Zum Inhalt springen
KIVOZ · Nachrichten auf Faktenbasis
Aktuell
Meinung

Vorauseilender Gehorsam: Wie Big Tech sich vor Trump kleiner macht

Google macht aus Lake Ontario für US-Nutzer binnen Tagen „Lake America“, Meta kippt Faktenchecks, Techkonzerne überweisen Millionen zur Amtseinführung. Das erinnert nicht an NS-Deutschland – wohl aber an einen Mechanismus, den Historiker als Selbstgleichschaltung kennen.

Aktualisierung/Korrektur: Stand 30.08.2026. Meinungsbeitrag. Die Umbenennung von Lake Ontario zu „Lake America“ gilt nur für die US-Namensdaten; Google zeigt in Kanada weiterhin „Lake Ontario“ und außerhalb der USA/Kanadas beide Namen. Der NS-Vergleich bezieht sich ausdrücklich nur auf den Mechanismus freiwilliger institutioneller Anpassung und ist keine Gleichsetzung von Trump bzw. den USA mit Hitler oder dem NS-Staat.

Beitragsbild: Archivaufnahme eines Abendessens von Donald Trump mit Wirtschafts- und Technologieführungskräften im Weißen Haus im September 2025. Foto: Andrea Hanks / The White House / Wikimedia Commons, Public Domain.

Meinung. Es gibt Formen politischer Unterwerfung, für die kein Polizist an der Tür klingeln muss. Kein Gesetz muss drohen, kein Ministerium muss anrufen. Es genügt, wenn mächtige Institutionen früh genug erraten, was der Mächtige hören, sehen oder auf einer Landkarte lesen möchte – und sich entsprechend einrichten.

Genau deshalb ist die jüngste Episode um „Lake America“ mehr als eine alberne Namensposse. Donald Trump ließ Lake Ontario in den Vereinigten Staaten per Anordnung in „Lake America“ umbenennen. Google erklärte daraufhin, das U.S. Geographic Names Information System habe den Namen formal geändert und Google Maps übernehme solche Änderungen nach langjähriger Praxis. Für Nutzer in den USA wird der See deshalb als „Lake America“ angezeigt, für kanadische Nutzer weiter als „Lake Ontario“, außerhalb beider Länder mit beiden Namen.

Das ist zunächst einmal eine sachlich nachvollziehbare Unternehmensregel. Google hat den Namen nicht erfunden, und es ist nicht ungewöhnlich, dass Kartenanbieter staatliche Namensdaten verwenden. Gerade deshalb ist der Vorgang interessant: Zwischen politischer Provokation und digitaler Normalität lagen nur wenige Tage. Was gestern noch wie ein bizarrer Einfall des Präsidenten klang, steht heute auf dem Bildschirm von Millionen Menschen.

Wenn aus einer Laune Infrastruktur wird

Landkarten sind keine neutralen Tapeten. Sie bestimmen, was als normal, offiziell und selbstverständlich erscheint. Wer eine politische Umbenennung beinahe augenblicklich in die Infrastruktur des Alltags überführt, hilft ihr, genau diesen Status zu gewinnen. Google kann sich auf Datenbankregeln berufen. Doch auch Regeln sind Entscheidungen. Das Unternehmen hätte für US-Nutzer beide Namen anzeigen, einen Hinweis ergänzen oder die Änderung zunächst redaktionell einordnen können. Stattdessen wurde die staatliche Benennung technisch sauber und nahezu geräuschlos operationalisiert.

Das Muster ist größer als ein See.

Nach Trumps Wahlsieg 2024 spendeten Google, Meta und Amazon jeweils eine Million Dollar für seine Amtseinführung. Amazon übertrug die Zeremonie zusätzlich über Prime Video. Sam Altman kündigte persönlich eine Million Dollar an. Uber spendete eine Million, sein Vorstandschef Dara Khosrowshahi noch einmal denselben Betrag. Reuters beschrieb diese Welle offen als Versuch großer Unternehmen, vor Beginn der neuen Amtszeit ein gutes Verhältnis zur künftigen Regierung aufzubauen.

