El Niño ist kein Produkt des Klimawandels. Das Klimaphänomen gab es lange vor der Industrialisierung. Eine neue Studie in Science liefert nun jedoch Hinweise darauf, dass die vom Menschen verursachte Erwärmung die Schwankungen des östlichen tropischen Pazifiks verstärkt hat. Grundlage sind Korallenarchive, die weit über die Zeit moderner Messbojen hinausreichen.
El Niño und seine Gegenphase La Niña bilden zusammen ENSO, die El Niño–Southern Oscillation. Dabei verschieben sich Meeresoberflächentemperaturen, Winde und Niederschlagsmuster im tropischen Pazifik. Die Folgen reichen weit über die Region hinaus: Dürren, Starkregen, Ernteausfälle und Temperaturrekorde können in verschiedenen Teilen der Welt wahrscheinlicher werden.
Warum Korallen Klimadaten speichern
Korallen wachsen Schicht für Schicht. Ihre Kalkskelette enthalten chemische Signaturen, die von Temperatur und Wasserzusammensetzung beeinflusst werden. Ähnlich wie Baumringe können diese Schichten Informationen über frühere Umweltbedingungen bewahren.
Das Forschungsteam nutzte Korallenmaterial aus dem Galápagos-Raum, um Schwankungen des östlichen Pazifiks über ungefähr ein Jahrtausend zu rekonstruieren. Das ist wichtig, weil direkte instrumentelle Messungen nur einen kleinen Ausschnitt natürlicher ENSO-Variabilität erfassen.
Natürliches Schwanken oder menschlicher Einfluss?
ENSO ist von Natur aus unregelmäßig. Ein besonders starkes El-Niño-Ereignis beweist deshalb für sich genommen keinen Klimawandeleinfluss. Forschende müssen zunächst wissen, wie groß die Schwankungsbreite vor dem starken menschlichen Treibhausgasausstoß war.
Genau hier helfen Paläoklimadaten. Die neue Arbeit berichtet eine Verstärkung der östlichen Pazifik-ENSO-Variabilität in der jüngeren Zeit gegenüber früheren Jahrhunderten. Klimamodelle und Korallenrekonstruktion werden miteinander verglichen, um den möglichen anthropogenen Anteil einzugrenzen.
Was die Studie nicht sagt
Sie sagt nicht, dass jeder El Niño künftig automatisch extremer wird. ENSO bleibt ein chaotisches gekoppeltes Ozean-Atmosphäre-System. Auch in einer wärmeren Welt wird es schwächere und stärkere Ereignisse geben. Sie sagt ebenfalls nicht, dass Klimawandel El Niño „verursacht“. Präziser ist: Treibhausgasbedingte Erwärmung verändert den Hintergrundzustand des Klimasystems und kann dadurch Eigenschaften eines bereits existierenden natürlichen Zyklus verändern.
Warum das gesellschaftlich relevant ist
Wenn sich die Verteilung möglicher ENSO-Ereignisse verschiebt, ändern sich Risiken für Landwirtschaft, Wasserwirtschaft, Katastrophenschutz und Versicherungen. Ein stärker schwankender tropischer Pazifik kann regionale Extremereignisse verstärken, ohne dass jede einzelne Dürre oder Überschwemmung allein ENSO zugeschrieben werden darf.
Die Stärke der neuen Studie liegt im langen Zeitfenster. Ihre Grenze liegt zugleich darin, dass Paläoklimarekonstruktionen indirekte Messungen sind und Unsicherheiten enthalten. Korallen sind keine Thermometer mit digitaler Anzeige; ihre chemischen Signale müssen kalibriert und statistisch interpretiert werden.
Attribution statt Schlagwort
Die Studie zeigt, warum Klimaforschung selten mit dem Satz „Der Klimawandel hat Ereignis X verursacht“ arbeitet. Attribution untersucht Wahrscheinlichkeiten, Intensitäten und veränderte Hintergrundbedingungen. Bei einem natürlichen Zyklus wie ENSO ist diese Präzision besonders wichtig: Natürlich und menschengemacht sind keine Gegensätze. Ein natürlicher Mechanismus kann durch einen menschengemachten Klimatrend verändert werden.