Alice Weidel hat im ZDF-Sommerinterview eine der wirtschaftspolitisch weitreichendsten Forderungen der AfD bekräftigt: Deutschland solle den Euro verlassen. Ihre Begründung: Die Gemeinschaftswährung sei instabil, Deutschland sei es vor ihrer Einführung besser gegangen.
Der Satz trifft auf eine Wirtschaft, die gerade wieder vorsichtige Erholungssignale sendet. Deutschlands Industrie-PMI ist im August deutlich gestiegen, gleichzeitig bleiben Dienstleistungen schwach. Ein Währungswechsel wäre in dieser Situation kein technischer Austausch von Banknoten, sondern ein Eingriff in Verträge, Preise, Finanzierung und Außenhandel.
Der Euro ist für deutsche Exporte Alltag
Die Bundesbank verweist in ihrem August-Monatsbericht auf die internationale Rolle der Gemeinschaftswährung. Rund drei Viertel der deutschen Warenexporte werden in Euro fakturiert; selbst bei Exporten in Länder außerhalb der EU ist der Anteil hoch. Destatis meldete für 2025, dass 54,7 Prozent der Exporttransaktionen mit Drittstaaten in Euro abgerechnet wurden.
Das reduziert Wechselkursrisiken und Absicherungskosten. Eine neue deutsche Währung würde diese Beziehungen nicht über Nacht zerstören. Aber Unternehmen müssten Verträge umstellen, Währungsrisiken neu bewerten und mit einer Neubepreisung deutscher Vermögenswerte rechnen.
Eine stärkere neue Mark wäre nicht nur ein Vorteil
Befürworter eines Austritts argumentieren, Deutschland erhielte wieder eine eigene Geldpolitik. Das stimmt grundsätzlich. Eine eigenständige Zentralbank könnte Zinsen und Geldmenge stärker an der deutschen Konjunktur ausrichten.
Doch genau die erwartete Stärke einer neuen deutschen Währung wäre für Exporteure problematisch. Wertet sie gegenüber dem Euro auf, werden deutsche Waren für ausländische Käufer teurer. Gleichzeitig würden Importe günstiger. Gewinner und Verlierer wären also sehr ungleich verteilt.
Was bedeutet „instabil“?
Die Inflationsrate in Deutschland lag im Juli 2026 bei 2,8 Prozent. Das liegt über dem mittelfristigen Zwei-Prozent-Ziel der EZB, ist aber kein Beleg für einen Zusammenbruch der Währung. Seit Einführung des Euro gab es Phasen zu niedriger und zu hoher Inflation, eine Staatsschuldenkrise und die außergewöhnlichen Preisschocks nach Pandemie und Energiekrise.
Man kann die Konstruktion des Euroraums kritisieren: Volkswirtschaften mit unterschiedlicher Produktivität teilen eine Geldpolitik, fiskalische Integration bleibt begrenzt und Krisen erzeugen politische Verteilungskonflikte. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass ein deutscher Austritt wirtschaftlich günstiger wäre.
Die eigentliche Frage ist der Übergang
Für eine belastbare Bewertung müsste ein Austrittsplan beantworten, in welcher Währung bestehende Staatsschulden, Bankeinlagen, Kredite und grenzüberschreitende Verträge fortgeführt würden. Ebenso wichtig wäre, wie Kapitalflucht vor einem angekündigten Umstellungstag verhindert werden soll.
Genau deshalb sind einfache Wohlstandsvergleiche „vor und nach dem Euro“ methodisch schwach. Seit 1999 haben Globalisierung, China-Schock, Finanzkrise, Pandemie, Demografie und Energiepreise die deutsche Wirtschaft verändert. Keine dieser Entwicklungen lässt sich sauber aus der Währung herausrechnen.
Ein Euro-Ausstieg ist politisch denkbar. Ökonomisch wäre er jedoch keine Rückkehr in eine bekannte Vergangenheit, sondern der Beginn eines neuen Systems. Wer ihn fordert, trägt deshalb die Beweislast für einen detaillierten Übergangsplan – nicht nur für eine Diagnose der Schwächen des bestehenden Euro.