Spenden an Amtseinführungen sind in den USA nicht ungewöhnlich und für sich genommen kein Beweis politischer Unterwerfung. Auffällig war die Konzentration: Konzerne, die Trump zuvor jahrelang attackiert hatte oder die mit seiner ersten Amtszeit offen im Konflikt lagen, standen plötzlich mit Scheckbuch und guten Wünschen bereit.

Meta entdeckt kurz vor Trump die neue Liebe zur „freien Rede“

Besonders drastisch fiel der Kurswechsel bei Meta aus. Anfang Januar 2025, wenige Tage vor Trumps Rückkehr ins Weiße Haus, kündigte Mark Zuckerberg das Ende des externen Faktencheck-Programms in den USA an. Zugleich wurden Moderationsregeln gelockert, die proaktive Suche nach bestimmten problematischen Inhalten reduziert und Moderationsteams teilweise aus Kalifornien nach Texas verlagert.

Meta begründete das mit Meinungsfreiheit und dem Vorwurf, Faktenchecks seien zu oft zu einem Instrument der Zensur geworden. Das ist eine legitime Position, über die man streiten kann. Doch der Zeitpunkt ist politisch kaum zu übersehen. Derselbe Konzern, der Trump nach dem Angriff auf das Kapitol 2021 zeitweise von Facebook und Instagram ausgeschlossen hatte, spendete nun eine Million Dollar für seine Amtseinführung und änderte kurz vor Amtsantritt zentrale Moderationsregeln.

Es muss dafür keinen geheimen Anruf aus Mar-a-Lago gegeben haben. Genau das ist der Punkt.

Vorauseilender Gehorsam funktioniert ohne Befehl

Der Begriff, der hier weiterhilft, stammt aus einem historischen Zusammenhang, mit dem man äußerst vorsichtig umgehen muss: Selbstgleichschaltung.

Historiker beschreiben die nationalsozialistische Gleichschaltung nach 1933 nicht nur als Gewalt- und Gesetzesprozess von oben. Das United States Holocaust Memorial Museum und die Bundeszentrale für politische Bildung weisen ausdrücklich darauf hin, dass zahlreiche gesellschaftliche Institutionen sich auch von unten selbst an das neue Machtzentrum anpassten. Verbände, Organisationen, Teile der Presse und gesellschaftliche Eliten richteten sich neu aus, teilweise bevor der Staat sie vollständig dazu zwang.

Diese historische Beobachtung ist unbequem, weil sie einen Mythos zerstört: Diktaturen funktionieren nicht ausschließlich deshalb, weil jeder Abweichler sofort mit vorgehaltener Pistole gezwungen wird. Sie werden mächtiger, wenn Institutionen beginnen, den vermuteten Willen der Macht von selbst zu erfüllen.

Nein: Trump ist nicht Hitler, und Amerika ist nicht NS-Deutschland

Hier muss jede seriöse Analogie eine klare Grenze ziehen. Die Vereinigten Staaten des Jahres 2026 sind nicht das Deutschland des Jahres 1933. Trump ist nicht Hitler. In den USA existieren weiterhin konkurrierende Parteien, Wahlen, Gerichte, Bundesstaaten mit eigener Macht, unabhängige Medien, eine aktive Zivilgesellschaft und politische Opposition. Es gibt keine mit dem NS-Staat vergleichbare Einparteienherrschaft, keine Gleichschaltung durch SA-Terror und kein rassistisches Vernichtungsregime.

Wer diese Unterschiede verwischt, verharmlost die nationalsozialistische Diktatur und versteht zugleich die Gegenwart schlechter.

Aber historische Vergleiche müssen nicht Gleichsetzungen sein. Man kann Mechanismen vergleichen. Und einer dieser Mechanismen ist erschreckend zeitlos: Mächtige Institutionen fragen nicht mehr zuerst „Was dürfen wir?“, „Was ist richtig?“ oder „Wo müssen wir widersprechen?“, sondern „Was erwartet die neue Macht von uns – und wie schnell können wir uns darauf einstellen?“

Die Wirtschaftseliten von 1933 waren übrigens ebenfalls keine einheitliche Hitler-Fangemeinde

Auch hier ist die Geschichte komplizierter als die Legende. Die deutsche Großindustrie stand vor Hitlers Ernennung zum Reichskanzler keineswegs geschlossen hinter der NSDAP. Die Forschung beschreibt eine gespaltene Wirtschaftselite. Einige Industriezweige unterstützten Hitler, andere blieben skeptisch oder bevorzugten konservative Alternativen.

