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Faktencheck: Kann Sachsen-Anhalt den Fachkräftemangel „aus eigener Kraft“ ohne Zuwanderung lösen?

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund will den Fachkräftemangel ohne Zuwanderung lösen. Familienpolitik, Technik und Bürokratieabbau können helfen – für den akuten demografischen Engpass reichen sie nicht.

Aktualisierung/Korrektur: Recherche- und Aktualisierungsstand: 19.08.2026. Geprüft wird die arbeitsmarktpolitische Tragfähigkeit der Aussage, nicht eine moralische Bewertung von Zuwanderung.

Urteil: als kurzfristige Strategie unbelegt und in der pauschalen Form irreführend.

AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund hat erklärt, Sachsen-Anhalt beziehungsweise Deutschland müsse den Fachkräftemangel „aus eigener Kraft“ lösen und dürfe Zuwanderung nicht als zentrale Antwort betrachten. Als Alternativen nennt er unter anderem Familienpolitik, weniger Bürokratie, eine schlankere Verwaltung und neue Technologien.

Diese Instrumente können Arbeitskräfteengpässe tatsächlich reduzieren. Das Problem ist der Zeithorizont. Kinder, die aufgrund besserer Familienpolitik heute zusätzlich geboren würden, stehen dem Arbeitsmarkt frühestens in etwa zwei Jahrzehnten zur Verfügung. Offene Stellen müssen aber heute besetzt werden.

Was die Bundesagentur sagt

Die Bundesagentur für Arbeit kommt in einer aktuellen Analyse zu einem klaren Befund: Seit 2024 wird das Beschäftigungswachstum in Deutschland ausschließlich von ausländischen Beschäftigten getragen. Die Zahl deutscher und auch EU-Beschäftigter sinkt demografisch bereits, während besonders Beschäftigte aus Drittstaaten den Arbeitskräftebedarf stabilisieren.

Das ist keine Aussage, dass jede Form von Migration wirtschaftlich gleich wirkt. Arbeitsmigration, Fluchtmigration und Familiennachzug unterscheiden sich bei Qualifikation, Erwerbsbeteiligung und Integrationskosten. Für die Frage des Arbeitskräfteangebots ist aber entscheidend, dass die Bevölkerung deutscher Staatsangehörigkeit im Erwerbsalter schrumpft.

Kann Technik die Lücke schließen?

Automatisierung und künstliche Intelligenz können Produktivität erhöhen und manche Tätigkeiten ersetzen. Das ist ein reales Gegenargument zur Vorstellung, jede ausscheidende Arbeitskraft müsse eins zu eins ersetzt werden. Gerade in Verwaltung, Industrie und Logistik bestehen erhebliche Automatisierungspotenziale.

Doch Technik löst nicht jeden Engpass. Pflege, Handwerk, Erziehung, Medizin oder viele Dienstleistungen enthalten Tätigkeiten, die sich nur teilweise automatisieren lassen. Außerdem benötigt die Einführung neuer Technik selbst Fachkräfte und Investitionen.

Was ist mit Arbeitslosen und Teilzeit?

Auch im Inland gibt es Reserven: bessere Kinderbetreuung kann unfreiwillige Teilzeit reduzieren, Weiterbildung kann Arbeitslose für Engpassberufe qualifizieren, längere Erwerbstätigkeit Älterer kann helfen. Solche Maßnahmen sind sinnvoll unabhängig von der Migrationspolitik.

Sie haben aber Grenzen. Qualifikation braucht Zeit, regionale Mobilität ist nicht beliebig und nicht jeder Arbeitslose passt zu jeder offenen Stelle. Deshalb spricht die Arbeitsmarktforschung nicht von einer einzigen Lösung, sondern von einem Mix aus höherer Erwerbsbeteiligung, Produktivität, Qualifizierung und Zuwanderung.

Was an Siegmunds Kritik berechtigt ist

Es wäre ebenfalls irreführend zu behaupten, Deutschland könne Fachkräftemangel ausschließlich durch Migration lösen. Ohne bessere Ausbildung, schnellere Anerkennung von Abschlüssen, weniger Bürokratie und höhere Produktivität würde selbst hohe Zuwanderung strukturelle Probleme nur teilweise beheben. Zudem muss Zuwanderung so gestaltet werden, dass Qualifikationen zum Bedarf passen und Integration funktioniert.

Die Daten widersprechen aber der Vorstellung, Zuwanderung sei für den aktuellen Arbeitsmarkt verzichtbar. Wer sie stark reduzieren will, müsste konkret beziffern, wie viele Arbeitsstunden durch höhere Erwerbsbeteiligung, Automatisierung und Qualifizierung kurzfristig zusätzlich entstehen sollen. Genau diese belastbare Rechnung fehlt bislang.

Der Satz „aus eigener Kraft“ ist damit eher ein politisches Zielbild als eine empirisch belegte Arbeitsmarktstrategie.