MEINUNG. Nach jedem schweren russischen Angriff auf eine ukrainische Stadt folgen dieselben Bilder: Rauch, Glasscherben, Rettungskräfte, Politiker mit Beileidsbekundungen. Der Angriff auf das Einkaufszentrum in Krywyj Rih, bei dem mindestens 15 Menschen starben und rund 130 verletzt wurden, sollte Europa daran erinnern, dass Solidarität ohne Schutzwirkung irgendwann zur Formel wird.
Die Ukraine braucht Geld, Munition, Energiehilfe und langfristige wirtschaftliche Unterstützung. Aber für Menschen, die an einem Freitagnachmittag in einem Einkaufszentrum stehen, entscheidet eine andere Fähigkeit über Leben und Tod: ob anfliegende Drohnen und Raketen rechtzeitig erkannt und abgefangen werden können.
Luftverteidigung ist ziviler Schutz
Es ist ein Fehler, Flugabwehr ausschließlich als militärische Unterstützung zu betrachten. Wenn Patriot-, IRIS-T-, NASAMS- und andere Systeme Städte schützen, erfüllen sie eine Funktion, die in Friedenszeiten Katastrophenschutz hieße. Sie verhindern, dass Wohnungen, Krankenhäuser, Kraftwerke und Einkaufszentren getroffen werden.
Natürlich existiert keine perfekte Abwehr. Interzeptoren sind teuer, Produktionskapazitäten begrenzt, und Russland verändert seine Angriffsmuster. Gerade deshalb muss Europa priorisieren: mehr Produktion, gemeinsame Beschaffung, verlässliche mehrjährige Bestellungen und eine Arbeitsteilung, bei der Staaten nicht erst nach jedem Großangriff improvisieren.
Selbstverteidigung endet nicht an der Grenze
Zur Schutzlogik gehört auch, der Ukraine nicht künstlich jede Möglichkeit zu nehmen, militärische Startplätze, Flugplätze und Logistik auf russischem Gebiet anzugreifen, sofern dabei das humanitäre Völkerrecht eingehalten wird. Ein Staat muss sich gegen einen Angriff nicht darauf beschränken, Geschosse erst über dem eigenen Territorium abzufangen.
Das bedeutet keinen Freibrief. Ukrainische Angriffe müssen militärischen Zielen gelten, Zivilisten schützen und verhältnismäßig sein. Gerade wer Russlands Verstöße gegen das Kriegsrecht kritisiert, sollte diese Regeln universell verteidigen.
Verhandlungen brauchen ebenfalls Schutz
Diplomatie und militärische Unterstützung werden oft als Gegensätze präsentiert. Das ist falsch. Eine Ukraine, deren Städte jederzeit mit massiven Luftangriffen erpresst werden können, verhandelt nicht freier, sondern unter Zwang. Schutzfähigkeit verbessert deshalb auch die Bedingungen ernsthafter Diplomatie.
Europa kann den Krieg nicht allein durch Luftverteidigung beenden. Es kann aber verhindern, dass Russland aus Angriffen auf das zivile Hinterland einen dauerhaften strategischen Vorteil gewinnt. Nach Krywyj Rih sollte die entscheidende Frage nicht lauten, welcher europäische Politiker die schärfste Verurteilung formuliert. Sie sollte lauten: Welche zusätzliche Schutzwirkung erreicht die nächste Entscheidung?