Im Himalaya wächst eine der schwersten Naturkatastrophen des Jahres weiter an. Nach einer durch einen Gletscherkollaps und massive Wassermassen ausgelösten Flut an der Grenze zwischen Nepal und Tibet sind nach dem aktuellen Stand mindestens 750 Menschen gestorben. Mehr als 3.000 gelten als vermisst, über 90.000 Menschen sind betroffen.
Die Zahlen sind vorläufig. Rettungskräfte arbeiten in schwer zugänglichem Hochgebirge, weitere Regenfälle erhöhen die Gefahr neuer Erdrutsche und aufgestauter Seen. Besonders kompliziert ist die Suche nach Menschen, die in Tunnelsystemen von Wasserkraftanlagen eingeschlossen sein könnten.
Eine Katastrophe über eine politische Grenze hinweg
Der Schwerpunkt der Todesfälle liegt in Nepal; auch aus Tibet werden Tote und Hunderte Vermisste gemeldet. Unter den Vermissten auf chinesischer Seite befinden sich zudem zahlreiche Ausländer aus mehr als zwanzig Staaten. Nepal und China koordinieren Teile der Rettungsarbeiten.
Das ist im Himalaya besonders wichtig, weil Flüsse und Gletscher keine Staatsgrenzen beachten. Ein instabiler Gletschersee auf einer Seite der Grenze kann flussabwärts Gemeinden in einem anderen Land gefährden. Frühwarnsysteme müssen deshalb Daten über Grenzen hinweg austauschen.
Was bei einer Gletschersee-Ausbruchsflut passiert
Wenn Eis, Geröll oder ein Erdrutsch einen natürlichen Damm bilden, kann sich dahinter schnell Wasser sammeln. Bricht dieser Damm, wird in kurzer Zeit eine enorme Wassermenge freigesetzt. Die Flut transportiert Schlamm, Felsbrocken und Trümmer und kann dadurch wesentlich zerstörerischer sein als ein normaler Hochwasseranstieg.
Im aktuellen Fall kamen weitere Niederschläge hinzu. Das erschwert die eindeutige Trennung einzelner Ursachen: Gletscherinstabilität, Hangrutsche, Niederschlag und die Topografie enger Täler können sich gegenseitig verstärken.
Welche Rolle spielt der Klimawandel?
Die chinesische Seite verweist auf den Klimawandel als Hintergrund zunehmender Gletscherinstabilität. Die grundsätzliche physikalische Verbindung ist plausibel und wissenschaftlich gut etabliert: Erwärmung verändert Gletscher, Permafrost und die Bildung von Gletscherseen. Für die genaue Attribution dieses einzelnen Ereignisses braucht es jedoch eine gesonderte Untersuchung.
Seriöse Klimaberichterstattung sollte deshalb zwei Fehler vermeiden. Es wäre falsch, so zu tun, als habe Erwärmung mit der wachsenden Hochgebirgsgefahr nichts zu tun. Ebenso falsch wäre es, bereits wenige Tage nach der Katastrophe einen exakten prozentualen Klimawandel-Anteil an diesem konkreten Ereignis zu behaupten.
Wasserkraft wird selbst zum Risikofaktor
Der Himalaya besitzt enormes Wasserkraftpotenzial. Anlagen werden jedoch häufig in engen Tälern gebaut, die zugleich besonders anfällig für Sturzfluten und Erdrutsche sind. Die Suche nach eingeschlossenen Menschen in Tunneln zeigt, wie Infrastrukturplanung und Naturgefahren zusammenhängen.
Das bedeutet nicht, dass Wasserkraft grundsätzlich ungeeignet wäre. Aber historische Gefahrenkarten können in einer sich verändernden Kryosphäre veralten. Sicherheitsstandards müssen berücksichtigen, dass Extremereignisse auftreten können, die in früheren Messreihen selten oder gar nicht vorkamen.
Die nächsten Tage bleiben gefährlich
China hat mehr als 2.100 Rettungskräfte mobilisiert und zusätzliche Mittel bereitgestellt. Nepal nimmt trotz einer grundsätzlich zurückhaltenden Haltung gegenüber allgemeiner Auslandshilfe spezialisierte Unterstützung etwa für Tunnelrettung, Forensik und Identifizierung an.
Die wichtigste Nachricht ist deshalb derzeit keine endgültige Bilanz. Sie lautet, dass die Katastrophe noch nicht abgeschlossen ist. Neue Niederschläge, instabile Hänge und mögliche neue Seen können die Lage verschärfen. Opferzahlen und Angaben zu Vermissten sollten in den kommenden Tagen mit besonderer Vorsicht behandelt werden.