Zum Inhalt springen
KIVOZ · Nachrichten auf Faktenbasis
Aktuell
Wirtschaft

Mehr investieren, mehr verteidigen, mehr Zinsen: Deutschlands neue Rechnung für den Staatshaushalt

Die Bundesbank erwartet eine deutlich expansivere Finanzpolitik. Bis 2028 könnte die Defizitquote auf rund fünf Prozent steigen. Entscheidend ist nicht nur die Schuldenhöhe, sondern wofür das Geld eingesetzt wird.

Aktualisierung/Korrektur: Stand 27.08.2026, 08:45 Uhr. Prognosewerte der Bundesbank ausdrücklich als Prognosen gekennzeichnet.

Deutschlands Konjunktur sendet vorsichtige Erholungssignale, doch der Staatshaushalt bewegt sich in die entgegengesetzte Richtung: Die Ausgaben wachsen kräftig. Im August-Monatsbericht erwartet die Bundesbank, dass die gesamtstaatliche Defizitquote von 2,8 Prozent im Jahr 2025 bis 2028 auf rund fünf Prozent steigen könnte. Die Schuldenquote würde nach ihrer Juni-Prognose von 63,5 auf ungefähr 70 Prozent der Wirtschaftsleistung zunehmen.

Der wichtigste Treiber sind höhere Verteidigungsausgaben. Hinzu kommen nichtmilitärische Investitionen, Steuerentlastungen, Transfers und steigende Zinskosten. Das macht die neue Finanzlage komplizierter als die vertraute Debatte „Sparen oder Schulden machen“.

Schulden sind nicht gleich Schulden

Ökonomisch macht es einen Unterschied, ob Kredite laufenden Konsum finanzieren oder die Produktionsmöglichkeiten der Zukunft verbessern. Eine sanierte Bahnstrecke, ein leistungsfähiges Stromnetz oder digitale Verwaltung können langfristig Wachstum ermöglichen. Auch Verteidigungsfähigkeit erzeugt zwar keinen klassischen Marktertrag, ist aber unter veränderter Sicherheitslage eine staatliche Kernleistung.

Das bedeutet nicht, dass jede als „Investition“ bezeichnete Ausgabe automatisch sinnvoll ist. Projekte können zu teuer, schlecht geplant oder politisch motiviert sein. Je größer die Kreditspielräume, desto wichtiger werden Kosten-Nutzen-Prüfung, Beschaffungskontrolle und transparente Erfolgskriterien.

Der Zins ist zurück

Während der Niedrigzinsjahre konnte Deutschland zusätzliche Schulden teilweise zu extrem geringen Finanzierungskosten aufnehmen. Diese Welt ist vorbei. Die Bundesbank rechnet mit deutlich steigenden Zinslasten. Damit konkurriert jeder zusätzliche Euro für Schuldendienst mit Ausgaben für Bildung, Infrastruktur oder soziale Sicherung.

Das ist der zentrale Unterschied zwischen einer tragfähigen und einer problematischen expansiven Finanzpolitik: Wenn kreditfinanzierte Ausgaben das Wachstumspotenzial erhöhen, kann eine höhere Schuldenquote leichter tragbar bleiben. Wenn sie dauerhaft nur laufende Verpflichtungen vergrößern, steigt der Druck auf künftige Haushalte.

Gleichzeitig wächst die Wirtschaft wieder

Destatis hat das Wachstum im zweiten Quartal 2026 inzwischen auf 0,3 Prozent gegenüber dem Vorquartal revidiert. Gegenüber dem Vorjahresquartal lag das reale Plus bei 1,0 Prozent. Die Bundesbank spricht von einem erkennbaren Erholungskurs. Das verbessert grundsätzlich die fiskalische Ausgangslage, ist aber noch kein Boom, der hohe neue Verpflichtungen nebenbei finanziert.

Gerade deshalb sollte die Debatte nicht bei der Defizitquote enden. Fünf Prozent Defizit wären eine erhebliche Größenordnung. Aber die Zahl allein sagt noch nicht, ob Deutschland seine finanzielle Zukunft verspielt oder notwendige Versäumnisse nachholt. Dafür muss man auf die Zusammensetzung schauen.

Drei Prüfsteine

Erstens: Entstehen langlebige öffentliche Vermögenswerte oder neue dauerhafte Konsumansprüche? Zweitens: Werden Projekte schnell genug umgesetzt, damit zusätzliche Nachfrage nicht lediglich Preise treibt? Drittens: Gibt es für dauerhafte Mehrausgaben – etwa bei Verteidigung oder Sozialleistungen – auch dauerhafte Finanzierungskonzepte?

Die kommenden Haushalte werden damit zu einem Test deutscher Staatlichkeit. Nach Jahren, in denen fehlende Investitionen beklagt wurden, ist mehr Geld verfügbar. Die schwierigere Aufgabe beginnt erst jetzt: es so einzusetzen, dass aus höheren Defiziten tatsächlich höhere Leistungsfähigkeit entsteht.

Recherche- und Aktualisierungsstand: 27. August 2026, 08:45 Uhr. Die Bundesbank-Zahlen für 2028 sind Prognosen und keine feststehenden Haushaltsergebnisse.