Nach der Machtübernahme änderte sich die Rechnung. Das Holocaust Memorial Museum dokumentiert, wie Banken und Unternehmen zunehmend mitwirkten, jüdische Mitarbeiter entließen, „Arisierungen“ abwickelten und später vom Regime profitierten. Nicht jeder Beteiligte war überzeugter Nationalsozialist. Gewinninteressen, Unternehmensschutz und Anpassung spielten eine zentrale Rolle.

Das ist kein Nebendetail. Es zeigt, warum moralisches Versagen nicht immer mit ideologischer Begeisterung beginnt. Manchmal beginnt es mit Risikomanagement.

Das amerikanische moralische Hochross

Nach 1945 haben die Vereinigten Staaten – oft mit gutem Grund – immer wieder die Frage an Deutschland gestellt: Warum widersprachen so wenige früher? Warum passten sich Richter, Beamte, Unternehmer, Universitäten und Medien so schnell an? Warum warteten so viele, bis offener Widerstand lebensgefährlich geworden war?

Diese Frage war berechtigt. Gerade deshalb besitzt die heutige Entwicklung eine bittere Ironie.

Amerikanische Eliten haben Deutschen gern erklärt, Zivilcourage beginne vor dem totalen Zusammenbruch der Demokratie. Dass Institutionen Verantwortung tragen. Dass „Ich musste doch“ eine schlechte Entschuldigung ist, wenn in Wahrheit noch erheblicher Handlungsspielraum bestand.

Nun lässt sich dieselbe Frage an einige der mächtigsten Unternehmen der amerikanischen Geschichte richten: Wenn ihr wirklich über mehr Geld verfügt als manche Staaten, wenn eure Rechtsabteilungen Armeen von Anwälten beschäftigen und eure Plattformen das öffentliche Gespräch von Milliarden Menschen prägen – warum benehmt ihr euch dann bei jedem politischen Wetterwechsel wie ein kleiner Ladenbesitzer, der hofft, der örtliche Parteisekretär möge ihn bitte nicht bemerken?

Google hat eine Erklärung. Gerade das macht den Fall so lehrreich

Beim „Lake America“ wäre es unfair, Google schlichte Propagandaabsicht zu unterstellen. Das Unternehmen verweist auf eine transparente, seit langem angewandte Regel: offizielle Namensänderungen staatlicher Stellen werden regional in Maps übernommen. In Kanada bleibt es Lake Ontario. International werden beide Namen angezeigt.

Doch institutionelle Verantwortung endet nicht dort, wo ein Prozess dokumentiert ist. Eine Plattform, die entscheidet, welche Realität Milliarden Menschen auf ihren Bildschirmen sehen, kann sich nicht vollständig hinter einer Behördendatenbank verstecken. Besonders dann nicht, wenn die betreffende Namensänderung erkennbar Teil einer politischen Machtdemonstration gegenüber einem Nachbarstaat ist.

Technische Neutralität kann in einem politischen Konflikt selbst politisch wirken.

Bezos und die Kunst, rechtzeitig unpolitisch zu werden

Auch Jeff Bezos liefert ein Beispiel dafür, wie dünn die Grenze zwischen Prinzip und Vorsicht sein kann. Kurz vor der Präsidentschaftswahl 2024 entschied der Eigentümer der Washington Post, dass das Blatt künftig keine Präsidentschaftskandidaten mehr unterstützen solle. Eine bereits vorbereitete Wahlempfehlung für Kamala Harris wurde nicht veröffentlicht.

Bezos bestritt ein politisches Tauschgeschäft und argumentierte, Wahlempfehlungen schadeten dem Vertrauen in Medien. Diese Begründung ist nicht absurd. Doch die Entscheidung fiel ausgerechnet wenige Tage vor einer Wahl, in der Trump offen mit Vergeltung gegen Gegner gedroht hatte. Innerhalb der Zeitung führte das zu Rücktritten und massiven Protesten.

