Zum Inhalt springen
KIVOZ · Nachrichten auf Faktenbasis
Aktuell
Faktencheck Faktencheck

Faktencheck: Ist Deutschland seit dem Atomausstieg dauerhaft Stromimporteur? Nein

Deutschland importiert Strom – aber ist es deshalb dauerhaft abhängig vom Ausland? Neue Destatis-Zahlen zeigen: Im ersten Quartal 2026 war Deutschland erstmals seit Ende 2023 wieder Nettoexporteur.

Aktualisierung/Korrektur: Stand der Prüfung: 10.08.2026. Aussagen zum Nettoimport oder -export können sich von Quartal zu Quartal ändern.

Eine häufige Behauptung in der energiepolitischen Debatte lautet: Seit dem Atomausstieg sei Deutschland dauerhaft zum Stromimporteur geworden und könne sich nicht mehr selbst versorgen. Die Aussage klingt einfach – ist in dieser Form aber falsch.

Deutschland importiert tatsächlich regelmäßig Strom aus seinen Nachbarländern. Es exportiert aber ebenso regelmäßig Strom. Entscheidend ist die Bilanz aus beiden Richtungen. Und die kann sich je nach Jahreszeit, Preisen, Wind, Sonne, Kraftwerksverfügbarkeit und Nachfrage ändern.

Was zeigen die neuesten Zahlen?

Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes wurden im ersten Quartal 2026 insgesamt 126,6 Milliarden Kilowattstunden Strom in Deutschland erzeugt und ins Netz eingespeist. Das waren 6,0 Prozent mehr als im ersten Quartal 2025.

53,3 Prozent der inländischen Stromerzeugung stammten aus erneuerbaren Energieträgern. Die Stromproduktion aus erneuerbaren Quellen stieg gegenüber dem Vorjahresquartal um 13,9 Prozent auf 67,5 Milliarden Kilowattstunden.

Besonders relevant für die Behauptung vom dauerhaften Importland: Die Stromexporte stiegen um 20,4 Prozent, während die Importe um 15,5 Prozent sanken. Damit war Deutschland erstmals seit dem vierten Quartal 2023 wieder Nettoexporteur von Strom.

Heißt das, Deutschland ist generell Stromexporteur?

Nein. Auch die gegenteilige pauschale Aussage wäre falsch. Deutschland war in mehreren Quartalen zuvor Nettoimporteur. Stromhandel ist kein statischer Zustand, sondern Teil des europäischen Strommarktes.

Strom fließt über Grenzen, wenn es wirtschaftlich oder technisch sinnvoll ist. Ein Land kann an einem Tag viel exportieren und wenige Stunden später importieren. Entscheidend ist nicht, ob überhaupt Strom importiert wird, sondern zu welchen Zeiten, Mengen und Preisen.

Warum importiert Deutschland überhaupt Strom?

Im europäischen Verbund werden Kraftwerke nicht an jeder Landesgrenze getrennt voneinander eingesetzt. Wenn Strom in Frankreich, Dänemark oder den Niederlanden in einer bestimmten Stunde günstiger verfügbar ist als zusätzliche Erzeugung in Deutschland, kann ein Import volkswirtschaftlich sinnvoll sein.

Umgekehrt exportiert Deutschland bei hoher Wind- oder Solarproduktion sowie bei günstiger konventioneller Erzeugung Strom in Nachbarländer.

Importe sind deshalb nicht automatisch ein Zeichen von „Strommangel“. Sie können ebenso Ausdruck eines funktionierenden Binnenmarktes sein.

Welche Rolle spielt der Atomausstieg?

Der Wegfall der letzten deutschen Kernkraftwerke hat die verfügbare inländische Erzeugung verändert. Es wäre deshalb ebenfalls falsch zu behaupten, der Atomausstieg habe keinerlei Einfluss auf Stromhandel und Kraftwerkseinsatz gehabt.

Ob Deutschland in einem konkreten Zeitraum netto importiert oder exportiert, hängt jedoch von deutlich mehr Faktoren ab: Wetter, Brennstoffpreise, Nachfrage, Kraftwerksausfälle, Netze, Strompreise in den Nachbarstaaten und die Verfügbarkeit erneuerbarer Energien.

Aus der zeitlichen Nähe zwischen Atomausstieg und Importüberschüssen in einzelnen Quartalen lässt sich daher keine dauerhafte technische Abhängigkeit ableiten.

Mehr als die Hälfte der Stromerzeugung war erneuerbar

Die Destatis-Zahlen zeigen noch eine zweite Entwicklung. Im ersten Quartal 2026 kamen 53,3 Prozent der in Deutschland erzeugten und eingespeisten Strommenge aus erneuerbaren Quellen. Ihre Erzeugung wuchs gegenüber dem Vorjahresquartal deutlich.

Das bedeutet nicht, dass die Energiewende abgeschlossen wäre. Gerade Dunkelflauten, Netzausbau, Speicher und flexible Kraftwerksleistung bleiben Herausforderungen. Die Daten zeigen aber, dass der Umbau des Stromsystems nicht mit einer simplen Formel „Atomkraft weg = dauerhafter Stromimport“ beschrieben werden kann.

KIVOZ-Fazit

Behauptung: Deutschland ist seit dem Atomausstieg dauerhaft Stromimporteur.

Bewertung: falsch.

Deutschland war nach dem Atomausstieg über längere Zeiträume Nettoimporteur, im ersten Quartal 2026 aber wieder Nettoexporteur. Stromimporte gibt es weiterhin – ebenso Exporte. Wer den europäischen Stromhandel seriös bewerten will, muss deshalb Zeiträume, Mengen und Preise betrachten statt einzelne Importmeldungen als Beweis für eine dauerhafte Abhängigkeit zu verwenden.