MEINUNG. Wer über ausländische Ärzte spricht, darf über Sprachprobleme, Anerkennungsverfahren und Qualitätsstandards sprechen. Er sollte es sogar. Patientensicherheit ist kein Tabuthema. Aber der Begriff „Importärzte“ macht aus Menschen eine austauschbare Ware – und aus einem komplexen Versorgungsproblem einen Kulturkampf.
Deutschland braucht mehr eigene Medizinstudienplätze. Diese Forderung ist vernünftig. Sie wird nur dann unseriös, wenn so getan wird, als könne man damit die internationale Realität des Gesundheitssystems kurzfristig ersetzen.
Mehr Ausbildung: ja. Falsches Entweder-oder: nein.
Rund 64.000 Ärzte ohne deutsche Staatsangehörigkeit arbeiteten nach amtlichen Angaben 2024 in Deutschland. Wer glaubt, man könne diese Abhängigkeit innerhalb weniger Jahre politisch wegentscheiden, sollte erklären, wer in der Übergangszeit die Dienste übernimmt.
Ein Medizinstudium dauert Jahre. Danach folgt die Facharztweiterbildung. Selbst ein massiver Ausbau der Studienplätze wäre deshalb eine Investition in die Zukunft, kein Sofortprogramm für den nächsten Winter.
Qualität muss geprüft werden – individuell
Natürlich gibt es Fälle, in denen Sprachkenntnisse nicht ausreichen. Natürlich können Anerkennungsverfahren Fehler haben. Die Antwort darauf sind bessere Prüfungen, einheitlichere Standards und gute Sprachförderung.
Was nicht funktioniert, ist Herkunft als Qualitätsindikator. Ein im Ausland ausgebildeter Arzt ist nicht automatisch schlechter – genauso wenig wie ein deutscher Abschluss automatisch einen hervorragenden Arzt garantiert. Wer ernsthaft Qualität sichern will, muss Kompetenzen messen.
Deutschland sollte sich auch selbstkritisch fragen, woher seine Fachkräfte kommen
Es gibt einen legitimen Einwand gegen aggressive internationale Rekrutierung: Wohlhabende Staaten können Gesundheitspersonal aus Ländern abziehen, die es selbst dringend brauchen. Diese ethische Frage verdient mehr Aufmerksamkeit. Deutschland sollte deshalb nicht nur rekrutieren, sondern Ausbildungskooperationen unterstützen und sich an internationalen Regeln für faire Anwerbung orientieren.
Auch das spricht gegen den Begriff „Importarzt“. Menschen werden nicht importiert wie Erdgas oder Kupfer. Sie treffen Berufs- und Lebensentscheidungen, ziehen um, gründen Familien und werden Teil von Teams und Gemeinden.
Der bessere politische Streit wäre konkreter
Wie viele zusätzliche Studienplätze sollen entstehen? Was kostet das? Wie viele Ärzte gehen in den kommenden zehn Jahren in Ruhestand? Welche Regionen sind unterversorgt? Wie schnell werden ausländische Abschlüsse geprüft? Welche Sprachprüfung schützt Patienten am besten? Das sind Fragen, an denen sich Regierungspolitik messen lässt.
Die AfD hat einen legitimen Punkt, wenn sie mehr Ausbildung im Inland verlangt. Ärztepräsident Klaus Reinhardt hat einen ebenso legitimen – und kurzfristig entscheidenden – Punkt, wenn er sagt, dass ausländische Ärzte dringend gebraucht werden. Politik wird besser, wenn sie solche Wahrheiten zusammenhält, statt sie gegeneinander auszuspielen.
Dieser Text ist ein Meinungsbeitrag. Tatsachengrundlage und Recherche-Stand: 28. August 2026, 08:38 Uhr MESZ.