nach einer möglichen Feuerpause. Die Koalition will die Vorbereitungen für eine Multinational Force Ukraine fortsetzen. Diese soll nach dem Wortlaut der Erklärung erst dann eingesetzt werden, wenn eine glaubwürdige Einstellung der Kampfhandlungen erreicht ist.
Die Truppe wäre Teil umfassenderer Sicherheitsgarantien, die politisch und rechtlich belastbar sein sollen. Damit präzisiert die Koalition einen Ansatz, der bereits seit Monaten diskutiert wird: Europäische Staaten wollen nicht erst nach einem Friedensschluss überlegen, wie eine erneute russische Aggression abgeschreckt werden könnte, sondern militärische Strukturen und Verpflichtungen möglichst vorher vorbereiten.
Offen bleibt allerdings, welche Staaten am Ende tatsächlich Truppen stellen würden, welche Aufgaben diese übernehmen könnten, wie groß ein solcher Verband wäre und welche Regeln für einen möglichen Einsatz gelten würden. Die Erklärung ist deshalb ein politisches Signal, aber noch kein fertiger Operationsplan.
Forderung nach vollständigem Waffenstillstand
Die Teilnehmer erneuerten ihre Forderung an Russland, einem vollständigen, sofortigen und bedingungslosen Waffenstillstand entlang der aktuellen Kontaktlinie zuzustimmen. Gleichzeitig würdigten sie Selenskyjs Bereitschaft zu Verhandlungen über einen umfassenden und dauerhaften Frieden.
Damit hält die Koalition an einer wichtigen Trennung fest: Ein Ende der Kampfhandlungen müsste nicht automatisch bedeuten, die russische Kontrolle über besetzte ukrainische Gebiete völkerrechtlich anzuerkennen. Die Ukraine lehnt eine solche Anerkennung russischer Eroberungen weiterhin ab. Ein Waffenstillstand könnte also zunächst die militärische Lage einfrieren, während Fragen über Grenzen und den endgültigen politischen Status offenblieben.
Was das Treffen gebracht hat – und was nicht
Das Ergebnis von Kyjiw lässt sich deshalb in zwei Ebenen teilen. Erstens gibt es konkrete Zusagen, die bestehende Unterstützung zu beschleunigen und zu vertiefen: mehr Luftverteidigung, stärkere ukrainische Rüstungsproduktion, weiterer Sanktionsdruck und Vorbereitung einer multinationalen Sicherheitsstruktur. Zweitens bleiben die größten Engpässe bestehen. Selenskyj verwies weiterhin auf einen erheblichen Finanzierungsbedarf für die Verteidigung und auf die begrenzte Verfügbarkeit moderner Abfangraketen.
Das Treffen hat damit keine spektakuläre Einzelentscheidung hervorgebracht, wohl aber eine belastbarere politische Linie für die kommenden Monate: Die europäischen Partner wollen die Ukraine weiter militärisch unterstützen, Russlands Finanzierungsmöglichkeiten begrenzen und bereits jetzt Strukturen für die Zeit nach einem möglichen Waffenstillstand vorbereiten.
Am 35. Jahrestag der ukrainischen Unabhängigkeit war das eine bewusst gewählte Botschaft. Für Kyjiw ist jedoch entscheidend, ob aus den Erklärungen ausreichend schnell Raketen, Produktionskapazitäten, Finanzmittel und belastbare Sicherheitsgarantien werden. Daran wird sich der praktische Wert der Koalition messen lassen.