Meinung. Dreizehn Angriffe auf Anlagen von Naftogaz innerhalb einer Woche sind keine Randnotiz des Krieges. Sie erinnern Europa an eine unangenehme Wahrheit: Humanitäre Hilfe und militärische Unterstützung lassen sich in der Ukraine nicht sauber voneinander trennen.
Wenn ein Transformator zerstört wird, kann Europa einen neuen liefern. Wenn ein Heizwerk beschädigt wird, können Kommunen Generatoren schicken. Das ist richtig und notwendig. Aber wenn dieselbe Anlage Wochen später erneut von einer russischen Rakete getroffen wird, entsteht eine absurde Schleife: Europa finanziert Reparatur, Russland finanziert Zerstörung.
Schutz ist Teil humanitärer Hilfe
Deshalb sollte Luftverteidigung nicht nur als militärische Kategorie behandelt werden. Ein Patriot-System schützt nicht abstrakt „die Front“. Je nach Stationierung schützt es Städte, Kraftwerke, Krankenhäuser und Wasserwerke. Abfangraketen können damit ganz konkret ziviles Leben und europäische Wiederaufbauhilfe schützen.
Natürlich gibt es Grenzen. Luftverteidigung ist knapp, teuer und niemals lückenlos. Die Ukraine muss priorisieren. Europa kann auch nicht jedes amerikanische System kurzfristig ersetzen. Aber diese Einschränkungen sprechen für eine langfristige europäische Produktionsstrategie – nicht für Resignation.
Russlands Strategie darf nicht belohnt werden
Russland hat seit Beginn seines großangelegten Angriffskriegs wiederholt ukrainische Energieinfrastruktur angegriffen. Das erzeugt nicht nur unmittelbaren Schaden. Es zwingt die Ukraine, Personal, Geld und Material für Reparaturen einzusetzen, verschlechtert die wirtschaftliche Lage und soll die Bevölkerung zermürben.
Wer angesichts solcher Angriffe vor allem fordert, die Ukraine müsse ihre Verteidigung einstellen, verwechselt Ursache und Reaktion. Das Selbstverteidigungsrecht der Ukraine folgt aus Artikel 51 der UN-Charta. Es verpflichtet niemanden, jede ukrainische militärische Entscheidung gutzuheißen. Es bedeutet aber, den grundlegenden Unterschied zwischen Aggressor und Verteidiger nicht zu verwischen.
Europa braucht eine Winterstrategie
Die sinnvollste Unterstützung besteht aus drei Ebenen: erstens Abwehr durch Flugabwehr und elektronische Kampfführung; zweitens Resilienz durch dezentrale Energieerzeugung, Ersatzteile und geschützte Infrastruktur; drittens schnelle Reparatur, wenn Schutz versagt.
Diese Ebenen sollten nicht in getrennten politischen Töpfen gedacht werden. Ein Land, das Transformatoren finanziert, hat ein eigenes finanzielles und humanitäres Interesse daran, dass diese Transformatoren nicht wenige Wochen später wieder zerstört werden.
Der kommende Winter beginnt deshalb politisch jetzt. Produktionsverträge für Abfangraketen, Ersatztransformatoren oder dezentrale Kraft-Wärme-Anlagen wirken nicht über Nacht. Wer erst reagiert, wenn Wohnungen im Januar kalt sind, reagiert Monate zu spät.
Europa hat der Ukraine viel geholfen. Die nächste Stufe muss darin bestehen, Hilfe stärker vom Ergebnis her zu denken. Nicht: Wie viele Generatoren wurden geliefert? Sondern: Wie viele Menschen behalten zuverlässig Strom und Wärme? Nicht: Wie viele Flugabwehrsysteme wurden angekündigt? Sondern: Wie viele kritische Anlagen können tatsächlich geschützt werden?
Solidarität wird belastbarer, wenn sie messbar wird. Und im Fall der ukrainischen Energieversorgung ist das wichtigste Maß im Winter sehr einfach: Das Licht bleibt an.
