Deutschland steht vor einem klassischen gesundheitspolitischen Zielkonflikt. Die gesetzlichen Krankenkassen müssen steigende Ausgaben finanzieren, während die Pharmaindustrie davor warnt, dass stärkere Preisabschläge Forschung und Investitionen aus Deutschland vertreiben könnten. Nach einem Bericht der Financial Times geht es unter anderem um eine Verdopplung verpflichtender Herstellerabschläge auf 15,5 Prozent. Hintergrund ist eine für das Gesundheitssystem erwartete Finanzierungslücke von rund 19 Milliarden Euro.
Für Versicherte klingt die Rechnung zunächst einfach: Wenn patentgeschützte Arzneimittel teuer sind, müssen Hersteller einen größeren Teil der Kosten tragen. Doch Arzneimittelpreise erfüllen mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie finanzieren nicht nur Produktion, sondern sollen auch die hohen Kosten erfolgreicher und gescheiterter Forschung refinanzieren. Gleichzeitig besitzen Hersteller bei patentgeschützten Präparaten zeitweise erhebliche Marktmacht.
Die Warnung der Industrie
Unternehmen wie Merck KGaA, Boehringer Ingelheim und BioNTech argumentieren, zusätzliche Abschläge verschlechterten die internationale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands. Investitionen in Forschung, klinische Studien und Produktion seien mobil und könnten in die USA oder nach Asien verlagert werden. Einzelne Unternehmen haben bereits Investitionspläne reduziert oder infrage gestellt.
Diese Warnungen sind nicht wertlos, nur weil sie von Unternehmen mit Eigeninteresse kommen. Pharmaforschung ist kapitalintensiv, regulatorisch aufwendig und international umkämpft. Standortentscheidungen reagieren auf Steuern, Genehmigungszeiten, Fachkräfte, Zugang zu Kapital, Forschungsnetzwerke – und auch auf die erwartbaren Erlöse.
Aber Preis ist nicht der einzige Standortfaktor
Umgekehrt wäre es zu einfach, jede Preissenkung unmittelbar mit weniger Innovation gleichzusetzen. Deutschland bleibt ein großer, kaufkräftiger Absatzmarkt mit universeller Krankenversicherung, starken Universitätskliniken und einer langen industriellen Basis. Ob ein konkretes Forschungszentrum entsteht, hängt nicht allein vom Erstattungspreis eines Medikaments ab.
Die Bundesregierung muss deshalb zwei Fragen getrennt beantworten: Wie können kurzfristig die Kassen stabilisiert werden? Und wie bleibt Deutschland langfristig attraktiv für biomedizinische Forschung und Produktion? Werden beide Fragen vermischt, droht entweder eine industriepolitische Blankovollmacht oder eine Sparpolitik, die strategische Nebenwirkungen unterschätzt.
Die eigentliche Strukturfrage
Besonders heikel ist, dass Deutschland nicht nur Kosten senken, sondern zugleich eine widerstandsfähigere Arzneimittelversorgung aufbauen will. Die Pandemie und geopolitische Spannungen haben gezeigt, wie riskant einseitige Abhängigkeiten bei Wirkstoffen und Vorprodukten sein können. Mehr Produktion in Europa ist jedoch häufig teurer als Beschaffung aus Niedrigkostenstandorten.
Ein sinnvoller Kompromiss müsste deshalb stärker unterscheiden: zwischen echten therapeutischen Durchbrüchen und Präparaten mit geringem Zusatznutzen, zwischen Forschung und bloßer Vermarktung, zwischen strategisch wichtiger Produktion und austauschbaren Lieferketten. Das deutsche AMNOG-System versucht bereits, Zusatznutzen und Preis miteinander zu verbinden. Die Frage ist, ob pauschale zusätzliche Abschläge dieses Prinzip ergänzen oder verwässern.
Der Streit wird gern als Konflikt zwischen Patienten und Konzernen erzählt. Tatsächlich bezahlen Patienten als Beitrags- und Steuerzahler auch die Folgen eines schwachen Forschungsstandorts – und sie bezahlen über Beiträge hohe Medikamentenpreise. Die wirtschaftspolitische Kunst besteht darin, nicht den höchsten oder niedrigsten Preis anzustreben, sondern den Preis, der Innovation belohnt, Wettbewerb zulässt und die solidarische Finanzierung nicht überfordert.
