SEOUL/PEKING. Chinas Außenminister Wang Yi wird am 19. und 20. August Südkorea besuchen. Es ist seine erste offizielle Reise in das Nachbarland seit fünf Jahren. Geplant sind Gespräche mit Präsident Lee Jae Myung, Außenminister Cho Hyun und dem nationalen Sicherheitsberater Wi Sung-lac. Auf der Agenda stehen die bilateralen Beziehungen, die koreanische Halbinsel und regionale wie internationale Konflikte.
Der Termin wirkt auf den ersten Blick wie diplomatische Normalität. Tatsächlich findet er in einer Region statt, in der nahezu jede außenpolitische Bewegung gleichzeitig in Washington, Tokio und Pjöngjang gelesen wird.
Südkoreas schwierige Balance
Südkorea ist sicherheitspolitisch eng mit den Vereinigten Staaten verbündet. Gleichzeitig gehört China zu seinen wichtigsten Wirtschaftspartnern. Seoul muss daher Abschreckung gegenüber Nordkorea, das Bündnis mit Washington und wirtschaftliche Interessen gegenüber Peking miteinander verbinden.
Diese Balance ist schwieriger geworden. Die strategische Rivalität zwischen den USA und China reicht von Halbleitern über Handel bis zur militärischen Präsenz im Indopazifik. Südkoreanische Unternehmen sind tief in globale Technologielieferketten eingebunden und damit unmittelbar von Exportkontrollen und geopolitischen Spannungen betroffen.
Nordkorea als gemeinsames und trennendes Thema
China ist Nordkoreas wichtigster politischer und wirtschaftlicher Partner. Südkorea und westliche Staaten erwarten deshalb regelmäßig, dass Peking seinen Einfluss nutzt, um Pjöngjang von weiterer nuklearer und militärischer Eskalation abzuhalten. China wiederum lehnt eine Politik ab, die Nordkorea destabilisieren könnte, und kritisiert die verstärkte militärische Zusammenarbeit der USA mit Südkorea und Japan.
Der Besuch wird diese Interessengegensätze nicht auflösen. Er kann aber Kommunikationskanäle stabilisieren. Gerade in einer Region mit Atomwaffen, Raketenprogrammen und wachsender militärischer Aktivität ist schon die Verlässlichkeit solcher Kanäle ein Sicherheitsfaktor.
Blick auf den APEC-Gipfel
Reuters zufolge dient die Reise auch der Vorbereitung weiterer hochrangiger Kontakte im Vorfeld des APEC-Gipfels in Shenzhen im November. Wang soll Präsident Lee Grüße von Xi Jinping übermitteln. Solche protokollarischen Details sind in der chinesischen Diplomatie Signale darüber, welchen Rang eine Beziehung aktuell besitzt.
Für Europa wird Ostasien häufig auf den Konflikt USA gegen China reduziert. Südkoreas Position zeigt, warum das zu grob ist. Mittelmächte verfolgen eigene Interessen, suchen wirtschaftliche Kooperation und wollen zugleich Sicherheitsabhängigkeiten begrenzen. Der Besuch Wang Yis ist deshalb ein kleines, aber relevantes Beispiel dafür, wie die asiatische Ordnung praktisch ausgehandelt wird: nicht nur auf Gipfeln der Supermächte, sondern in vielen bilateralen Beziehungen dazwischen.
