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Faktencheck: Lässt sich der Fachkräftemangel ohne Zuwanderung lösen?

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will den Arbeitskräftemangel in Sachsen-Anhalt „aus eigener Kraft“ und ausdrücklich nicht mit Zuwanderung lösen. Familienpolitik, Automatisierung und heimische Arbeitskräfte können helfen – für die kurzfristige Lücke liefern die verfügbaren Daten aber keinen belastbaren Ersatz für Erwerbsmigration.

Aktualisierung/Korrektur: Überarbeitet am 14.08.2026: aus einer abstrakten Migrationsbehauptung wurde ein konkreter Faktencheck der AfD-Position von Ulrich Siegmund; Gegenargumente der AfD fair dargestellt und Urteil auf kurzfristige Umsetzbarkeit eingegrenzt.
Hauptgebäude der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Behauptung: Der Arbeits- und Fachkräftemangel lasse sich ohne Zuwanderung aus dem Ausland lösen. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund sagte beim Wahlforum „RND vor Ort“ auf die Frage nach Arbeitskräften für rund 17.000 offene Stellen in Sachsen-Anhalt: „Ganz sicherlich nicht aus dem Ausland.“ Deutschland müsse es „aus eigener Kraft schaffen“.

Urteil: als kurzfristige Gesamtlösung nicht durch die Daten gedeckt. Die von Siegmund und der AfD genannten Instrumente – höhere Erwerbsbeteiligung, weniger Bürokratie, Automatisierung, KI und Familienpolitik – können den Arbeitskräftebedarf beeinflussen. Die verfügbaren Beschäftigungs- und Demografiedaten zeigen aber nicht, dass sie die in den nächsten Jahren entstehende Lücke ohne Erwerbsmigration vollständig schließen können.

Was die AfD tatsächlich vorschlägt

Für einen fairen Faktencheck reicht es nicht, nur einen zugespitzten Satz zu prüfen. Die AfD-Bundestagsfraktion hat im Februar 2026 einen Antrag unter dem Titel „Technisierung statt Zuwanderung – Für einen leistungsfähigen Arbeitsmarkt“ veröffentlicht. Darin nennt sie mehrere Ansatzpunkte: stärkere Familienförderung, bessere Ausbildung, die Rückkehr hochqualifizierter Deutscher, längere Erwerbstätigkeit Älterer, Aktivierung von Arbeitslosen sowie mehr Automatisierung und künstliche Intelligenz.

Das sind nicht alles unrealistische Ideen. Eine höhere Erwerbsbeteiligung und Produktivität können Arbeitskräftemangel tatsächlich dämpfen. Automatisierung kann Tätigkeiten übernehmen, und Menschen, die heute unfreiwillig Teilzeit arbeiten oder nicht erwerbstätig sind, bilden ein zusätzliches Potenzial.

Die Frage ist deshalb nicht, ob diese Maßnahmen etwas bewirken können. Die überprüfbare Frage lautet, ob sie Zuwanderung als Teil der Fachkräftesicherung kurzfristig überflüssig machen.

Die Ausgangslage: weniger Menschen rücken nach

Die Bundesagentur für Arbeit beschreibt den demografischen Wandel sehr deutlich. Zwischen 2014 und 2024 ist die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter mit deutscher Staatsangehörigkeit um rund 3,9 Millionen gesunken. Im selben Zeitraum nahm die ausländische Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um rund 3,4 Millionen zu.

Seit 2024 wird das Beschäftigungswachstum nach Angaben der Bundesagentur ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Das bedeutet nicht, dass deutsche Beschäftigte „verschwinden“. Es bedeutet, dass der zusätzliche Beschäftigungsaufbau netto aus der ausländischen Bevölkerung kommt, während bei Deutschen die Alterung stärker wirkt.

Auch Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze beschreibt die demografische Relation im Land drastisch: Auf zwei Menschen, die in den Ruhestand gehen, komme nur etwa ein Mensch neu auf den Arbeitsmarkt. Das ist eine politische Aussage eines Konkurrenten Siegmunds, aber sie illustriert dasselbe strukturelle Problem, das auch die Bundesagentur bundesweit beschreibt.

Kann man mehr Menschen aus der stillen Reserve aktivieren?

Ja. In Sachsen-Anhalt gibt es nach Schulzes Angaben Zehntausende grundsätzlich arbeitsfähige Menschen, die derzeit nicht beschäftigt sind. Bundesweit existieren ebenfalls Reserven: Arbeitslose, Menschen in unfreiwilliger Teilzeit, Personen mit Betreuungspflichten oder Menschen, deren Qualifikationen nicht zu offenen Stellen passen.

Diese Reserven zu mobilisieren ist sinnvoll. Aber eine Zahl potenziell Erwerbsfähiger ist nicht identisch mit einer Zahl sofort passender Fachkräfte. Eine unbesetzte Stelle für einen Facharzt, Elektroniker oder Pflegefachkraft lässt sich nicht allein dadurch besetzen, dass irgendwo ein arbeitsfähiger Mensch ohne die nötige Qualifikation gemeldet ist. Qualifizierung kann diese Lücke verkleinern, braucht aber Zeit.

Hinzu kommt ein regionales Problem: Arbeitskräfte und offene Stellen befinden sich nicht immer am selben Ort. Umzug, Pendeln, Wohnungsmarkt und familiäre Bindungen begrenzen die theoretische Mobilität.

