Kommentar. In Kyjiw brennen nach russischen Raketenangriffen erneut Gebäude. Gleichzeitig trifft die Ukraine militärisch relevante Ziele hunderte Kilometer tief in Russland. Genau an diesem Punkt taucht regelmäßig die Sorge auf, ukrainische Langstreckenangriffe könnten den Krieg „nach Russland tragen“.
Diese Formulierung verdreht die Ausgangslage. Russland hat den Krieg in die Ukraine getragen. Seit Februar 2022 entscheidet Moskau täglich, den Angriff fortzusetzen. Die russische Grenze kann deshalb kein Schutzschild sein, hinter dem Flugplätze, Raketenwerke und Depots unangreifbar bleiben, während von dort aus ukrainische Städte bombardiert werden.
Reichweite ist kein Selbstzweck
Das bedeutet nicht, jeden ukrainischen Angriff unkritisch zu begrüßen. Auch ein angegriffener Staat ist an das humanitäre Völkerrecht gebunden. Zivile Ziele bleiben zivil. Verhältnismäßigkeit und Vorsichtsmaßnahmen gelten auch bei legitimer Selbstverteidigung.
Gerade deshalb ist die Unterscheidung zwischen einem militärischen Flugplatz und einem Wohnviertel so wichtig. Wer diese Kategorien verwischt, schwächt die moralische und rechtliche Position der Ukraine.
Die alte westliche Vorsicht hatte einen Preis
Westliche Regierungen begrenzten lange die Verwendung gelieferter Waffen gegen Ziele in Russland. Die Sorge vor Eskalation war nachvollziehbar. Doch sie hatte eine operative Nebenwirkung: Russland konnte Teile seiner Angriffsinfrastruktur außerhalb der unmittelbaren Reichweite ukrainischer Systeme platzieren und von dort weiter Krieg führen.
Abschreckung funktioniert schlecht, wenn nur eine Seite strategische Tiefe besitzt. Eine Raketenbasis wird nicht weniger militärisch relevant, weil sie 300 statt 30 Kilometer hinter der Grenze liegt.
Ukrainische Eigenentwicklungen verändern die Debatte
Mit eigenen Langstreckendrohnen und Marschflugkörpern reduziert Kyjiw die Abhängigkeit von politischen Freigaben seiner Partner. Das ist aus ukrainischer Sicht rational. Ein Land, das um sein Überleben kämpft, wird versuchen, die Produktions- und Startpunkte der Waffen zu erreichen, mit denen es angegriffen wird.
Für Europas Politik sollte daraus keine Distanzierung folgen, sondern eine klarere Doktrin: Unterstützung der Ukraine schließt das Recht ein, legitime militärische Ziele des Aggressors auch auf dessen Staatsgebiet zu bekämpfen.
Keine Euphorie über Waffen
Gleichzeitig wäre es falsch, Flamingo oder irgendein anderes System zur Wunderwaffe zu erklären. Der Krieg wird nicht durch einen spektakulären Schlag gewonnen. Produktion, Logistik, Luftverteidigung, Soldaten und internationale Unterstützung bleiben entscheidend.
Waffen sind Mittel zum Zweck. Der Zweck ist nicht, Russland möglichst viel Schaden zuzufügen, sondern den russischen Angriff so teuer und militärisch erfolglos zu machen, dass die Ukraine ihre Souveränität sichern kann.
Die Verantwortung für das Ende der Angriffe liegt in Moskau
Russland könnte die ukrainischen Angriffe auf sein militärisches Hinterland am zuverlässigsten beenden: indem es seinen Angriffskrieg beendet. Solange russische Raketen und Drohnen ukrainische Städte treffen, ist die Forderung, die Ukraine solle militärische Ausgangspunkte jenseits der Grenze grundsätzlich verschonen, keine Neutralität. Sie würde dem Aggressor einen geografischen Vorteil garantieren.
Europa sollte deshalb zwei Sätze gleichzeitig vertreten können: Ukrainische Selbstverteidigung hat rechtliche Grenzen. Aber die russische Staatsgrenze ist keine davon.
