Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan, Turkmenistan und Usbekistan liegen für viele Europäer am Rand der politischen Wahrnehmung. Für Südkorea rücken sie ins Zentrum. Präsident Lee Jae Myung empfängt die fünf Staatschefs in Seoul; am Mittwoch soll erstmals ein gemeinsamer Gipfel auf Ebene der Staats- und Regierungschefs stattfinden.
Die Agenda klingt wirtschaftlich: Handel, Investitionen, Energie, kritische Mineralien und Lieferketten. Dahinter steht eine größere geopolitische Verschiebung. Zentralasien verfügt über Rohstoffe, liegt zwischen China, Russland, dem Kaspischen Meer und Südasien und versucht zunehmend, seine Außenbeziehungen zu diversifizieren.
Warum Seoul Zentralasien braucht
Südkorea ist eine hochindustrialisierte Volkswirtschaft mit begrenzten eigenen Rohstoffvorkommen. Halbleiter, Batterien, Fahrzeuge und Elektronik benötigen stabile Lieferketten. Je stärker Washington und Peking ihre Technologie- und Handelspolitik sicherheitspolitisch ausrichten, desto wertvoller werden zusätzliche Bezugsquellen.
Kasachstan ist reich an Uran und anderen Rohstoffen; Usbekistan besitzt bedeutende Gold-, Kupfer- und Uranvorkommen; Turkmenistan verfügt über enorme Erdgasreserven. Nicht jedes Vorkommen lässt sich kurzfristig in koreanische Lieferketten integrieren. Infrastruktur, Verarbeitungskapazitäten und politische Risiken entscheiden darüber, ob aus geologischen Reserven tatsächlich wirtschaftliche Sicherheit wird.
Zentralasien ist kein geopolitisches Vakuum
Russland hat historisch tiefe wirtschaftliche, sprachliche und sicherheitspolitische Verbindungen in die Region. China hat über die Belt-and-Road-Initiative Infrastruktur und Handel massiv ausgebaut. Auch die EU, die Türkei, Japan und die USA werben um Partnerschaften.
Die zentralasiatischen Staaten sind dabei nicht nur Objekte fremder Konkurrenz. Gerade Kasachstan und Usbekistan verfolgen bewusst eine mehrgleisige Außenpolitik. Zusätzliche Partner können Verhandlungsmacht schaffen – etwa bei Investitionsbedingungen, Transportkorridoren oder der lokalen Verarbeitung von Rohstoffen.
Die Menschenrechtsfrage gehört dazu
Wirtschaftliche Kooperation darf politische Unterschiede nicht unsichtbar machen. Mehrere Staaten der Region werden autoritär regiert; Medienfreiheit, Opposition und Zivilgesellschaft sind unterschiedlich stark eingeschränkt. Eine reine Rohstoffperspektive würde deshalb einen wesentlichen Teil der Beziehungen ausblenden.
Für Seoul entsteht derselbe Zielkonflikt, den auch Europa kennt: Lieferketten sollen diversifiziert werden, ohne neue einseitige Abhängigkeiten zu schaffen oder politische Standards vollständig dem Rohstoffinteresse unterzuordnen.
Ein neuer Korridor zwischen Ostasien und Europa?
Langfristig ist auch Verkehrspolitik wichtig. Routen über das Kaspische Meer und den Südkaukasus können Russland umgehen und Zentralasien enger mit Europa verbinden. Für Südkorea könnten solche Korridore zusätzliche Handelswege Richtung Westen eröffnen.
Der Gipfel ist deshalb noch kein wirtschaftlicher Durchbruch. Entscheidend wird sein, ob konkrete Projekte zu Rohstoffverarbeitung, Energie, Logistik und Investitionsschutz folgen. Aber schon das Format ist ein Signal: Zentralasien wird in einer Welt fragmentierter Lieferketten nicht mehr nur als russischer Hinterhof betrachtet, sondern als eigenständiger strategischer Raum.
Quellen
Redaktioneller Hinweis: Stand: 15.09.2026. Der gemeinsame Gipfel ist für 16. September angekündigt; konkrete Vereinbarungen können daher erst nach Abschluss bewertet werden.