Automatisierung kann Arbeit ersetzen – aber nicht beliebig

Die AfD setzt stark auf Technisierung und KI. Ökonomisch ist das ein ernstzunehmender Ansatz. Wenn ein Unternehmen mit derselben Zahl Beschäftigter mehr produzieren kann, sinkt der Personalbedarf pro Einheit. Deutschland braucht angesichts seiner Alterung ohnehin höhere Produktivität.

Doch Automatisierung ist je nach Tätigkeit sehr unterschiedlich möglich. Routineaufgaben in Verwaltung, Produktion oder Logistik lassen sich leichter automatisieren als viele Tätigkeiten in Pflege, Erziehung, Handwerk oder persönlicher Dienstleistung. Auch neue Technik muss entwickelt, gekauft, eingerichtet und gewartet werden – und benötigt dafür wiederum qualifizierte Arbeitskräfte.

Technisierung und Zuwanderung sind daher nicht zwangsläufig Gegensätze. Ein Betrieb kann gleichzeitig automatisieren und für die verbleibenden komplexeren Aufgaben zusätzliche Fachkräfte aus dem Ausland einstellen.

Familienpolitik wirkt vor allem langfristig

Siegmund verweist auf eine „vernünftige Familienpolitik“. Auch hier ist der Zeithorizont entscheidend. Selbst wenn politische Maßnahmen die Geburtenzahl sofort deutlich erhöhen würden, stünden die zusätzlich geborenen Kinder erst ungefähr zwei Jahrzehnte später als reguläre Arbeitskräfte zur Verfügung.

Beim Wahlforum wurde Siegmund genau auf dieses Problem angesprochen. Er verwies auf ein Drei-Stufen-Modell mit kurz-, mittel- und langfristigen Maßnahmen. Welche kurzfristige Kombination die akuten offenen Stellen vollständig ohne Zuzug schließen könnte, erläuterte er nach dem dpa-Bericht jedoch nicht.

Familienpolitik kann also Teil einer langfristigen Demografiestrategie sein. Sie ist keine kurzfristige Antwort auf Stellen, die 2026 oder 2027 unbesetzt sind.

Was zeigen die bisherigen Zuwanderungsdaten?

Zwischen Juni 2014 und Juni 2025 entfielen 43 Prozent des Beschäftigungszuwachses auf Drittstaatsangehörige und weitere 26 Prozent auf Menschen aus EWR-Staaten und der Schweiz. Ausländische Beschäftigte sind damit bereits ein erheblicher Teil des Arbeitsmarkts.

In Engpassberufen hat sich ihr Anteil seit 2014 von sieben auf rund 14 Prozent verdoppelt. In vielen ostdeutschen Regionen gehen Beschäftigungszuwächse laut Bundesagentur nahezu ausschließlich auf ausländische Arbeitnehmer zurück.

Auch die Integration Geflüchteter ist nicht mit Arbeitsmigration gleichzusetzen, zeigt aber, dass die pauschale Annahme einer wirtschaftlich wirkungslosen Zuwanderung nicht trägt: Die Zahl sozialversicherungspflichtig Beschäftigter aus den wichtigsten Fluchtherkunftsländern hat sich laut Bundesagentur innerhalb von fünf Jahren mehr als verdoppelt.

Was die Daten nicht beweisen

Die Bundesagentur beweist damit nicht, dass jede Zuwanderung sinnvoll oder jede Migrationspolitik erfolgreich ist. Arbeitsmigration, EU-Freizügigkeit, Flucht, Familiennachzug und irreguläre Migration sind unterschiedliche Kategorien. Auch Kosten für Integration, Wohnen, Bildung und Sozialleistungen müssen politisch betrachtet werden.

Ebenso wenig lässt sich beweisen, dass Deutschland theoretisch niemals ohne zusätzliche Zuwanderung auskommen könnte. Eine Gesellschaft könnte auf Arbeitskräftemangel auch mit weniger Produktion, höherem Rentenalter, wesentlich höherer Erwerbsbeteiligung, massiver Automatisierung oder einer anderen Wirtschaftsstruktur reagieren.

Das wäre jedoch eine andere Aussage als die Behauptung, die heutige Fachkräftelücke lasse sich mit den bislang genannten Maßnahmen kurzfristig vollständig im Inland schließen.

Fazit

Die AfD benennt mit Automatisierung, Aktivierung vorhandener Arbeitskräfte und Familienpolitik reale Stellschrauben. Diese Ansätze pauschal als wirkungslos abzutun wäre ebenso unsauber wie Zuwanderung als einzige denkbare Antwort darzustellen.

Aber die Größenordnung und der Zeithorizont sprechen gegen Siegmunds kategorische Formulierung „ganz sicherlich nicht aus dem Ausland“. Deutschland verliert altersbedingt Arbeitskräfte, ausländische Beschäftigte tragen bereits das gesamte Netto-Beschäftigungswachstum, und Familienpolitik kann die akute Lücke naturgemäß nicht in wenigen Jahren schließen.

KIVOZ-Urteil: Die These, der bestehende Fachkräftemangel könne kurzfristig ohne Zuwanderung aus dem Ausland vollständig bewältigt werden, ist derzeit unbelegt und steht im Spannungsverhältnis zu den Beschäftigungs- und Demografiedaten. Technisierung und Aktivierung inländischer Potenziale können den Bedarf reduzieren, ersetzen nach heutigem Datenstand aber keine belastbar dargestellte Brücke für die kommenden Jahre.

Recherche- und Aktualisierungsstand: 14. August 2026.