Hitze treibt nicht nur den Stromverbrauch durch Klimaanlagen. Sie kann gleichzeitig die Stromproduktion begrenzen. Genau diese Kombination hat Europas Strommarkt in dieser Woche getroffen: In Frankreich mussten Kernkraftwerke wegen hoher Flusstemperaturen ihre Leistung reduzieren, während in Deutschland ungewöhnlich wenig Wind verfügbar war. Die Day-ahead-Preise stiegen in beiden Ländern um mehr als ein Fünftel.
Reuters bezifferte den französischen Preis zeitweise auf 142,50 Euro je Megawattstunde und den deutschen auf 138,50 Euro. Solche kurzfristigen Ausschläge sind nicht identisch mit dem Preis auf der privaten Stromrechnung. Sie zeigen aber, wie sensibel ein Energiesystem reagiert, wenn mehrere große Erzeugungsquellen gleichzeitig schwächeln.
Warum Hitze Kernkraftwerke bremsen kann
Kernkraftwerke benötigen große Mengen Kühlwasser. Wird Wasser aus Flüssen entnommen und erwärmt zurückgeleitet, gelten ökologische Grenzwerte für Temperatur und Erwärmung. Bei extrem warmen und wasserarmen Flüssen kann deshalb die Leistung reduziert werden, selbst wenn der Reaktor technisch verfügbar wäre. In Frankreich waren laut Reuters Einschränkungen von bis zu 7,3 Gigawatt möglich – ungefähr zwölf Prozent der französischen Kernkraftkapazität.
Das ist kein spezifisch französisches Kuriosum. Thermische Kraftwerke benötigen Kühlung; hohe Wassertemperaturen und niedrige Pegel können deshalb grundsätzlich fossile wie nukleare Anlagen treffen. Frankreich fällt besonders auf, weil Kernenergie einen sehr großen Anteil seiner Stromerzeugung stellt.
Deutschland hatte das entgegengesetzte Wetterproblem
Während Frankreich zu viel Wärme im Kühlwasser hatte, fehlte Deutschland Wind. Die erwartete Windstromproduktion lag nach Marktdaten rund 8,1 Gigawatt niedriger und damit deutlich unter saisonalen Durchschnittswerten. Hochdrucklagen, die sommerliche Hitze bringen, gehen häufig mit schwachem Wind einher.
Die Lücke wird dann durch andere Erzeuger, Importe, Speicher oder flexible Nachfrage geschlossen. In dieser Woche kamen zusätzlich höhere Gaspreise und ein größerer Strombedarf durch Kühlung hinzu. Damit wurde aus einer meteorologischen Besonderheit ein Preissignal.
Der europäische Markt ist Teil der Lösung, nicht nur Teil des Problems
Wenn in einem Land Erzeugung fehlt, können Nachbarländer Strom liefern. Das reduziert die Menge an Reservekapazität, die jedes Land allein vorhalten müsste. Gleichzeitig übertragen sich Knappheiten über Grenzen. Hohe französische Nachfrage kann deutsche Preise beeinflussen und umgekehrt.
Das führt regelmäßig zu der Forderung, nationale Strommärkte stärker abzuschotten. Ökonomisch wäre das jedoch teuer: Ein Verbundsystem kann unterschiedliche Wetterlagen ausgleichen. Entscheidend ist, dass Netze, Speicher und flexible Erzeugung mit dem wachsenden Anteil wetterabhängiger Energie Schritt halten.
Was die Episode nicht beweist
Der Preissprung beweist weder, dass erneuerbare Energien grundsätzlich unzuverlässig seien, noch dass Kernenergie grundsätzlich keine Versorgungssicherheit bieten könne. Er zeigt vielmehr, dass jede Technologie spezifische Risiken besitzt. Wind hängt vom Wetter ab; Solarenergie von Tageszeit, Bewölkung und Jahreszeit; Wasserkraft von Niederschlag; thermische Kraftwerke von Brennstoff und Kühlung.
Ein robustes System versucht deshalb nicht, eine einzige Technologie wetterfest zu erklären. Es kombiniert unterschiedliche Quellen, Speicher, Netze und flexible Verbraucher so, dass Ausfälle nicht gleichzeitig das gesamte System treffen.
Klimawandel verändert die Planung
Häufigere und intensivere Hitzewellen verändern dabei historische Annahmen. Kraftwerksbetreiber, Netzplaner und Regulierer müssen stärker berücksichtigen, dass hohe Temperaturen gleichzeitig Nachfrage erhöhen, Flüsse erwärmen und Windlagen verändern können. Auch Stromleitungen verlieren bei hohen Temperaturen etwas Übertragungskapazität.
Die langfristige Antwort besteht daher nicht in Panik über einen einzelnen Börsentag, sondern in Resilienz: mehr grenzüberschreitende Leitungen, Speicher, steuerbare Kapazitäten, flexible Tarife und eine Stromnachfrage, die bestimmte Prozesse in weniger knappe Stunden verschieben kann.
Der aktuelle Preissprung ist damit eine Art Stresstest. Europas Stromsystem hat die Knappheit bewältigt – aber zu höheren Kosten. Je häufiger extreme Wetterlagen werden, desto wichtiger wird die Frage, ob solche Situationen Ausnahme bleiben oder zum regelmäßigen Bestandteil der Energieökonomie werden.
