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WELT und das ‚Auswanderungs-Allzeithoch‘: Die Rekordzahl stimmt – der ‚Aderlass‘ ist damit nicht bewiesen

WELT berichtet von einem Allzeithoch bei der Auswanderung deutscher Staatsangehöriger. Die Zahl von 288.579 Fortzügen im Jahr 2025 stimmt. Sie beweist aber weder einen dauerhaften ‚Aderlass‘ noch, dass überwiegend Hochqualifizierte Deutschland endgültig verlassen.

Aktualisierung/Korrektur: Stand der Prüfung: 11.08.2026. Die Bewertung trennt die amtlich bestätigte Rekordzahl der Fortzüge von weitergehenden Aussagen zu Dauer, Motivation und Qualifikation der Fortziehenden.
Abflugtafel am Flughafen Zürich.

Mediencheck: Anfang Juni 2026 meldete WELT, die Auswanderung deutscher Staatsangehöriger habe ein Allzeithoch erreicht. Im Jahr 2025 seien 288.579 Deutsche aus Deutschland fortgezogen. In weiteren Beiträgen aus dem Springer-Umfeld und in der politischen Debatte wurde daraus schnell eine größere Erzählung: Deutschland verliere seine jungen, leistungsbereiten und gut ausgebildeten Bürger – ein wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Aderlass.

Die zugrunde liegende Rekordzahl ist belastbar. Die weitergehende Deutung lässt sich aus dieser Statistik allein jedoch nicht ableiten.

Die Zahl 288.579 stimmt

Das Statistische Bundesamt weist für 2025 tatsächlich 288.579 Fortzüge deutscher Staatsangehöriger ins Ausland aus. Damit wurde der bislang höchste Wert der verfügbaren Jahresreihe erreicht. Wer ausschließlich die Zahl der Fortzüge betrachtet, kann deshalb korrekt von einem Rekord sprechen.

Auch die längerfristige Entwicklung ist nicht frei erfunden: Deutschland weist bei deutschen Staatsangehörigen bereits seit vielen Jahren einen negativen Wanderungssaldo auf. Es ziehen also mehr Deutsche ins Ausland als aus dem Ausland nach Deutschland zurück beziehungsweise zuziehen.

Die zweite Zahl gehört zwingend dazu: 191.890 Zuzüge

Im selben Jahr registrierte Destatis aber auch 191.890 Zuzüge deutscher Staatsangehöriger aus dem Ausland. Der Wanderungssaldo der deutschen Bevölkerung lag damit bei minus 96.689.

Für die demografische Wirkung ist dieser Saldo aussagekräftiger als die Bruttozahl der Fortzüge allein. Die Aussage „288.579 Deutsche haben Deutschland verlassen“ ist statistisch richtig; sie ist aber nicht gleichbedeutend mit „Deutschland hat 288.579 Deutsche dauerhaft verloren“.

Für die gesamte Bevölkerung – also über alle Staatsangehörigkeiten hinweg – verzeichnete Deutschland 2025 nach Angaben des Statistischen Bundesamtes weiterhin einen positiven Wanderungssaldo von rund 235.000 Personen. Das ändert nichts am negativen Saldo deutscher Staatsangehöriger, zeigt aber, dass die Gesamtwanderung eine andere Richtung hatte.

Destatis zählt Wanderungsfälle, nicht zwingend unterschiedliche Menschen

Ein methodischer Punkt wird in zugespitzten Debatten besonders leicht übersehen. Die Wanderungsstatistik des Statistischen Bundesamtes erfasst Zu- und Fortzüge als Wanderungsfälle. Ein und dieselbe Person kann innerhalb eines Jahres mehrfach erfasst werden, wenn sie mehrfach über die deutsche Grenze umzieht und sich entsprechend an- oder abmeldet.

Die Statistik beantwortet also zuverlässig die Frage, wie viele grenzüberschreitende An- und Abmeldungen registriert wurden. Sie ist nicht automatisch eine Zählung von 288.579 einzigartigen Menschen, die Deutschland einmalig und endgültig verlassen haben.

