Urteil: verkürzt/irreführend. Große Photovoltaikanlagen verändern tatsächlich das lokale Mikroklima. Sie beeinflussen Strahlung, Wind, Luft- und Bodentemperatur sowie die Verteilung von Niederschlagswasser. Die pauschale Behauptung, Solarparks führten zu lokaler Erwärmung und Bodenaustrocknung, bildet die wissenschaftliche Befundlage aber nicht angemessen ab.
Die Ausgangsbehauptung
Im Regierungsprogramm der AfD Sachsen-Anhalt heißt es im Abschnitt gegen großflächige Solarparks auf Kulturlandschaften und Ackerland sinngemäß, Photovoltaikanlagen führten dort zu lokaler Erwärmung und Bodenaustrocknung. Die Partei leitet daraus die Forderung ab, Solarenergie stärker auf bereits versiegelten Flächen und Dächern zu konzentrieren.
Der zweite Teil ist eine politische Abwägung: Man kann Freiflächen-PV wegen Landschaftsbild, Flächenkonkurrenz oder Naturschutz kritisch beurteilen. Prüfbar ist jedoch die naturwissenschaftliche Begründung.
Erwärmung: Ja, ein Effekt ist möglich
Eine häufig zitierte Studie in Scientific Reports untersuchte eine große PV-Anlage in einer trockenen Landschaft in Arizona. Dort waren die Lufttemperaturen über der Anlage nachts regelmäßig etwa drei bis vier Grad höher als über benachbartem Wüstenland. Die Autoren beschrieben einen „Photovoltaic Heat Island“-Effekt. Solarpaneele verändern Albedo, Verschattung, Vegetation und die Art, wie Energie tagsüber aufgenommen und nachts wieder abgegeben wird.
Das ist ein realer Befund – aber kein universelles Gesetz. Andere Untersuchungen finden je nach Standort, Vegetation, Anlagenhöhe und Tageszeit kühlere Böden oder Lufttemperaturen unter den Modulen. Bei Dach-PV in Städten können wiederum andere Effekte auftreten als bei Freiflächenanlagen auf Grasland.
Bodenaustrocknung: Dafür ist die pauschale Aussage besonders schwach
Photovoltaikmodule beschatten den Boden und reduzieren direkte Sonneneinstrahlung. Dadurch kann Verdunstung sinken. In agrivoltaischen Experimenten wurden teilweise höhere Bodenfeuchten und geringerer Trockenstress gemessen. Eine Studie in trockenen Regionen fand unter Agrivoltaik tagsüber im Mittel niedrigere Lufttemperaturen und höhere Bodenwassergehalte als auf unbeschatteten Kontrollflächen.
Auch Untersuchungen großer PV-Anlagen in Wüstenregionen berichten lokal erhöhte Bodenfeuchtigkeit. Gleichzeitig ist die Wasserverteilung räumlich ungleich: Regen läuft an Modulkanten konzentriert ab, sodass unter einem Teil der Anlage trockenere und an anderen Stellen feuchtere Zonen entstehen können. Bauweise, Bodenverdichtung und Vegetationsmanagement spielen eine große Rolle.
Solarpark ist nicht gleich Solarpark
Der wichtigste Punkt ist deshalb die Systemgrenze. Eine Anlage, für die Vegetation entfernt und Boden stark verdichtet wird, verändert ein Ökosystem anders als eine hoch aufgeständerte Agrivoltaikanlage mit dauerhafter Vegetation. Eine Anlage in der Wüste ist nicht ohne Weiteres auf einen Acker in Sachsen-Anhalt übertragbar.
Auch „lokale Erwärmung“ muss präzisiert werden. Gemeint sein können Modultemperatur, Bodenoberfläche, Luft in zwei Metern Höhe oder nächtliche Durchschnittstemperatur. Ein Panel kann tagsüber sehr heiß sein, während der beschattete Boden darunter gleichzeitig kühler bleibt. Beides kann gleichzeitig wahr sein.
Was an der AfD-Kritik berechtigt ist
Freiflächen-PV ist kein ökologisch folgenloser Eingriff. Sie verändert Lebensräume und Mikroklima, kann mit Landwirtschaft konkurrieren und erfordert Standortplanung. Die Forderung, zunächst Dächer und versiegelte Flächen zu nutzen, ist eine legitime politische Präferenz. Ebenso ist Forschung zu lokalen Wärmeeffekten sinnvoll.
Irreführend wird die Begründung dort, wo aus möglichen standortspezifischen Effekten eine eindeutige Kausalkette „Solarpark = Erwärmung + Austrocknung“ wird. Gerade bei der Bodenfeuchte zeigen mehrere Studien das Gegenteil oder räumlich gemischte Effekte.
Fazit
Photovoltaikanlagen verändern das Mikroklima. Ein lokaler Wärmeinseleffekt ist unter bestimmten Bedingungen nachgewiesen. Eine generelle Bodenaustrocknung ist dagegen nicht belegt; Beschattung kann Bodenfeuchte sogar erhöhen. Welche Wirkung dominiert, hängt stark von Standort und Anlagenbau ab.
KIVOZ-Urteil: verkürzt/irreführend.
Recherche- und Aktualisierungsstand: 27. August 2026, 08:45 Uhr. Studien aus unterschiedlichen Klimazonen sind nur eingeschränkt auf Sachsen-Anhalt übertragbar; genau diese Unsicherheit ist Teil des Urteils.