Hitze wird häufig als Problem des Nachmittags erzählt: glühender Asphalt, volle Freibäder, Temperaturen über 40 Grad. Eine neue globale Analyse in Nature Climate Change zeigt jedoch, dass ein anderer Teil des Tages gesundheitlich immer wichtiger wird: die Nacht.
Die Forschenden untersuchten mit dem Universal Thermal Climate Index die Entwicklung des Hitzestresses seit 1950. Ihr Ergebnis: Extreme gefühlte Temperaturen sind auf allen Kontinenten häufiger geworden. In manchen Regionen gibt es inzwischen bis zu 50 zusätzliche Hitzestresstage pro Jahr. Zugleich erwärmen sich die heißesten Nächte im Mittel schneller als die heißesten Tage.
Warum warme Nächte gefährlich sind
Der menschliche Körper braucht Erholungsphasen. Wenn Wohnungen, Straßen und Körper nachts nicht abkühlen, summiert sich die Belastung über mehrere Tage. Besonders gefährdet sind ältere Menschen, chronisch Kranke, Kleinkinder und Menschen, die körperlich arbeiten oder in schlecht gekühlten Wohnungen leben.
Die Studie berichtet für die heißesten Nächte eine Erwärmungsrate von etwa 0,32 Grad Celsius pro Jahrzehnt, gegenüber 0,27 Grad bei den heißesten Tagen. Solche globalen Mittelwerte sagen nicht, wie groß das Risiko an einem bestimmten Ort ist. Sie zeigen aber, dass klassische Warnsysteme, die nur Tageshöchstwerte betrachten, einen Teil der Belastung unterschätzen können.
Hitze ist auch eine soziale Frage
Klimaanlagen können Risiken reduzieren, sind aber teuer, benötigen Strom und können Städte zusätzlich aufheizen. Bäume, Verschattung, helle Oberflächen, bessere Gebäude und kühlere öffentliche Räume wirken breiter. Entscheidend ist zudem, Pflegeheime, Krankenhäuser und Rettungsdienste auf längere Hitzeperioden vorzubereiten.
Eine weitere aktuelle Nature-Communications-Analyse von mehr als 100 Millionen Notaufnahmebesuchen in fünf Ländern und Gebieten zeigt, dass höhere Sommertemperaturen mit zusätzlicher akuter Gesundheitsnachfrage verbunden sind. Die Stärke des Effekts unterscheidet sich regional erheblich. Das spricht gegen eine Einheitslösung und für lokal angepasste Hitzeaktionspläne.
Der globale Fußabdruck wächst
Besonders relevant ist nicht nur, dass bekannte Hitzegebiete heißer werden. Die räumliche Ausdehnung gefährlicher Bedingungen nimmt zu. Regionen, die historisch wenig Erfahrung mit extremer Hitze hatten, verfügen häufig über weniger angepasste Gebäude und Gesundheitsstrukturen.
Damit verändert sich auch die politische Frage. Klimaanpassung ist nicht mehr nur Vorsorge für seltene Extremtage. Sie wird zu dauerhafter Infrastrukturpolitik: Stadtplanung, Arbeitsrecht, Gesundheitsschutz und Energieversorgung müssen auf eine Welt reagieren, in der Erholung in der Nacht immer weniger selbstverständlich ist.