„Ausgewandert“ bedeutet in der Statistik nicht „für immer weg“

Die amtliche Wanderungsstatistik kennt bei der Abmeldung nicht zuverlässig die zukünftige Lebensplanung einer Person. Jemand kann für Studium, Arbeit, Partnerschaft oder Ruhestand ins Ausland gehen und nach Monaten oder Jahren zurückkehren. Umgekehrt kann ein zunächst befristet geplanter Aufenthalt dauerhaft werden.

Aus der Jahreszahl allein lässt sich deshalb nicht bestimmen, wie viele der Fortgezogenen Deutschland endgültig verlassen wollen. Auch die im selben Jahr registrierten Zuzüge Deutscher enthalten Rückkehrer, ohne dass aus der aggregierten Tabelle für jede Person eine individuelle Wanderungsbiografie entsteht.

Belegt die Zahl einen „Brain Drain“?

Auch das lässt sich aus dieser Statistik allein nicht sagen. Die Destatis-Tabelle unterscheidet die Fortziehenden in der veröffentlichten Standardauswertung nicht danach, ob sie Ärztinnen, Ingenieure, Unternehmerinnen, Studierende, Rentner oder Menschen ohne abgeschlossene Berufsausbildung sind.

Andere wissenschaftliche Untersuchungen können durchaus zeigen, dass deutsche Auswanderer in bestimmten Stichproben überdurchschnittlich gut qualifiziert sind oder dass wirtschaftliche Motive eine Rolle spielen. Solche Erkenntnisse dürfen aber nicht nachträglich so behandelt werden, als seien sie unmittelbar Bestandteil der Zahl 288.579.

Für die Aussage, wer 2025 ausgewandert ist, warum diese Personen gingen und wie lange sie bleiben wollen, wären zusätzliche Daten nötig. Die reine Wanderungsstatistik liefert diese Antworten nicht.

Ein Rekord kann gleichzeitig real und erklärungsbedürftig sein

Dass die Bruttofortzüge deutscher Staatsangehöriger einen Höchstwert erreicht haben, ist gesellschaftlich durchaus relevant. Hohe Fortzüge können auf attraktive Arbeitsmärkte im Ausland, internationale Lebensläufe, Steuer- und Abgabenunterschiede, Wohnkosten, persönliche Beziehungen oder Unzufriedenheit mit politischen und wirtschaftlichen Bedingungen hinweisen.

Welche Faktoren dominieren, ist aber eine empirische Frage. Eine Schlagzeile kann einen Rekordwert benennen. Sie sollte daraus nicht ohne weitere Belege die Ursache ableiten.

Warum die Formulierung „Aderlass“ mehr behauptet als die Statistik

Der Begriff „Aderlass“ enthält bereits eine Bewertung: Er suggeriert einen substanziellen und dauerhaften Verlust besonders wertvoller Bevölkerungsgruppen. Dafür müsste man mindestens Alter, Qualifikation, Erwerbsstatus, Motive und Rückkehrwahrscheinlichkeit der Fortziehenden betrachten.

Die amtliche Jahreszahl belegt zunächst etwas Schlichteres: 2025 wurden so viele Fortzüge deutscher Staatsangehöriger registriert wie nie zuvor in der vorliegenden Reihe; gleichzeitig gab es knapp 192.000 Zuzüge Deutscher und damit einen negativen Saldo von knapp 97.000.

KIVOZ-Urteil

Die WELT-Schlagzeile zum Allzeithoch ist sachlich richtig. 288.579 registrierte Fortzüge deutscher Staatsangehöriger im Jahr 2025 sind amtlich bestätigt.

Die weitergehende Erzählung eines dauerhaften „Aderlasses“ oder eines nachgewiesenen massenhaften Verlusts der Hochqualifizierten wird durch diese Zahl allein nicht getragen. Die Statistik enthält gleichzeitig 191.890 Zuzüge Deutscher, zählt Wanderungsfälle statt zwingend einzigartiger Personen und sagt in ihrer Standardauswertung nichts darüber aus, ob ein Aufenthalt dauerhaft ist oder welche Qualifikation die Fortziehenden haben.

Der sauberere journalistische Satz wäre deshalb: Die Fortzüge deutscher Staatsangehöriger erreichten 2025 einen Rekord; der negative Wanderungssaldo betrug knapp 97.000. Warum Menschen gehen und wie viele dauerhaft fortbleiben, muss mit zusätzlichen Daten untersucht werden.