Auch hier muss niemand beweisen, dass Trump einen Befehl erteilt hat. Eine Demokratie hat ein Problem, wenn Befehle gar nicht mehr nötig sind.

Die eigentliche Machtprobe findet vor der Anordnung statt

Es ist leicht, Demokratie zu verteidigen, solange Verteidigung kostenlos ist. Interessant wird es, sobald Marktanteile, Regierungsaufträge, Kartellverfahren, Regulierung, Steuerpolitik oder der persönliche Zugang zum Präsidenten auf dem Spiel stehen.

Big Tech besitzt wie kaum eine andere Branche die Mittel, politische Macht auszuhalten. Google, Meta, Amazon und ihre Eigentümer verfügen über Kapital, Anwälte, Lobbystrukturen, internationale Märkte und öffentliche Reichweite. Wenn ausgerechnet solche Akteure frühzeitig Nähe suchen, Regeln neu interpretieren oder symbolische Entscheidungen der Regierung ohne sichtbare Reibung in den Alltag übersetzen, dann ist das nicht Ausdruck von Ohnmacht.

Es ist eine Entscheidung über Prioritäten.

Was die Deutschen angeblich hätten tun sollen

Die amerikanische Nachkriegslektion an Deutschland lautete nie ernsthaft, dass jeder Deutsche 1933 allein Hitler hätte stürzen müssen. Die wichtigere Lehre war: Richter hätten Recht verteidigen sollen. Unternehmer hätten nicht jede Gelegenheit zur Anpassung und Bereicherung nutzen sollen. Universitäten hätten ihre Kollegen nicht bereitwillig ausstoßen sollen. Medien hätten nicht jedes neue Machtverhältnis sofort als Normalität behandeln sollen.

Mit anderen Worten: Institutionen sollten ihre institutionelle Macht benutzen, solange sie sie noch besitzen.

Genau deshalb ist der Vergleich mit der Selbstgleichschaltung historisch nützlich. Nicht weil das Ergebnis dasselbe wäre. Sondern weil die erste Frage dieselbe ist: Wie viel Druck war tatsächlich nötig – und wie viel Anpassung geschah freiwillig?

Amerika sollte sich seine eigene historische Frage gefallen lassen

Die Vereinigten Staaten haben der Welt jahrzehntelang erklärt, Demokratie sei mehr als ein Wahltag. Sie bestehe aus Normen, unabhängigen Institutionen, Widerspruch, einer freien Presse und Menschen, die nicht bei jeder Machtverschiebung ihre Überzeugungen neu sortieren.

Das war richtig.

Dann muss das Land aber auch ertragen, dass andere heute denselben Maßstab anlegen.

Wenn ein Präsident einen international bekannten See aus politischem Trotz umbenennt und eine der wichtigsten Informationsplattformen der Welt die Änderung binnen Tagen in den Alltag übernimmt, ist das kein neuer Faschismus. Wenn Konzerne Millionen für eine Amtseinführung überweisen, ist das keine Gleichschaltung. Wenn Meta seine Moderationspolitik ändert, ist das nicht 1933.

Aber wenn all diese Dinge zusammen ein Klima zeigen, in dem wirtschaftliche Eliten vor allem darum konkurrieren, möglichst früh auf der richtigen Seite der Macht zu stehen, dann sollte gerade eine Gesellschaft mit so ausgeprägtem demokratischem Selbstbild nervös werden.

Denn die gefährlichste Form des Gehorsams ist manchmal nicht der, den eine Regierung erzwingt.

Es ist der Gehorsam, den sie gar nicht mehr verlangen muss.


Hinweis zur historischen Einordnung: Dieser Beitrag vergleicht ausdrücklich nicht Donald Trump mit Adolf Hitler und nicht die heutigen USA mit der nationalsozialistischen Diktatur. Gegenstand des Vergleichs ist allein der historisch beschriebene Mechanismus der freiwilligen institutionellen Anpassung bzw. „Selbstgleichschaltung“. Die Unterschiede zwischen einem demokratischen Verfassungsstaat und der NS-Diktatur sind grundlegend.